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Titusbrief – Auslegung

Herbert Jantzen, leicht bearbeitet von Thomas Jettel, Herbst 2020

Der Titusbrief

Weisungen für die Nacharbeit eines Missionars

Betrachtungen zum Brief des Paulus an Titus

von Herbert Jantzen

bearbeitet und ergänzt von Thomas Jettel

Vorwort 

Der vorliegende erbaulich gehaltene Kommentar zum Titusbrief wurde in unserer Zeitschrift „Unterwegs notiert“ (ein Zweimonatsblatt, das wir seit über 20 Jahren – hauptsächlich elektronisch – gemeinsam herausgeben) veröffentlicht. Nun liegt er als Büchlein vor, begleitet von unseren Gebeten, dass er den Lesern zur Erbauung dienen darf. 

    Die Gedanken sind hauptsächlich von Herbert Jantzen, die er in verschiedenen Vorträgen geäußert hat. Er hat also die entscheidende Arbeit getan. Danach wurde ausgefeilt, umformuliert, ergänzt. 

    Bibelzitate sind der Übersetzung von Herbert Jantzen „Das Neue Testament in deutscher Fassung“ (Verlag FriedensBote, 2018) entnommen.

    So der Herr will und Gesundheit und Kraft schenkt, sollen weitere erbauliche Kommentare bzw. Betrachtungen zu biblischen Büchern folgen. 

    Wir wünschen den Lesern Gottes reichen Segen. 

Thomas Jettel 

Dättlikon, im Sommer 2019 

Inhalt 

EINLEITENDES

Zur Abfassung

Die Anschrift

Über die Umstände der Abfassung

Zum Inhalt

Eine Gliederung

TEXTBESPRECHUNG

Der Eingangsgruss  1,1-4

I:  Der Grüßende weist sich aus.  1,1‑3

A:  Der Grüßende nennt seinen Namen.  V. 1A

B:  Er nennt sich „leibeigener Knecht Gottes“.  V. 1A

C:  Er nennt sich „Apostel Jesu Christi“.  V. 1-3

II:  Warum diese doch etwas ungewöhnliche Selbstdarstellung?

III:  Der Gegrüßte  1,4A

IV:  Das Grußwort  1,4M

A:  Die Bedeutung des Grußwortes

B:  Die Elemente

C:  Die Quellen  V. 4M

b.  Der Hauptteil des Briefes: Weisungen für die Nacharbeit eines Missionars  1,5 – 3,11

I:  Einleitendes  1,5A

II:  Über die Aufgabe des Titus Älteste einzusetzen  1,5M‑11

A:  Paulus erinnert an die Aufgabe.  V. 5M.6A

B:  Titus wird an die Voraussetzungen für die Ältesten erinnert. V. 6‑11

III:  Über die Verkündigungsaufgabe des Titus  1,12- 3,8

A:  Von nötiger Zurechtweisung  1,12‑16

B:  Über Geziemendes für verschiedene Personen  K. 2

C:  Alle sollen erinnert werden.  3,1-8

III:  Weisungen für die Begegnung mit dem Verkehrten  3,9-11

A:  Für die Begegnung mit verkehrtem Gedankengut  V. 9

B:  Weisungen für die Begegnung mit dem verkehrten Menschen  V. 10.11

c.  Schlussworte  3,12-15

I:  Über Reisepläne  3,12.13

A:  Nach Nikopolis  V. 12

B:  Abreise zweier Mitarbeiter  V. 13

II:  Eine letzte Anordnung  3,14

A:  Der Anlass

B:  Die Anordnung

C:  Das Anliegen

III:  Grüße  3,15

A:  Grüße sind von Bedeutung.

B:  Grüße von Freunden des Paulus an Titus

C:  Von Paulus über Titus an gemeinsame Freunde

D:  Grüße von Paulus an Titus und Freunde

IV:  Das letzte Wort  3,15E

EINLEITENDES

Zur Abfassung

Die Anschrift

Das Schreiben ist von Paulus an einen seiner Mitarbeiter namens Titus gerichtet. Über seine Herkunft wird spekuliert. Aus der Apostelgeschichte erfahren wir nichts, aus den Briefen, dass er Grieche war, wohl Vollgrieche, denn im Gegensatz zu Timotheus blieb er unbeschnitten. Seine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, zeigte sich in seiner Aufgabe in Korinth. 

Zum Zeitpunkt unseres Briefes scheint er ein noch verhältnismäßig junger Mann und unverheiratet gewesen zu sein. Das scheint im zweiten Kapitel angedeutet zu sein. Dort werden ihm Anweisungen für seine Verkündigung gegeben, darunter Worte für verschiedene Gruppen von Christen. Es ist aber in Verbindung mit den jüngeren Männern, dass ihm nahegelegt wird, ein Beispiel zu sein, ein Vorbild. Er scheint also selbst nicht alt gewesen zu sein. Ferner, während Paulus ihm ein Wort für ältere Männer, für ältere Frauen und auch für jüngere Männer gibt, fehlt die Anrede der jüngeren Frauen. Das Wort an diese wird eingebaut in das Wort für die älteren Frauen, die die jüngeren unterweisen sollen. Dieses könnte auf einen gewissen Abstand hindeuten, den Titus wahren soll. In dem Fall dürfte es ebenfalls von einem eher jüngeren Alter sprechen. 

Obwohl sein Name in der Apostelgeschichte nicht vorkommt, erfahren wir aus den Briefen, dass Titus seit einer geraumen Zeit Mitarbeiter des Paulus ist. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Schreibens versorgt er eine Anzahl Gruppen von Christen auf der Insel Kreta. Seine Aufenthaltszeit ist jedoch bemessen. Bald soll er weiter nach Nikopolis ziehen. Er ist also nicht als ansässiger Bischof zu betrachten. Er hat Älteste einzusetzen, unterscheidet sich also auch von diesen. Und da es damals keine Pastoren gab, sondern die Ältesten die Aufseher und Hirten der Gemeinden waren, ist Titus auch nicht als Pastor einzustufen. 

    Übrigens, da weder Titus noch Paulus Pastoren sind, handelt es sich bei unserem Schriftstück auch nicht um einen Pastoralbrief, wie er irrtümlicherweise seit einigen Hunderten von Jahren bezeichnet wird. Aber es ist nun einmal so, dass Theologen die starke Neigung haben, die ihnen gewohnten Formen kirchlichen Lebens in der Schrift finden zu meinen.

    Die Tätigkeit des Titus ist die des Timotheus ähnlich, und seine wiederum der des Paulus. Der Unterschied zwischen Paulus und seinen Mitarbeitern war nicht nur das Alter, sondern die Quelle ihrer Botschaft.

    Nach dem Beispiel des Paulus und Barnabas in der Apg 14 war es die Aufgabe von Missionaren bzw. Aposteln, wie wir sie aus der Schrift kennen, unter anderem, Älteste einzusetzen, was auch Timotheus und Titus machen. Timotheus wird denn auch in 1Th als Apostel bezeichnet.

    Wir kommen also zu dem Schluss, dass Titus ein Missionar ist bzw. ein „Apostel“ zweiter Ebene.

Zur Zeit der Abfassung dieses Briefes befindet sich Titus auf Kreta. 

    In der Altertumsgeschichte wird diese Insel gewöhnlich unter dem Namen Kandia erwähnt. Das AT dürfte sie unter dem Namen Kaphtor kennen. Das Klima ist im Süden afrikanisch und bringt noch Dattelpalmen hervor. Die Insel war einst berühmt wegen ihres Reichtums an trefflichem Wein und Öl. Die Quitte ist hier zu Hause. 

    Die Kultur Kretas gehört mit der Babylons und Ägyptens zu den ältesten uns bekannten. Doch um etwa 1400 v. Chr. scheint es mit diesem Weltreich schnell bergab gegangen zu sein, vielleicht wegen einer großen Naturkatastrophe.

    Im letzten Jahrhundert vor Christus waren die Kreter gesuchte Söldner. Sie waren aber auch bekannt als berüchtigte Seeräuber, verrufen als unsittlich, lügenhaft und habgierig. In blutigem Kampf 68 bis 66 v. Chr. unterwarfen die Römer dieses Nest der Seeräuberei.

    Philo und Josephus wissen zu berichten, dass es dort viele wohlhabende und einflussreiche Juden gab. In der Apg 2 lesen wir von der Anwesenheit von „Kretern“ in Jerusalem am Pfingstfest. Wenn solche dabei waren, die damals zum Glauben an den Messias Jesus kamen, werden sie zu den ersten christlichen Zeugen auf der Insel gehört haben. 

    Das Schiff, mit dem Paulus das erste Mal als Gefangener nach Rom reisen soll, hält in Kreta an. Wäre man dem weisen Rat des erfahrenen Paulus, dort zu überwintern, gefolgt, hätte auf dieser Insel wohl eine erste wenn auch beschränkte Zeugnistätigkeit seitens des Apostels und seiner zwei Begleiter Lukas und Aristarchus stattfinden können. Das war jedoch noch nicht in Gottes Plan. 

    Nach seiner Freilassung aber aus der Haft in Rom werden Paulus und Titus dann dort gemeinsam gewirkt haben[1], wobei ersterer aus einem unbekannten Grunde weiterreisen musste. Darauf wird unser Brief von einem uns wiederum nicht bekannten Ort aus verfasst. 

    Ein älterer Missionar schreibt hier an einen jüngeren Missionar und erteilt ihm Weisungen für die Nacharbeit nach geschehener evangelistischer Tätigkeit. 

    Zenas und Apollos, die auf ihrer Reise Halt auf Kreta machen, dürften den Brief übermittelt haben. Beide waren Juden, und man kann sich vorstellen, dass sie Titus eine gute Stütze waren im Blick auf Tit 1,10.11, wo es heißt: „… denn es sind viele – und [sie sind] solche, die sich nicht unterordnen – eitle Schwätzer und den Sinn Irreleitende (vor allem die aus der Beschneidung), denen man den Mund schließen muss, die ganze Häuser zu Fall bringen und schändlichem Vorteil zuliebe lehren, was man nicht [lehren] sollte.“ 

Die Christen auf Kreta sind – wenigstens im Großteil – Nichtjuden. Sie sind sittlich schwach. Beiden Sachverhalten entspricht wohl, dass Paulus in diesem Brief den Gottesbegriff in besonderer Weise herausstellt. 

Über die Umstände der Abfassung

Im Philipperbrief, den Paulus aus der Haft in Rom schreibt, lesen wir in 1,25.26: „… und da ich von diesem überzeugt bin, weiß ich, dass ich bleiben werde – und zugleich bei euch allen bleiben werde – zu eurem Fortschritt und eurer Freude des Glaubens, damit euer Rühmen an mir in Christus Jesus reich sei durch mein Wiederkommen zu euch.” 

    Im Brief an Philemon rechnet er ebenfalls mit seiner Freilassung aus römischer Gefangenschaft.

    Da wir der Voraussicht des Propheten Paulus vertrauen dürfen, gilt dieser Text als Auskunft, dass er aus dieser Haft entlassen wurde. 

    Dagegen vernehmen wir aus dem zweiten Timotheusbrief: „Schäme dich also des Zeugnisses unseres Herrn nicht, auch nicht meiner, der ich sein Gebundener bin, sondern erleide mit das Üble für die gute Botschaft gemäß der Kraft Gottes” (1,8), und in 4,6: „denn ich werde schon als Trankopfer ausgegossen, und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden.”

     Paulus ist wieder in Haft, erwartet aber dieses Mal nicht, entlassen zu werden. Unseren Brief könnte er als zweitletzten zwischen den zwei Haftzeiten geschrieben haben.

Zum Inhalt

Das Schreiben enthält drei zentrale Lehrtexte: 1,1-3; 2,11-15; 3,4-7. Ansonsten trägt es außergewöhnlich starken ethischen Charakter. Wenn der Römerbrief und der Epheserbrief zusammen als die Dogmatik des Paulus bezeichnet werden können, so ist der Titusbrief seine Ethik, eine aber, die nicht im Gesetz, sondern im Evangelium verankert ist, nämlich in den erwähnten drei Texten, die klares Heilsfundament bilden. Der Brief zeigt, dass aus dem Evangelium reichlich Gnade fließt für ein Gott wohlgefälliges Leben in dieser dunklen Welt und Zeit.

    Als Brief hat das Schreiben die bekannten drei Bestandteile: einen Eingangsgruß, einen Hauptteil (der das Thema bespricht) und einen Abschluss.

    Der Hauptteil könnte die Überschrift tragen: „Weisungen für die Nacharbeit eines Missionars”. Er zerfällt ebenfalls in drei ungleich lange Teile:

 I: Über die personale Aufgabe des Titus  1,5-11

 II: Über seine Verkündigungsaufgabe  1,12- 3,8

 III: Über den Umgang mit dem Verkehrten  3,9-11

 Eine sehr praktische Besprechung des Briefes könnte unter folgenden Stichworten geschehen: 

    Was es in der Gemeinde Jesu immer braucht: 

    1. gute Beispiele (K 1), 

    2. die rechte Verkündigung (K 2), 

    3. dass sie ihre Botschaft mit Glaubwürdigkeit ausweist (K 3).

Eine Gliederung

Der Eingangsgruß 1,1-4

Hauptteil: 1,5- 3,11 

I: Über die personale Aufgabe des Titus: 1,5-11

II: Über die Verkündigungsaufgabe des Titus: 1,12 – 3,8

    A: Von nötiger Zurechtweisung: 1,12-16

    B: Über Geziemendes für verschiedene Gruppen von Christen: K. 2

        1: Der Auftrag, über Geziemendes zu sprechen: V.1

        2: Ein Wort für die älteren Männer: V. 2

        3: Ein Wort für die älteren Frauen: V. 3-5

        4: Ein leiser Wink an Titus: V. 1-4A

        5: Ein Wort für die jüngeren Männer: V. 6

        6: Einfügung für Titus: Aufforderung, Vorbild zu sein: V. 7.8

        7: Ein Wort für gläubige Sklaven: V. 9.10

        8: Über die Gnade Gottes: V. 11-14

III: Weisungen für die Begegnung mit dem Verkehrten: 3,9-11

Schlussworte 3,12-15

TEXTBESPRECHUNG

Der Eingangsgruss  1,1-4

I:  Der Grüßende weist sich aus.  1,1‑3

„Paulus, leibeigener Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi für den Glauben der Erwählten Gottes und die Erkenntnis der Wahrheit, die zur rechten Ehrfurcht führt, auf Hoffnung ewigen Lebens, das der untrügliche Gott vor allen Weltzeiten versprach, aber er offenbarte sein Wort zu seinen rechten Zeiten in Verkündigung, mit der ich betraut wurde nach ausdrücklichem Befehl Gottes, unseres Retters …“

A:  Der Grüßende nennt seinen Namen.  V. 1A

Paulus

B:  Er nennt sich „leibeigener Knecht Gottes“.  V. 1A

„Paulus, leibeigener Knecht Gottes“

    Paulus ist Gott verpflichtet. Er weiß um seine Schuldigkeit als Gottes Leibeigener. Er ist sein Sklave. „Knecht“ alleine ist ein zu schwacher Begriff. Es handelt sich um einen starken Ausdruck der Zugehörigkeit. 

    Es konnte früher vorkommen, dass der Herr seinem Sklaven nicht unbedingt direkte Befehle gab. Der Sklave, bzw. der Leibeigene, war auf Gebärden seines Herrn angewiesen, musste ihn also ständig beobachten, um aus Haltung und Bewegungen schließen zu können, was er zu tun hatte. Paulus hält seine Augen auf den Herrn gerichtet und dient ihm wie ein Sklave, ein Leibeigener. Er ist mit allen seinen Nerven auf seinen Herrn ausgerichtet.

    Es ist auch nicht das erste Mal, dass er sich als Sklave bezeichnet. Er war stets bis ins Tiefste davon überzeugt, dass er als ein durch den Tod Jesu Christi Erkaufter nicht sich selbst gehörte. Es ist jedoch das einzige Mal, dass er sich „Sklave Gottes“ nennt. Warum, ist nicht ganz klar.

    Denkt man an die Leser des Briefes aus dem Judentum, so könnte diese Selbstbezeichnung als ein Ehrentitel aufzufassen sein, denn im AT wurden solche wie Abraham, Mose, David und das erwählte Volk Gottes so bezeichnet. Vielleicht hat Paulus sich so genannt, um sich vor seinen Volksgenossen bewusst als Apostel auf dieselbe Stufe wie alttestamentliche Erwählte Gottes zu stellen, um seine von Gott gegebene Vollmacht herauszustellen. 

    Denkt man auf der anderen Seite an seine Leser aus dem Heidentum, so müssten sie diese Bezeichnung unwillkürlich mit Niedrigkeit und Schmach in Verbindung bringen. Da er gleich seine Apostelbezeichnung mit einem „aber“ seinem Sklavesein gegenüberstellt, dürfte der zweite Beweggrund der wahrscheinlichere sein.

    Als leibeigener Knecht Gottes ist er für die noch schwachen Christen auf Kreta ein Vorbild. Er findet es für dringend notwendig, dass sie aufgerufen werden zu einem Ernstmachen in ihrem Leben nach dem Evangelium. Dementsprechend teilt er ihnen über Titus gleich eingangs mit, dass er keinerlei Freiraum für sich selbst in Anspruch nimmt und somit kein Selbstleben duldet: Er ist ganz und vollzeitlich Sklave dessen, der sein Leben für ihn gab.

C:  Er nennt sich „Apostel Jesu Christi“.  V. 1-3

V. 1A: „Paulus, leibeigener Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi“

  1:  Was bedeutet die Bezeichnung „Apostel“?
  a:  Ein Sendbote, betraut mit einer besonderen Aufgabe

Das macht ihn zu einem besonderen Gesandten. Er vertritt einen anderen, steht ganz in dessen Schatten. Paulus ist zwar Leibeigener, aber als solcher auch ein Gesandter: „aber Apostel“.

    Zu jener Zeit gab es zwei Arten von Aposteln, d. h., Sendboten des Evangeliums:

  b:  Einer von zwei Arten

    .  Der Apostel erster Ebene

Das waren solche, die ihre Botschaft unmittelbar von ihrem Sendenden, Jesus Christus, bekommen hatten, also jene, die Jesus während seines irdischen Wirkens kannten und hörten bzw. als Auferstandenen erlebt hatten. Sie sind dadurch Propheten und als solche die Fortsetzung der alttestamentlichen. Die Apostel erster Qualität haben uns Wort Gottes gegeben. Und wenn wir ihre Botschaften lesen, lesen wir, was Gott gesagt hat. Sie haben in diesem Sinne die größere Autorität als die zweite Kategorie von Aposteln.

    .  Der Apostel zweiter Ebene

Bei dieser Gruppe handelt es sich um Sendboten des Evangeliums, die einen ähnlichen Dienst tun wie Paulus und die anderen fundamentlegenden Apostel, ohne jedoch Propheten zu sein. Solche waren z.B. Titus, Timotheus, Barnabas, Silas u.a. So können Paulus und Barnabas zusammenarbeiten, weil sie denselben Dienst tun, aber Paulus hat die größere Autorität, obwohl Barnabas der ältere Mitarbeiter ist.

    .  Aktuelle Bezeichnungen

Heute haben wir leider für diesen Sendbotenbegriff zwei Wörter. Das Wort ‚Apostel’ reservieren wir normalerweise für die ersten, fundamentlegenden Apostel, während wir die zweite Ebene ‚Missionare’ nennen.

  2:  In welchem Zusammenhang erwähnt Paulus seine Apostelschaft?

Er beschreibt sich als „leibeigener Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi“. Er ist beides zugleich. 

    Ein Ausleger (Plitt, bei Dächsel) schreibt: „Es kann Knechte Gottes geben, die nicht Apostel sind, aber es kann keinen Apostel geben, der nicht Knecht Gottes ist.“ 

    Als leibeigener Knecht Gottes tut Paulus seinen aufopfernden Aposteldienst. Andererseits entsteht hier eine gewisse Gegenüberstellung. Das Wort „aber“ stellt der Niedrigkeit des Sklaven die hohe Stellung, die er vor Gott als Gesandter hat, gegenüber: Paulus ist ein persönlicher Vertreter von Jesus Christus. Von sich aus ist er ein dankbarer Knecht, von Gottes Berufung her mit einer hohen Stellung und Aufgabe betraut, die gleich erwähnt wird.

  3:  Zu welchem Zweck ist er Apostel?
  a:  Er ist Apostel für Personen.  V. 1

„Apostel Jesu Christi in Übereinstimmung mit dem Glauben der Erwählten Gottes …“

    I:. Zum Wortlaut dieses Grußteils

Einige Fragen gilt es zu klären.

       .  Die Präpositionsfrage

Im griechischen Grundtext enthält V. 1 zwei präpositionale Bestimmungen. Wie sollen sie aufgefasst werden? Beide beginnen mit kata, das jedoch verschieden wiedergegeben werden kann. Soll man rückblickend mit „nach“ bzw. mit „gemäß“ oder einem ähnlichen Wort übersetzen, oder soll man vorausblickend mit „für“, „zwecks“ oder Ähnlichem wiedergeben? Namhafte Ausleger haben hier verschiedene Wege eingeschlagen. Wie soll jetzt der einfache Leser seinen Weg finden? 

    In beiden Fällen ist der Grundgedanke: „entsprechend“. Die Apostelschaft des Paulus entspricht dem Glauben der Erwählten, und die zu erkennende Wahrheit entspricht der rechten Ehrfurcht – aber wie? Ist der Glaube der Apostelschaft gemäß, oder ist die Apostelschaft dem Glauben gemäß? Beides ist möglich, aber der Sinn ist verschieden. Ist die rechte Ehrfurcht der Wahrheit gemäß, oder ist die Wahrheit der rechten Ehrfurcht gemäß? Sprachlich ist beides statthaft, doch ist der Sinn wieder nicht derselbe. Was hat Paulus eigentlich sagen wollen?

    Zwei kleine Wörter im Text könnten hinweisend sein:

    Das erste ist „aber“, das in Verbindung mit „Apostel“ gebraucht wird und so einmalig bei Paulus ist. Dass er sich Apostel nennt, ist nichts Außergewöhnliches, das aber, dass er diese Bezeichnung der Tatsache seiner leibeigenen Knechtschaft gegenüberstellt, wohl.

    Von hierher gesehen klingt das, was folgt, eher als eine Erklärung für sein „Dennoch-Apostel-Sein“. Er dürfte sagen wollen, warum er, trotz seiner niedrigen Stellung vor Gott, zum Sendboten Gottes bestimmt war, und somit nach vorne blickend von seiner Aufgabe sprechen.

    Das zweite Wort, das auf eine Antwort hinweisen könnte, ist das erste in V. 2: „auf“. „Auf Hoffnung ewigen Lebens“ ist Paulus Apostel. Noch stärker als das vorige Wort weist dieses in die Zukunft. Als Apostel hat er die Aufgabe, Menschen zum ewigen Ziel zu führen.

    Zusammenfassend dürfen wir wohl sagen: „Glauben der Erwählten Gottes“, „Erkenntnis der Wahrheit“ und „rechte Ehrfurcht“ sind nicht so sehr Gegebenes, woran das Apostelsein gemessen wird (und die Präposition „gemäß“ bzw. „nach“ fordern würden), sondern das, wozu er als Apostel bestimmt war, und somit etwas, das noch werden soll. Dementsprechend wird man dann so lesen: 

    „Paulus, leibeigener Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi für den Glauben der Erwählten Gottes und die Erkenntnis der Wahrheit, die zur rechten Ehrfurcht führt …“ 

    Hierzu schreibt A. Hähnel: „Hier wird also die Bestimmung hinzugefügt, dass die Apostelschaft den Glauben bei solchen Menschen wecken soll. Neben dem Glauben wird noch die tiefere Einsicht in die christliche Heils- ‘Wahrheit’ genannt, ein Begriff, der in 1Tm, 2Tm und Tt auch sonst beliebt ist (vgl. 1Tm 2,4; 4,3; 2Tm 2,25). Solcher Einsicht rühmten sich die Irrlehrer insbesondere (vgl. unten 1,16). Allein, es muss mit ihr auch die echte Frömmigkeit verbunden sein (‘Wahrheit, die zur rechten Ehrfurcht führt’), die bei diesen oft genug zu vermissen war (vgl. 1Tm 6,3; 2Tm 3,5). Dass Paulus hier Weckung des Glaubens und der Erkenntnis tatsächlich als Zweck der Apostelschaft erwähnt, entspricht dem Zusammenhang am meisten. Das gr. Verhältniswort ist unbestimmt genug, um diesen Gedanken gelten zu lassen, und die Parallele zu Rm 1,5 stützt diese Auffassung.“ (Hähnel, Achim, unveröffentlichtes Manuskript)

       .  Die Frage nach dem Bezug

Beziehen sich die zwei präpositionalen Gefüge in V. 1 und das anfangs V. 2 nur auf „Apostel“ oder auch auf „leibeigener Knecht“?

    Vom Satzbau her gesehen, wegen des „aber“ in V. 1, scheinen sie sich auf „Apostel“ zu beziehen. Man darf jedoch nicht die Kraft der ersten Aussage übersehen: „Paulus, leibeigener Knecht Gottes“. Sie enthält zwar kein Zeitwort, doch ist eines unmissverständlich vorausgesetzt: „ist“. Als leibeigener Knecht Gottes grüßt er seinen Mitarbeiter. Leibeigener Knecht Gottes ist Paulus immer, auch als Apostel – bei allem, das er als solcher tut.

       .  Wer sind die Erwählten? 

Sind sie eigentlich „Auserwählte“? Und sind sie solche, die bereits im Glauben stehen, oder sollen sie als zum Glauben im Voraus Bestimmte noch erst dazu gebracht werden?

    Die Vorsilbe „Aus“ ist vom Wort im Grundtext her überflüssig, sogar irreführend, denn es muss sich bei diesen nicht um solche handeln, die aus einer größeren Schar herausgewählt wurden (siehe den Gebrauch des Begriffes in der Konkordanz). Auch darf man „erwählt“ nicht mit „zum Heil vorherbestimmt“ verquicken. (Siehe auch die Vokabel „bestimmt“ in der Konkordanz.)

    Erwählte sind von Gott zum Heil Vorausgesehene und im Heil Erfasste. Das Volk des Heils besteht aus Ergriffenen, aus Geliebten, aus Menschen, die Gott aus Liebe erfasst hat, aus dem Schlamm der Sünde herausgezogen und in das Königreich seines geliebten Sohnes versetzt hat (Kol 1,13). Sie wurden nicht nur vor Grundlegung der Welt erwählt (nach göttlichem Vorauswissen), sondern auch zu dem Zeitpunkt, als sie zu Jesus Christus kamen. 

    Hier handelt es sich um die, die Gott gerettet und somit kostbar, „erwählt“, vorzüglich gemacht hat

       .  Welche Bedeutung hat hier das Wort „Glauben“?

Bekanntlich ist Glauben eine Tätigkeit, die man vollzieht und die man als „das Glauben“ bezeichnen kann, aber auch das, was geglaubt wird, so oft heute. Wenn die zweite Bedeutung in der Schrift vorkommt, dann wohl recht selten. Es wäre also nicht angebracht, ohne weiteres und genügend Grund sie hier anzunehmen.

    Hans Bürki schreibt: „‚Glaube’ ist hier als ‚gläubig sein’ zu verstehen (wie 1Tm 4,2; 2Tm 3,8) und nicht als Glaubenslehre.“

       .  Was dürfte Paulus nun in V. 1 gesagt haben?

„Paulus [grüßt als] leibeigener Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi, entsprechend dem Glauben der Erwählten Gottes und zwar in dem Sinne, dass er für ihn da ist, ebenso für die Erkenntnis der Wahrheit, die der rechten Ehrfurcht entspricht und zwar in dem Sinne, dass sie zu einer solchen führt.“

    II:. Zur Aufgabe des Paulus als Apostel

Paulus ist demnach nicht nur Evangelist, um Menschen zum Glauben zu führen; er ist auch Lehrer, um die Gemeinde zu festigen.

    Er sagt aber nicht: „Gemeinde“. Im Fordergrund steht nämlich nicht ein Korpus, sondern das Wohl des einzelnen Erlösten.

    Um was geht es nun bei diesen Personen?

  b:  Paulus geht es als Apostel um den Glauben der Erwählten.  V. 1

„… Apostel Jesu Christi in Übereinstimmung mit dem Glauben der Erwählten Gottes …“

    Hier denken wir in erster Linie 

.  nicht an das, was geglaubt wird,

.  nicht daran, dass Menschen zum Glauben kommen sollen, 

.  sondern an die Glaubenstätigkeit, das Glauben, die Treue zu Jesus Christus, das Wachstum und die Auswirkung des Glaubens.

  c:  Paulus ist Apostel, damit man die Wahrheit erkennt.

Der Glaube wird nämlich mit Tatsachen genährt, Erkenntnis der Wahrheit, Lernen und Anerkennen derselben. Diese Wahrheit ist zweierlei Art.

     I:. Sie ist die ganze göttliche Wahrheit.

Es gibt die eindeutige, endgültige Wahrheit, die Botschaft Gottes. Und sie ist absolute Autorität. Dieser Gedanke ist heute für viele schwer zu fassen, auch für manche Christen, denn sie sind in ihrem Denken weltlich geworden. Sich auf eine absolute Wahrheit auszurichten, wird als intolerant empfunden; es ist so vieles relativ geworden. 

    Bei der Botschaft Gottes geht es nicht nur um die Wahrheit, die der Wirklichkeit entspricht, sondern auch um die Treue Gottes sich selbst und seinem Volk gegenüber. 

    Es gibt also Apostel (Missionare, kursierende Lehrer), damit die Gemeinde die Wahrheit erkennt. Was soll nun aber die Gemeinde machen, wenn die Vertreter des Evangeliums, die Reichgottesarbeiter, die vorangehen sollten, nicht mehr die Wahrheit vertreten? Die großen Leitbilder vergangener Zeiten sind vielerseits verstorben. Heute fehlt es uns an solchen Vorbildern. Wenn die Wahrheit nicht mehr vertreten wird, ist die Gemeinde in großer Gefahr. Aus diesem Text haben wir zu lernen, dass jeder von uns mit dem biblischen Wort der ersten Apostel in die Pflicht genommen ist. Wir müssen es mit der Wahrheit ganz Ernst nehmen, sie erkennen – nicht nur kennen lernen, sie auch bejahen. „Erkenntnis der Wahrheit“ kann hier auch „Anerkennen der Wahrheit“ bedeuten.

    II:. Sie ist Wahrheit entsprechend rechter Ehrfurcht.  V. 1

„Wahrheit, die in Übereinstimmung mit der rechten Ehrfurcht ist …“ 

    Paulus spezifiziert: Was ist das für eine Wahrheit, für die er Apostel ist? Es ist die Wahrheit, die zur rechten Frömmigkeit bzw. rechten Ehrfurcht führt, ihr entspricht, Wahrheit, die sich in einer glaubwürdigen Lebensweise zeigt, Wahrheit, die zum Gehorsam wird. Frömmigkeit, rechte Ehrfurcht, ist nicht eine Stimmung, sondern ein Lebenswandel; sie ist der rechte Wandel, in dem man sich bewähren soll, die Ethik des Christen. Der Christ muss wissen, was die Wahrheit ist, und er hat dieser Wahrheit entsprechend zu leben. 

    Wir lernen: Die Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi und eine Gott wohlgefällige Lebensweise gehören zusammen, gehen Hand in Hand. An dieser Stelle versucht der Feind heute eine Keile zu schieben. Manch ein treuer Christ in Ländern, die bis vor Kurzem als christlich galten, hat in den vergangenen Jahren die Fänge der obrigkeitlichen Gewalt zu spüren bekommen, weil er gegen neue Gesetze verstieß und für die göttlichen Maßstäbe im ethischen Verhalten Stellung bezog.

    Die Theologie nennt diese beiden Bereiche „Dogmatik“ und „Ethik“. Zwecks dieser zwei Aspekte ist Paulus Apostel. Der Titusbrief hat einen sehr stark ethischen Inhalt. In Bezug auf den gottesfürchtigen Wandel ist er eines der wichtigsten Bücher der Bibel. Es geht um die rechte Ehrfurcht, d. h., um einen Wandel, der im Zeichen der Ehrfurcht vor Gott geführt wird. Der Titusbrief zeigt, wie Christen im Alltag leben sollten. In der Bibel gibt es nicht Theorie und Praxis; es gibt Wahrheit und Praxis. Weil man in den Gemeinden heute nicht mehr im Wort lebt, merkt man auch nicht, dass es Praxis ist. Und dann will man das Wort zurechtbiegen, statt den Wandel nach der Bibel zu richten.

    Wir merken: Missionare haben in die ganze Wahrheit Gottes einzuführen.

    Hiermit ist der Apostel in das Hauptanliegen seines Briefes eingestiegen: bei den Neubekehrten ein rechtschaffenes Leben zu fördern, das in der Christusbotschaft verankert ist, ihre Frucht sein wird.

  4:  Mit welchem Ziel ist Paulus ein Apostel Jesu Christi?  V. 2.3

„… auf Hoffnung ewigen Lebens, das der untrügliche Gott vor allen Weltzeiten versprach, aber er offenbarte sein Wort zu seinen rechten Zeiten in Verkündigung, mit der ich betraut wurde nach ausdrücklichem Befehl Gottes, unseres Retters …“

  a:  Welcher Art ist die Hoffnung?  

       .  Die Hoffnung, von der die Schrift spricht, ist eine gewisse.

       .  Sie ist die Hoffnung des ewigen Lebens. Paulus hat ein Ziel im Auge, wenn er mit Menschen umgeht. Das Ziel seiner Apostelschaft ist das ewige Leben, auf das wir heute hoffen. Zu diesem Ziel will er Menschen führen. Vgl. Kol 1,28.29A:

    „… ihn verbreiten wir mit [unserer] Botschaft, wobei wir jeden Menschen mahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen darstellen als vollendeten[2] in Christus Jesus, woraufhin ich auch arbeite …“

       .  Diese „Hoffnung ewigen Lebens“ steht in einem Kontrast zum zeitlichen Leben.

       .  Sie steht in einem geschichtlichen Zusammenhang: Während die ersten drei Berichterstatter des Lebens Jesu mehr von einem Königreich Gottes und des Himmels sprechen, gebraucht Johannes gern den Ausdruck „ewiges Leben“ oder einfach „Leben“. Es ist aber das Leben des künftigen Königreiches Gottes, eine Hoffnung.

       .  Die Hoffnung des ewigen Lebens ist verknüpft mit einer Person. Wer im Hier und Jetzt in ihre Gemeinschaft tritt, hat die Hoffnung.

  b:  Wessen Hoffnung ist sie?

       .  In erster Linie ist sie die Hoffnung des Paulus selbst. Aus ihr schöpft er für seine schwere Arbeit als Apostel Kraft.

       .  In zweiter Linie ist sie die Hoffnung derer, für die er Apostel ist. Man bleibt nicht in dieser Welt. Das Evangelium ist ein Ruf in eine ewige Gemeinschaft mit dem Rufenden.

  c:  Wie kommt es zu dieser Hoffnung?  V. 2.3A

    I:. Sie wurde zuerst verheißen.  V. 2

„… auf Hoffnung ewigen Lebens, das der untrügliche Gott vor allen Weltzeiten versprach …“

    Die Verheißung ist so gewiss wie Gott nicht trügen kann. Sie wird sofort nach Eintritt des Todes verwirklicht, aber sie wurde schon „vor allen Weltzeiten“ versprochen.

    Bei der Zeitangabe „vor allen Weltzeiten“ oder „vor undenklichen Zeiten” haben wir wieder ein Übersetzungsproblem. Im Griechischen steht ein Wort, das „eine sehr, sehr lange Zeit” oder „eine unübersichtlich lange Zeit” bedeutet, auch „Ewigkeit”, aber nicht notwendigerweise. Letztere Bedeutung ergibt hier aber keinen Sinn. An dieser Stelle haben wir den Hinweis darauf, dass die Verheißung Gottes, die des ewigen Lebens, schon eine uralte ist ­– „vor undenklichen Zeiten”. Bereits in 1M 3 hat Gott dieses Leben versprochen. (Man vgl. auch die Bemerkungen oben zu 2Tm 1,9.)

    Die Verheißung wurde von dem Gott gegeben, der nicht lügt: von dem Gott, bei dem eine Verheißung, die vor 1000 Jahren gegeben wurde, genauso Gültigkeit hat, wie wenn sie vor einem Tag gegeben worden wäre. 

    Wenn Petrus in 2P 3,8 sagt, für Gott seien 1000 Jahre wie ein Tag, meint er damit nicht, Gott habe eine andere Zeitvorstellung als wir. Gott hat die Zeit geschaffen; er weiß genau, wie sie beschaffen ist. Petrus spricht von Gottes Treue. Er will Spöttern den Mund stopfen. Es gibt Leute, die denken: „Ja, das ist nun schon so lange her, das wird wohl nicht mehr wahr werden.” Und nun sollen wir wissen, dass sich Gottes Treue überhaupt nicht ändert. Nach 1000 Jahren gilt ein Versprechen Gottes noch genauso viel wie nach einem einzigen Tag. 

    Es ist schwierig, an den Verheißungen festzuhalten, wenn der Himmel über lange Zeit hinweg verdeckt ist, aber das ist eine Übung, die wir nötig haben. Gott ist untrüglich.

    II:. Der „untrügliche Gott“ hat sie auch geoffenbart.  V. 3

„… aber er offenbarte sein Wort zu seinen rechten Zeiten in Verkündigung …“

    Wir merken uns hier die Ausdrucksweise.

       .  „aber“:  Es blieb nicht bei einem Versprechen. Das „aber“ setzt V. 3 in Gegensatz zu der Tatsache, dass Gott das ewige Leben vor sehr langer Zeit versprochen hat. Eine Verheißung ist Wort, aber nicht sichtbares Wort; es ist noch nicht Realität. Dann jedoch wurde das Wort geoffenbart, d. h., es wurde in der Person Jesu Christi sichtbar gemacht.

       .  „offenbarte“ heißt:  machte sichtbar, zugänglich.

       .  „sein Wort“ – nämlich sein gegebenes Versprechen 

       .  „zu seinen rechten Zeiten“ – erst mit dem Kommen dessen, der das ewige Leben erwarb, konnte es zugänglich gemacht werden.

    Gott weiß genau, wann die rechte Zeit ist, sein Wort zu offenbaren. Zur richtigen Zeit, als alles vorbereitet war, hat Gott die Verheißung sichtbar werden lassen, das ewige Leben, und zwar in Jesus Christus, denn er ist das Leben. Paulus schreibt im gleichen Sinn an anderer Stelle: „als die Zeit erfüllt war“ (Ga 4). 

       .  „in Verkündigung“ – dieser Ausdruck geht mit „offenbarte“ zusammen: „Er offenbarte in Verkündigung“, eine nicht gewöhnliche Formulierung, wie übrigens so vieles in der Schrift. Man sollte es deswegen nicht unbedingt ins „Gewöhnliche“ übersetzen.

    Warum heißt es also: „er offenbarte sein Wort zu seinen rechten Zeiten in Verkündigung“? Wieso konnte es in der Verkündigung erst zu seiner rechten Zeit sichtbar werden? Der Unterschied ist, wie schon gesagt, Jesus Christus. Weil er durch den stellvertretenden Tod das Leben, ein ewiges, erwarb, konnte auch die Verkündigung etwas „sichtbares“, im Glauben Annehmbares anbieten.

    „Rechte Zeit“ steht aber in der Mehrzahl. Die Verkündigung der Hoffnung des ewigen Lebens konnte nicht nur deshalb zur rechten Zeit geschehen, weil Jesus gekommen war, sondern weil auch in Gottes Weisheit die Menschen nun für die Verkündigung vorbereitet waren. Das Heil Christi wurde nämlich auf zwei Schienen vorbereitet: das Heil selbst und die Menschen für die Aufnahme desselben.

    Die Verkündigung der Offenbarung des Wortes begann also mit Jesus Christus. Nach Heb 1,1 war er der erste, der es verkündigte. Danach setzte sich die Verkündigung fort durch die, die ihn hörten. Zu diesen Boten gehörte auch Paulus.

  d:  Wie wird Paulus Apostel für diese Hoffnung?  V. 3M

„… er offenbarte sein Wort zu seinen rechten Zeiten in Verkündigung, mit der ich betraut wurde nach ausdrücklichem Befehl Gottes, unseres Retters …“

    I:. Ein Retter-Gott befiehlt die Verkündigung seiner Rettungsbotschaft! 

Dann will er aber auch retten!

    Paulus gebraucht die Bezeichnung „Retter“ zwölf Mal in seinen Briefen: in denen an Ephesus, Philippi und dem zweiten an Timotheus je einmal, im ersten Brief an Timotheus drei Mal. Das macht zusammen sechs Mal. In unserem Brief an Titus allein verwendet er ihn ebenfalls sechs Mal. Wenn er also im vorhandenen Schreiben mit ungewöhnlicher Betonung auf die rechte Lebensweise eines Nachfolgers Jesu hinweist, so geht das Hand in Hand mit der Tatsache, dass es Gott in Christus ist, der uns von Sünde rettet und davor bewahrt.

    II:. Mit dieser Verkündigung ist Paulus betraut.

Er weiß sich von Gott zu seinem Dienst gerufen. Er darf weder aus‑ noch zurückweichen. Er will dem Ruf treu bleiben. Weil unser Gott ein Retter ist, ruft er Boten, welche die Botschaft der Rettung verkünden sollen. So hat er Paulus durch einen ausdrücklichen Befehl mit der Verkündigung derselben betraut. Wenn Gott so bemüht ist, einen Boten zu schicken, zeugt das von seinem starken Willen, die Menschen zu retten. 

    Das macht Paulus und Titus Mut. Der Apostel kann nun gleichsam Titus die Fackel weiterreichen, die dieser dann den Ältesten wiederum übergeben soll. Weil Gott retten will, soll das Wort verkündigt werden. 

    III:. Der Auftrag steht in einem Zusammenhang.

       .  Die Verkündigung ist die Wahrheit von V 1,

      –  die geglaubt werden soll,

      –  die erkannt werden soll,

      –  die das Leben verändert.

       .  Die Verkündigung ist das Versprechen von V 2,

      –  das Versprechen des ewigen Lebens,

      –  das Versprechen aus undenklichen Zeiten (beachten wir die Zeitspanne Vergangenheit bis Zukunft: eine große Botschaft),

      –  das Versprechen eines untrüglichen Gottes: ein „treues“ Wort. Vgl. 1Tm 1,15, zu Hoffnung Kol 1,5.

II:  Warum diese doch etwas ungewöhnliche Selbstdarstellung?

      .  Diese Einleitung dürfte die längste sein, die wir in den Briefen des Paulus finden. Er benutzt drei ganze Verse, um sich auszuweisen. Warum wohl ist er so ausführlich? 

    Der Hauptgedanke des Briefes liegt bereits in V. 1. Die V. 2.3 untermauern ihn.

      .  Menschen, die wahrhaftig werden sollen – und das sollten die Christen auf Kreta –, brauchen einen Gott, der nicht lügt, und eine Botschaft, die wahr ist. Jede Religion bewirkt nämlich ihren entsprechenden Charakter. Titus braucht diese Einleitung, weil die Kreter sie brauchen. Die Kreter sind Menschen mit einem weichen Charakter. Damit sie fest werden, müssen sie mit fester Hand angefasst werden. 

    Paulus gebraucht im Titusbrief mehrere Ausdrücke, die von Betonung sprechen, z.B. in 2,15: „Und weise zurecht mit allem fordernden Nachdruck.“ Titus soll fordern, soll mit Nachdruck sprechen. Es könnte in der Folge dann wohl einmal zwischen Titus und den Geschwistern auf Kreta zu Spannungen kommen, aber der Ernst der Ewigkeit soll den Kretern bewusst werden. 

    Nach damaligem Beispiel dürften die Gemeinden auf der Insel ebenfalls Einsicht in den Brief bekommen haben. Was der Apostel seinem Mitarbeiter schrieb, bekommen sie mit. Mit diesen Eingangsworten stärkt Paulus also den Rücken seines Gehilfen für seine schwierige Aufgabe. Titus soll sich mit dem, das sein Arbeitgeber Paulus geschrieben hat, ausweisen können. Er soll zeigen können, dass es hier um die Wahrheit geht und dass man dieser Wahrheit nicht ausweichen darf. 

    Der Apostel wird also im Brief eine starke Sprache zu gebrauchen haben. Da stellt er sich selbst in ausnehmender Weise als leibeigenen Knecht unter die Herrschaft Gottes, weniger seine apostolische Autorität. Diese Herrschaft kommt aber zum Ausdruck in einem Wort, einem Wort, das einerseits als Verheißung alt ist, andererseits neu und ihm als Botschaft anvertraut. Und es regiert nicht nur ihn, auch alle, die in der Gunst Gottes stehen; regiert ihr Denken – in Glauben und Erkenntnis – und ihr Handeln – in rechter Frömmigkeit.

      .  Auch wir müssen den Ernst der Ewigkeit aufs Neue erfassen. Wir sind zu stark von dieser Zeit ergriffen; nun müssen wir lernen, im Lichte der Ewigkeit zu leben. 

    Man erkennt hier bereits den weiten Horizont, der in diesem Brief aufgerissen wird. Vielleicht ist es auch deshalb, dass Paulus den Oberbegriff der Gottheit gebraucht, wenn er sich „leibeigener Knecht Gottes“ nennt. Die Einleitung wirft auch ein Licht auf die ungeheure Reichweite des Evangeliums. Die Verse sprechen vom ewigen Leben, das in die ewige Zukunft hineinreicht. Gleichzeitig ist die Rede von Weltzeiten in der Vergangenheit. Das Evangelium ist seit undenklichen Zeiten bis in die ewige Zukunft vorhanden. Es erfasst die ganze Weltgeschichte und geht noch darüber hinaus. 

    Paulus scheint Titus mit anderen Worten zu sagen: „Wir haben eine große Botschaft. Verstecke dich nicht! Scheue dich nicht! Schäme dich nicht!” 

    Diese Haltung drückt Paulus auch bei seiner Absicht, nach Rom zu gehen, aus (Rm 1,16). Rom war die bedeutendste Metropole jener Zeit, und Paulus hatte eine Botschaft, die Rom zur Kenntnis nehmen sollte. Keine andere Philosophie, keine andere politische Lehre ist größer und wichtiger als die Botschaft von Paulus. Deshalb schämte er sich auch nicht. 

    Auch wir sollten da Mut fassen, denn wir vertreten nicht irgendeine neue Ideologie, sondern die wichtigste und höchste Wahrheit.

III:  Der Gegrüßte  1,4A

„Titus, echtem Kind gemäß dem gemeinsamen Glauben …“

    Im Rahmen der Wahrheit des Evangeliums, an das beide – Paulus und Titus – glauben, ist Titus Kind des Paulus. Wir wissen nicht genau, was Paulus hier unter „Kind“ versteht. Es könnte sein, dass er Titus zum Herrn geführt hatte. Nur aus den paulinischen Briefen erfahren wir etwas über Titus’ Geschichte. In der Apostelgeschichte wird er nicht erwähnt. 

    Man meint, Titus scheine aus Antiochien zu stammen. Möglicherweise ist Paulus ihm dort begegnet. Vielleicht war Titus jedoch schon gläubig, als er mit Paulus zusammentraf. In diesem Fall wäre Paulus als Lehrer – nach hebräischem Vorbild – ihm zum geistlichen Vater geworden; d. h., Paulus hätte ihn als „Sohn im Glauben“ angenommen. 

IV:  Das Grußwort  1,4M

„Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, unserem Retter.“

A:  Die Bedeutung des Grußwortes

Der uneingeweihte Leser steht hier vor einem Problem: Er sieht drei nebeneinander stehende Hauptwörter gefolgt von einem präpositionalen Gefüge, kein Prädikat, schon garnicht ein Objekt. Mit unvollständigen Sätzen ist es schwierig umzugehen.

    Und doch gibt es auch im Alltag den sinnvollen unvollständigen Satz, nämlich in Form eines Ausrufes. Und den haben wir oft in Grüßen, die, weil sie so oft wiederholt werden, gekürzt aber dennoch verständlich sind.

    Das Objekt ist übrigens vorangestellt. Es ist Titus, und ihm wird etwas gewünscht. Dieses Gewünschte ist jedoch so groß, dass kein menschlicher Grüßende es zu geben vermag. Da beruft man sich auf Den, der es nicht nur kann, sondern auch gerne tut. So aber wird das Grußwort zu einem Gebet, auch wenn es in der dritten Person geschieht.

    Als Gebete sollten Grüße also ernst genommen werden. Und sinnvolle Grüße, z.B. biblische, dürfen wir noch öfter in unserem Verkehr, besonders im Briefverkehr wie hier, benutzen.

B:  Die Elemente

Normalerweise grüßt Paulus mit „Gnade und Friede“. Hier, wie auch in den Briefen an Timotheus, begegnet uns ein drittes Element, die „Barmherzigkeit“. 

    Es wäre verkehrt, diese drei Briefe (Tt, 1Tm, 2Tm) „Pastoralbriefe“ zu nennen. Weder Paulus noch Timotheus und Titus sind Hirten (lat: pastores) von Gemeinden am Ort. Sie sind Apostel, d. h., „Missionare“. Die drei Briefe sind persönliche Schreiben, und gleichzeitig sind sie die drei letzten Briefe von Paulus. Sofern sie nun vom traditionell überlieferten Text (textus receptus) her übersetzt wurden, steht in allen der dreifache Gruß „Gnade, Barmherzigkeit und Friede“. In den letzten Jahren seines Lebens scheint dem Apostel Paulus die Barmherzigkeit Gottes besonders wichtig geworden zu sein. 

    Als verhältnismäßig junger Reich‑Gottes‑Mitarbeiter schrieb er: „Denn ich bin der geringste von den Aposteln …“ (1Kr 15,9). Später bezeichnete er sich als den „allergeringsten unter allen Heiligen“ (Eph 3,8), und in seinem drittletzten Brief lesen wir: „… um Sünder zu retten, von denen ich der Erste bin.“ (1Tm 1,15). Ihm ist aufgegangen, wie gering er ist. Wie Johannes, der Täufer, hat er erkannt, dass er klein werden muss, damit Christus groß werden kann. Dementsprechend gewinnt die Barmherzigkeit Gottes an Bedeutung. Und diese wünscht er dem Titus. 

    Gnade und Barmherzigkeit sind Ausdruck der Liebe und führen hin zum Frieden, der nicht nur ein Ausbleiben von Spannungen bedeutet, sondern, nach alttestamentlichem Muster, die Fülle der Segnungen Gottes für die Seinen. 

C:  Die Quellen  V. 4M

„Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, unserem Retter.“

    „Vater“ ist ein ganz besonderer Titel Gottes. Er spricht von seiner Güte. Auf diese Güte verlässt und beruft sich Paulus, wenn er seinem jungen Mitarbeiter endlosen Segen „kleinverpackt“ wünscht.

    Im Vers zuvor wurde Gott „unser Retter“ genannt. Nun wird es auch Christus. Durch ihn hat er uns seine Retterliebe gezeigt und tut er es noch. Weil wir jeden Tag Gnade, Barmherzigkeit und Friede brauchen, andererseits Gott Vater und Sohn uns helfend zur Seite stehen wollen, darf man diese Segnungen von beiden erwarten.

    Die Erwähnung der Beiden lässt uns an die Dreieinigkeit denken. Somit aber fällt auf, dass der Dritte „im Bunde“ fehlt. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Geist in der Schrift in der Regel im Gebet nicht angesprochen wird.

    b.  Der Hauptteil des Briefes: Weisungen für die Nacharbeit eines Missionars  1,5 – 3,11

I:  Einleitendes  1,5A

Paulus beginnt mit einer Erinnerung: „Aus diesem Grunde ließ ich dich in Kreta zurück, damit du fortfahren möchtest, das Fehlende zu ordnen …“

      .  „Aus diesem Grunde ließ ich dich in Kreta zurück …“ 

Der Apostel ist mit seinem Mitarbeiter Titus auf Kreta gewesen. Sie haben den Bewohnern der Insel die gute Botschaft von Jesus Christus gebracht. An verschiedenen Orten sind Gruppen von Christen entstanden. Diese sind wie Schafe, die in rechter Weise betreut werden müssen. Die erste Betreuung in solcher Missionstätigkeit geschieht üblicherweise durch die Missionare. Die ziehen aber bald weiter, müssen also für eine weitere Betreuung sorgen. Im Laufe solcher Fürsorge war Paulus aus irgend einem Grunde frühzeitig weitergezogen. Es oblag nun dem Titus, die „Erstbetreuung“ zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen.

      .  Wenn der Apostel vom „Fehlenden“ spricht, ist nicht klar, an was alles er gedacht haben mag. Der Brief selbst befasst sich zur Hauptsache mit zwei Anliegen, dem Einsetzen von Ältesten und der Verkündigung. Die Art und Weise, wie das gemacht wird, zeigt, dass Paulus mit Schwierigkeiten rechnete und es nötig fand, ihm den Rücken zu stärken mit seiner apostolischen Vollmacht.

      .  Die zwei Anliegen sind innerlich verwandt. Dem Einsetzen von Ältesten dient der Verkündigungsdienst, von dem ab V. 12 die Rede ist. Wenn Paulus in 2,1 schreibt: „Rede du aber das …“, geht es nicht nur um die Predigt des Titus, sondern um die Verkündigung des Wortes Gottes allgemein. Titus soll auf Kreta eine Einführung in die Verkündigung der Botschaft geben. Was er redet, sollen anschließend die Gemeindehirten sagen. Und es ist dann also das, was alle Christen weitergeben sollen. Die Missionstätigkeit des Titus zielt letztlich auf den inneren Aufbau der Gemeinden ab, aber der Weg zu diesem Ziel führt über die Einsetzung der Gemeindeleitung: Titus soll Älteste einsetzen und ihnen sagen, was sie verkünden sollen. Er spricht zwar, wenn er als Missionar verkündet, zur ganzen Gemeinde, aber indem die Ältesten zuhören, lernen sie, was sie später lehren sollen. Wenn Titus wiederum den Ältesten als Vorbild dient, dient er der Gemeindeleitung und somit der Gemeinde überhaupt. 

II:  Über die Aufgabe des Titus Älteste einzusetzen  1,5M‑11

A:  Paulus erinnert an die Aufgabe.  V. 5M.6A

„… und von Stadt zu Stadt Älteste einsetzen möchtest wie ich dir anordnete, 6 wenn einer unanklagbar ist …“

  1:  Es handelt sich um eine wichtige Aufgabe.

     .  Wenn es in einer Gemeinde gut gehen soll, braucht es eine starke Führung. Damit ist nicht eine organisationsmäßig eingesetzte Persönlichkeit, ein Pastor oder ein Prediger, gemeint. Für eine Gemeinde bedeutet eine starke Führung, dass sie unter dem Einfluss von guten Lehrern des Wortes Gottes steht, d. h., von Lehrern, die stark sind im Glauben, im Wort Gottes. 

    Gott arbeitet mit Menschen. Er ist nicht ein Gott, der es in erster Linie mit Sachen und Methoden zu tun hat. Er baut sein Reich mit Personen, und diese Personen müssen fest stehen, Beispiele sein und eine Ausstrahlung haben, weil sie vom Wort Gottes herkommen. Sie müssen also im Wort Gottes zu Hause sein und sagen können: „So steht es geschrieben. So lautet Gottes Wort!“ In der Gemeindeleitung braucht Gott Männer, die einen starken Einfluss haben. Und die leitenden Brüder müssen unter sich einig sein, damit sie in Einmütigkeit ein starkes Wort an die Gemeinde richten können: „So muss gehandelt werden, denn so sagt es die Bibel.“

    Nebst Jesus Christus gibt es nach der Schrift in der Gemeinde weltweit zwei Regierungsdienste: den missionarischen Aposteldienst und den gemeindlichen Ältestendienst. Aber weder die Apostel noch die Ältesten sind Herren des Glaubens der anderen (2Kr 1,24). Sie sind nicht im weltlichen Sinne Regierende. Sie müssen zwar mit Überzeugung Gottes Wort lehren, aber kein Verkündiger darf herrschen. Auf jemanden, der herrschen will, sollen wir nicht hören. Hingegen sollen wir achten auf Verkündiger, die Gottes Wort hochhalten und wie Johannes, der Täufer, sagen: „Schaut auf Christus! Der ist das Lamm Gottes“. 

     .  Auch bezüglich der Verantwortung sind die Regierungsdienste in der Gemeinde anders geartet als in der Welt: Der Apostel dient dem Ältesten. Zwar gibt der Apostel die Richtung an; doch dann reist er weiter, und der Älteste bleibt bei den Gläubigen am Ort, denn er ist der Hirte. Es hängt nicht alles von den Ältesten ab, denn alle Gläubigen erbauen ja einander. Es muss auch nicht um jeden Preis Älteste geben. Die Christen müssen zusammenkommen und sich gegenseitig stärken und einander mitteilen, was der Herr ihnen geschenkt hat, einerlei ob Älteste da sind oder nicht. Aber allgemein gesprochen liegt innerhalb des Kreises der Gläubigen mit ihren jeweiligen Gnadengaben und den missionarischen Lehrern die Hauptverantwortung für Gottes Sache in der Welt bei den Ältesten. Sie sind die Hirten der Gemeinde, und es sollte mehr getan werden, ihnen zu helfen.

     .  Man kann sich vorstellen, dass sich das Einsetzen von Ältesten auch organisatorisch auf die Gemeinden auswirkte. Doch Titus erhielt eine personale Aufgabe, nicht eine organisatorische. Paulus spricht hier nicht von Organisation (auch wenn viele Ausleger hier zu Textschöpfern und damit zu Nichtauslegern werden). Wir müssen uns immer wieder davor hüten, über den Text hinauszugehen und uns allerlei einfallen zu lassen, das gar nicht im Text steht.

    In 3,12 fordert Paulus Titus auf, vor Ende des Jahres zu ihm zu kommen. Titus bleiben also nur noch wenige Monate für die Ausführung seines Auftrages. Lehrende Missionare wie er haben also an einem Ort eine zeitlich begrenzte Aufgabe; dann müssen die Ältesten am Ort sehen, wie sie weiterkommen. Man stelle sich die Kreter nun vor, wie sie in 1,10‑12 beschrieben werden. Paulus erwartet, dass es unter diesen Leuten nach einigen Monaten Männer gibt, die so fest sind, dass sie in ihren Gemeinden andere festigen können. Titus soll Menschen finden, die Beispiele sind, Menschen die vorangehen. Paulus traut diesen Leuten vieles zu, und er traut Titus vieles zu – auch dem Heiligen Geist und dem Evangelium. 

    Viele von uns stehen schon lange im Glauben, und doch tun wir uns oft so schwer, fest zu stehen. Dieser Text macht uns betroffen. Er weist hin auf die Kraft des Evangeliums, und er zeigt uns die Wichtigkeit des Ältestendienstes.

  2:  Der Auftrag ist eine Fortsetzung.  V. 5

„Aus diesem Grunde ließ ich dich in Kreta zurück, damit du fortfahren möchtest, das Fehlende zu ordnen … wie ich dir anordnete …“

    Die missionarische Verkündigung und die missionarische Nacharbeit sind eine Einheit. Das Eine gehört zum Anderen. Paulus ließ Titus auf Kreta zurück, damit dieser das Noch‑nicht‑Geordnete ordne und Älteste einsetze. 

    Wir wissen nicht, wie lange Paulus auf Kreta war, und ebenso wenig ist uns bekannt, warum es noch nicht überall Älteste gab. 

  3:  Paulus macht deutlich, wo der Auftrag wahrgenommen werden soll.  V. 5

Titus erhielt nicht den Auftrag, „in jeder Stadt“ Älteste einzusetzen, sondern: „von Stadt zu Stadt“. Dort, wo es Christen gab, sollte er versuchen, geeignete Männer zu finden. Wir dürfen also nicht annehmen, dass es bereits in jeder Stadt eine Christengemeinde gab. 

  4:  Der Auftrag ist an eine Bedingung geknüpft.

V. 6 wird mit dem Wort „wenn“ eingeleitet. Dieses deutet darauf hin, dass der Auftrag an gewisse Voraussetzungen gebunden ist. Sind diese nicht erfüllt, wird der Auftrag hinfällig: Wenn keine Männer den Anforderungen der Verse 6‑9 entsprechen, kann Titus keine Ältesten einsetzen, so sehr man sie sich auch wünschen mag. Und im Grunde ist es auch nicht nötig: Eine Gemeinde darf Älteste haben, wenn der Heilige Geist Männer dazu gemacht hat, aber sie muss nicht notwendigerweise welche haben. Der Heilige Geist schafft die Ältesten mittels Gnadengaben und Heiligung. Solange er das nicht getan hat, darf eine Gruppe von Christen ihm nicht vorgreifen und Ältesten einsetzen.

B:  Titus wird an die Voraussetzungen für die Ältesten erinnert. V. 6‑11

V. 6-11: „wenn einer ein Nichtanzuklagender ist, Mann einer Frau, Kinder hat, die treu sind, nicht unter Anklage [stehen wegen] eines heillosen Wesens oder [weil sie sich] nicht unterordnen;  7 denn es hat der Aufseher als Hausverwalter Gottes ein Nichtanzuklagender zu sein: nicht selbstgefällig, nicht zornmütig, nicht dem Wein hingegeben, nicht ein Schläger, nicht einer, der auf schändlichen Vorteil aus ist,  8 sondern gastfrei, das Gute liebend, gesunden Sinnes ‹und züchtig›, gerecht, ‹rein und› heilig, einer, der sich beherrscht,  9 einer, der sich an das treue Wort der Lehre hält, damit er in der gesunden Lehre aufrufen ‹und Zuspruch geben› und auch die Widersprechenden zurechtweisen kann;  10 denn es sind viele– und [sie sind] solche, die sich nicht unterordnen– eitle Schwätzer und den Sinn Irreleitende (vor allem die aus der Beschneidung),  11 denen man den Mund schließen muss, die ganze Häuser zu Fall bringen und schändlichem Vorteil zuliebe lehren, was man nicht [lehren] sollte.“

Die gleichen Bedingungen für die Einsetzung von Ältesten gelten auch heute noch.

  1:  Die Richtlinien werden zusammengefasst in einem Wort.  V. 6A.7A

wenn einer ein Nichtanzuklagender (o.: unanklagbar) ist,

unanklagbar

    Um Ältester werden zu können, muss ein Mann zwei grundsätzliche Bedingungen erfüllen: Er hat eine gewisse Begabung für das Amt aufzuweisen und einen Charakter, der als Vorbild gelten kann. Über die Voraussetzungen bei der Begabung spricht Paulus in 1Tm 3. In unserem Abschnitt liegt das Schwergewicht auf den Charakterbedingungen.

    Ein Ältester soll einen unanklagbaren Charakter haben, d. h., einen unbescholtenen. Das bedeutet nicht, dass er vollkommen sein muss. Es darf ihm aber nach Außen hin nichts vorzuhalten sein. Das Unklagbar- bzw. Unbescholtensein schließt alle anderen Charaktervoraussetzungen ein und ist daher die Zusammenfassung der Verse 6‑11. Was auf „wenn einer unanklagbar ist“ (V. 6A) folgt, sind Ausführungen zu diesem: Wo und wie hat ein Mann unbescholten zu sein, um als Ältester in Frage zu kommen?

  2:  Zu beachten ist der Platz, an dem die Bedingung besondere Anwendung findet.  V. 6

„… wenn einer unanklagbar ist, Mann einer Frau, Kinder hat, die treu sind, nicht unter Anklage stehen wegen Ausschweifung oder weil sie sich nicht unterordnen, 7 denn es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein …“

  a:  Paulus legt in diesem Abschnitt großen Wert auf das Thema „Familie“. 

       .  Der ganze Text (Verse 6‑11) scheint sich um dieses zu drehen, denn in V. 11 denkt er immer noch an sie. 

    Paulus fordert die intakte Familie, obwohl er weiß, dass nicht alle Familien ganz sind, wenn das Evangelium sie erreicht. Es geziemt sich, dass in dieser ersten Gesellschaftseinheit, die Gott einsetzte, er angebetet und ihm gedient wird.

    Von einem Ältesten wird erwartet, dass er ein geordnetes Familienleben führt. Dort soll er sich bewährt haben. Er hat in der Familie unbescholten zu sein, weil ein Ältester grundsätzlich unbescholten sein soll (V. 7A). Ein verheirateter Familienvater, der unbescholten lebt, zeigt das in seinem Familienleben. In V. 6 sagt Paulus, wo der Älteste unbescholten sein muss und wie es dann in seiner Familie aussieht. 

       .  Warum ist ein geordnetes Familienleben bei einem Ältesten so wichtig? 

Die göttliche Institution der Familie ist eine geschichtliche sowie grundsätzliche Voraussetzung für das Gemeindeleben, denn die Gemeinde ist eine Familie Gottes. Gott hat sowohl die irdische als auch die himmlische Familie eingerichtet.

    Die ganze Gesellschaft ist aus Familien zusammengesetzt. Die Familie bildet den Kern der größeren menschlichen Gesellschaft. Das Volk wird letztlich von einer alle verbindenden Blutsverwandtschaft zusammengehalten. Die Familie besteht aus zwei Einzelpersonen, die eine zweigeschlechtliche Beziehung eingegangen sind, und aus deren Kindern. Diese Kinder verknüpfen sich durch Ehen mit anderen Familien, sodass Sippen entstehen, die dann ein Volk bilden. Diese Blutsverwandtschaft ist ein Faktor für den Zusammenhalt der menschlichen Gesellschaft.

    Bei der Neuordnung der menschlichen Gesellschaft, wie sie heute stattfindet, geht man jedoch nicht mehr von der Familie aus. Man schuf die Nation als Zusammensetzung der Einzelbürger in einem geographischen Raum. In einer Nation fehlt jedoch der bindende Faktor „Blutsverwandtschaft“. Den Zusammenhalt versucht man dann mit künstlichen Mitteln wie örtlichen Regierungen, Erziehungsprogrammen usw zu erreichen, Mitteln die nicht notwendigerweise von Gott geschaffen sind und mit der Zeit nicht mehr wirken.

       .  Wenn auch die Gemeinde eine Gottesfamilie ist, so müssen wir dennoch zugeben, dass sie nicht wie ein Volk aus irdischen Familien besteht. 

     Jesus machte deutlich, dass das Evangelium mitten durch Familien hindurch Grenzen ziehen werde. Und Paulus zeigt an, dass die Grenze sogar durch Ehen gehen kann. Die Familie ist demnach nicht als Einheit garantiert, und es wäre nicht richtig, zu behaupten, im NT seien ganze Familien getauft worden, nur weil der Vater zum Glauben gekommen war. Es wurden Einzelpersonen getauft. Kam es jedoch vor, dass alle Einzelpersonen einer Familie sich taufen ließen, dann war es, weil sie alle glaubten; d. h., es handelte sich um glaubensfähige Mitglieder der Familie. 

       .  Die Gemeinde besteht also nicht nur aus Familien, in denen alle gläubig sind; aber wer als Oberhaupt einer irdischen Familie gläubig ist, soll imstande sein, seine göttliche Menschenaufgabe wahrzunehmen, nämlich, in der Familie unbescholten zu sein. Wenn er das nicht kann, kommt er als Ältester in der geistlichen Familie, der Gemeinde, nicht in Frage.

  b:  Zu dieser Aufgabe gehört, dass der künftige Älteste „Mann einer Frau“ ist. 

Es geht bei der Ehe also offensichtlich um eine Beziehung zwischen einer Person männlichen und einer Person weiblichen Geschlechts. Wenn ein Mann eine Ehefrau hat, soll diese Frau die einzige für ihn sein. 

    Paulus wendet sich gegen das Konkubinat, die unrechtmäßige Ehescheidung und die Vielweiberei[3].    

    „Allerdings ist es eine falsche Auffassung, wenn die griechische Kirche die Stelle so [auffasst], als wolle der Apostel, daß jeder Geistliche verheiratet sei.“ – von Gerlach, bei Dächsel

    Dass Paulus davon ausgeht, dass ein Aufseher verheiratet sein werde, ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass die Ehe auch im Heilszeitalter das Übliche war, die Ehelosigkeit, wenn auch, wie die Ehe, eine Gnadengabe, so doch eine Seltenheit. 

    Möglich ist auch, dass der Text dazu „eine Hindeutung“ enthält, wie v. Gerlach im Weiteren schreibt, „daß der Apostel es besser fand, wenn ein [Aufseher] verheiratet war, damit die geistliche Leitung der Seinigen ihm eine Vorschule für sein Amt gewesen wäre und ferner bleiben möchte und er aus eigener Erfahrung die wichtigsten Lebensverhältnisse kennen lernte.“

    Wollte man darauf bestehen, dass ein Ältester unbedingt verheiratet sein müsse und mindestens zwei einigermaßen verantwortliche Kinder haben, wäre zu fragen, ob er dann sofort zurückzutreten habe, falls der Tod ihm die Frau bzw. eines der zwei Kinder nehme. 

    Übrigens ist die stille Voraussetzung in den Texten der Schrift keine Seltenheit. Die Gemeinde Jesu hat denn auch normalerweise den vorliegenden Text so aufgefasst: „Der Aufseher sollte also (im Falle, dass er verheiratet ist und bereits heranwachsende Kinder hat) …“

    Eine weitere Deutung:  

    Es gibt Ehemänner, die zwar nur eine Ehefrau haben, in deren Herzen es aber noch andere Frauen gibt, sodass sie nicht Männer nur einer einzigen Frau sind. Paulus sagt hier, dass das Herz eines verheirateten Ältesten ganz und gar für seine Ehefrau schlagen soll. Keine andere Frau darf ihm den Kopf verdrehen. 

    Was nun, wenn der Älteste seine Frau nicht liebt, wenn es ihm leid tut, dass er sie geheiratet hat? Dann ist Gottes Gnade genügend: Er kann lernen, sie zu lieben. Und wenn es ihm leid tut, sie zur Frau genommen zu haben, sollte er darüber Buße tun, dass es ihm leid tut. Jetzt, da er verheiratet ist, ist seine Ehefrau die richtige für ihn, denn die Ehe ist von Gott eingesetzt, selbst wenn die Eheleute einen Wahlfehler begangen haben, als sie heirateten. Es gibt kein Zurück mehr. Sobald die Ehe geschlossen wird, ist sie Gottes Wille, und es ist möglich, in einer solchen Ehe zu leben. Die Ehe gilt, ob der Partner „geeignet“ ist oder nicht.

  c:  Zu seiner Familienaufgabe gehört ferner, dass er „Kinder hat, die treu sind“.

Beachten wir zuerst, dass es in Tt 1,6.7 um den Charakter des Ältesten geht. Offenbar ist auch vom Charakter der Kinder die Rede. Es geht nicht so sehr um die Frage, ob sie bekehrt sind, sondern ob sie sich in rechter Weise verhalten. 

       .  Das griechische Wort, das für „treu“ steht, kann auch mit „gläubig“ oder „überzeugt“ übersetzt werden. Um die richtige Wahl zu treffen, sollte der Übersetzer andere Bibelstellen zu Rate ziehen. Wenden wir uns also 1Tm 3 zu, wo Paulus ebenfalls über die Voraussetzungen für Älteste spricht. In den Versen 4.5 lesen wir dort:

    „… einer, der dem eigenen Hause wohl vorsteht, der seine Kinder mit aller Würde in Unterordnung hält (wenn jemand dem eigenen Hause nicht vorzustehen weiß, wie wird er für eine Gemeinde Gottes sorgen?)“ Auch hier geht es um ein geordnetes Familienleben; und wenn die beiden Parallelstellen einander kommentieren, dann scheint „treu“ eine bessere Übersetzung zu sein als „gläubig“ oder „bekehrt“. 

       .  Es ist auch nicht anzunehmen, dass der Apostel in Kreta (über Titus) strengere bzw. andere Richtlinien für die Voraussetzungen für Älteste gelehrt haben möchte als in Ephesus (über Timotheus). Es kann wohl nicht sein, dass die Kinder der Ältesten von Kreta bekehrt („gläubig“) sein müssten, die der Ältesten von Ephesus aber lediglich „in Unterordnung“. Andererseits aber, wenn pistos als „treu“ verstanden werden muss, besteht kein Zwiespalt zwischen Tt 1 und 1Tm 3.

    Vergleichen wir auch mit Tt 1,9: „… einer, der sich an das treue Wort der Lehre hält …“ Im Griechischen steht hier für „treu“ dasselbe Wort wie in V. 6, wobei es hier nicht „gläubig“ oder „bekehrt“ bedeuten kann. 

    In Rm 3,3 haben wir ebenfalls dasselbe Wort im Grundtext: „Wie denn, wenn auch etliche ungläubig waren, hebt etwa ihr Unglaube die Treue Gottes auf?“ Rein sprachlich könnte es auch „Glauben Gottes“ heißen. Es geht aber eindeutig um seine Treue und nicht um seinen Glauben. „Glaube“ ist im Griechischen „Treue“, und „Treue“ ist „Glauben“. An Jesus Christus zu glauben, heißt also, ihm die Treue zu halten. 

    Tt 2,10 heißt es: „… sondern alle gute Treue erweisen …“

    In Eph 1,1 und Kol 1,2 kann das griechische Wort, das die Briefempfänger kennzeichnet, durchaus mit „Treue“ bzw. „treu“ übersetzt werden, was auch durch den unmittelbaren Zusammenhang klar wird. Es geht in diesen Stellen um solche, die als Christen treu sind. Paulus setzt voraus, dass es in jener Zeit Menschen gibt, die zwar Christus bekennen, aber nicht wie Christen leben. Für die Gemeinde gelten sie im streng genommenen Sinne nicht als Christen. 

       .  Man vergleiche dazu auch die Adressaten des ersten Thessalonicherbriefes (5,27): „Ich beschwöre euch und verpflichte euch auf den Herrn, den Brief vor allen heiligen Brüdern lesen zu lassen.“ „Heilig“ heißt: „Gott zugeordnet“, nicht: „sündlos“. Der Brief geht an alle Brüder, die Gott geheiligt leben. Die anderen, die sich zwar Brüder nennen, sind nicht notwendigerweise Gegenstand dieses Briefes. Schon in jener Zeit macht Paulus einen Unterschied zwischen echten und unechten Christen. 

    Das sehen wir auch in Eph 6,24: „Die Gnade sei mit allen, die unseren Herrn lieben, Jesus Christus, mit unverderblicher Liebe. Amen.“ D. h.: Die Gnade soll mit den echten Christen sein, mit jenen, die Jesus Christus wirklich lieben.

       .  Anhand dieser Beobachtungen scheint es sinnvoll, in Tt 1,6 die Übersetzung „treu“ zu wählen. Dadurch wird dann die oft geforderte Voraussetzung, dass die Kinder eines potentiellen Gemeindeaufsehers unbedingt gläubig sein müssten, abgeschwächt. 

    Das Beispiel von Samuel dürfte hier am Platz sein. Seine Söhne folgten nicht in seinen Fußspuren, aber es steht nirgends geschrieben, dass es Samuels Schuld gewesen wäre. Wir dürfen nicht annehmen, er sei nicht ein treuer Vater gewesen. Die Eltern haben bei den Kindern nicht alles in der Hand. 

    Bedenken wir auch, was Jesus seinen Sendboten auf den Weg gab bei ihrer Aussendung (Mt 10,21M): „Kinder werden sich erheben gegen die Eltern und sie zu Tode bringen.“ Das heißt dann, dass wir auch nicht Ag 16,31 als Gegenargument werden anführen können.

    Es wird also nicht immer so sein, dass auch die Kinder zum Glauben kommen, wenn der Vater sich bekehrt hat. Der Fehler liegt dann nicht notwendigerweise bei den Eltern. Und es ist auch nicht Bedingung, dass die Kinder eines Ältesten unbedingt alt genug sein müssten, um sich bekehren zu können.

       .  Eltern tragen aber dennoch große Verantwortung. Das zeigt ein anderes Beispiel aus dem Alten Testament. Die Söhne Elis waren gottlos. Daran aber trug Eli Schuld. Ihr Verhalten war auf schlechte Erziehung zurückzuführen. Die Kinder eines Ältesten müssen „treu“ sein, den Eltern und dem Evangelium gegenüber, sofern sie es kennen. Heranwachsende Kinder können der Bibel gegenüber Treue erweisen, auch wenn sie sich noch nicht bekehrt haben. Sie können bei den Hausandachten, in Gesprächen usw. mitmachen, bis der Heilige Geist sie überführt. Auf diese Weise sind die Kinder kein Anstoß für die Arbeit des Vaters. 

       .  In V. 6 wird auch noch erklärt, um was es bei dieser Treue geht. „Treu zu sein“, heißt: „nicht unter Anklage stehen wegen Ausschweifung oder weil sie sich nicht unterordnen“.

  3:  Zu beachten ist, was die Voraussetzung im Einzelnen bedeutet.  V. 7-11

Um in der Familie unbescholten sein zu können, muss ein Ältester grundsätzlich unbescholten sein. Dieses Unbescholtensein wird in den Versen 7‑11 beschrieben. Zeitlich gesehen gehen diese Verse dem Unbescholtensein in der Familie voraus. Hier ist ein Wink für die Väter: Das Beachten der Verse 7‑11 hilft ihnen in der Erfüllung von V. 6. Ein Mann muss sich also zuerst in den Versen 7‑11 üben, dann in V. 6, und dann kommt er als Ältester in Frage. 

  a:  Etwas soll fehlen.  V. 7

„… denn es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: nicht selbstgefällig, nicht zornmütig, nicht dem Wein hingegeben, nicht ein Schläger, nicht einer, der auf schändlichen Vorteil aus ist …“

    I:. Allgemeines

In diesem Text fällt auf, dass Paulus einige Sünden bei den Gläubigen für möglich hält. Man sieht das auch bei Jakobus. Es könnten unter Christen gewisse Sünden vorkommen, und dennoch würden diese Menschen noch als Christen gelten. Aber es gibt auch Sünden, die nicht vorkommen dürfen. Lebt man in diesen, so muss man als Nichtchrist betrachtet werden. Die Liste solcher Sünden könnte uns bei der Beurteilung, ob jemand Christ ist und somit zur Gemeinde gehört oder nicht, eine Hilfe sein. Zunächst einmal beurteilt man einen Christen nach seinem Bekenntnis: Was sagt er mit seinem Munde? Danach beurteilt man ihn nach seinem Handeln: Was sagt er mit seinen Taten? Wie lebt er?

    Paulus nennt hier Sünden, die bei einem „üblichen“ Christen schon einmal vorkommen könnten. Aber bei einem Ältesten, der ja für die anderen ein Vorbild sein sollte, dürfen sie nicht vorhanden sein. Ein Mann, bei dem diese vorkommen, darf zwar in der Gemeinde als Christ gelten, aber als Ältester kann er nicht in Betracht gezogen werden.

    II:. Fehlen soll bei einem angehenden Ältesten die Selbstgefälligkeit.  V. 7A

„… denn es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: nicht selbstgefällig …“

    Es gibt für die Ältestenschaft kategorische, bzw. absolute, und auch relative Voraussetzungen. Nähme man die Voraussetzung, dass ein Ältester nicht selbstgefällig sein darf, im absoluten Sinne, dürfte niemand diesen Dienst übernehmen. Wie es in seinem Innersten aussieht, das ist die persönliche Frage eines potentiellen Aufsehers. Aber die Selbstgefälligkeit soll nicht sein Wesen bestimmen. Für die Mitchristen soll zu erkennen sein, dass er im Umgang mit anderen selbstlos vorgeht. Selbstgefällig zu leben bedeutet, für die Lust zu leben, den eigenen Genuss zu suchen, den eigenen Wünschen nachzugehen. Menschen, die hauptsächlich auf die Befriedigung ihrer Wünsche aus sind, werden eigensinnig und stur. Es ist schwierig, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ein Ältester muss hingegen fähig zur Zusammenarbeit sein.

    Wie verbreitet dieses Problem ist, offenbart Paulus in Php 2 (V. 19-22): „Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch zu schicken, damit auch ich erfrischt sei, wenn ich eure Umstände erfahren habe, denn ich habe niemanden, der so eingestellt wäre, der sich mit echter Sorge eurer Umstände annehmen wird, denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Christi Jesu ist. Aber ihr kennt seine Bewährung, dass er, wie ein Kind für den Vater, zusammen mit mir Leibeigenendienst leistete für die gute Botschaft.“

    III:. Zornmut  V. 7

„… es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: … nicht zornmütig …“

    Ein Ältester darf nicht gewohnt sein, zornig zu werden.

    IV:. Hingabe an den Wein  V. 7

„… es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: … nicht dem Wein hingegeben …“

    Zur Zeit, als Paulus den Titusbrief schrieb, pflegte man den Wein stark zu verdünnen. Jemand, der dem Wein hingegeben war, hatte also nicht nur einen verkehrten Appetit, sondern er verschwendete auch seine Zeit, denn es dauerte recht lange, bis man von solchem Wein „genug“ hatte.

    V:. Schlägerei  V. 7

„… es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: … nicht ein Schläger …“

    Ein Ältester darf nicht dazu neigen, auf handgreiflichem Wege Probleme zu lösen.

    VI:. Schändlicher Vorteil  V. 7

„… es hat der Aufseher als Haushalter Gottes unanklagbar zu sein: … nicht einer, der auf schändlichen Vorteil aus ist …“

    In Eph 5 spricht Paulus vom Geiz. Wenn jemand kontinuierlich als Habsüchtiger gilt, darf er nicht mehr als Christ gelten. Wenn man aber merkt, dass der Betreffende am Kämpfen ist, könnte es sein, dass der Heilige Geist am Werk ist und ihm Sieg geben will. Paulus weiß, dass Werte vertauscht werden können. Wenn jemand auf schändlichen Vorteil aus ist, sucht er etwas, das in Gottes Augen nicht als Gewinn geachtet ist. Im Lichte der Ewigkeit ist das eine Schande. Solange ein Christ über diese Sünde wie über die anderen genannten Schwächen nicht Sieg hat, kommt er als Ältester – und somit als Leitbild – nicht in Frage.

    VII:. Noch ein grundsätzliches Wort

Bei solchen Versen geht es nicht nur um Information, die in unser Wissen aufgenommen werden soll, sondern auch um das Prägen unserer Empfindungen. Wir haben über solche Dinge nachzudenken, bis der Heilige Geist uns ein richtiges Empfinden gibt und wir dann intuitiv gegen Ungeordnetes, Gott nicht Wohlgefälliges reagieren, wenn wir es bei anderen sehen oder uns selbst dabei ertappen. Und wenn wir bei anderen Sünde feststellen, müssen wir sehr vorsichtig sein: Wir haben die Sünde gesehen; wir hassen sie, aber nun haben wir in heiliger Weise mit dem Unheiligen umzugehen. Wir dürfen nicht ungeduldig werden oder dem anderen ein Joch auflegen, denn eine Veränderung braucht Zeit. Wir sollten für den anderen beten und bereit sein, irgendwie Wort Gottes in sein Leben hineinzutragen, sodass der Heilige Geist dieses Wort gebrauchen und im Leben dieses Menschen die richtige Einstellung zum Herrn und zur Sünde entstehen kann.

    Christentum ist mehr als Information. Mit Christus zu wandeln, heißt auch, dass unser Empfinden, unser innerstes Wesen umgestaltet wird, sodass wir lieben, was wir lieben sollten, und hassen, was es zu hassen gilt, achten, was wir achten sollten, und verachten, was verachtungswürdig ist.

    In V. 6 sagte Paulus, ein Ältester müsse in der Familie unbescholten sein. Angesichts der Gefahr von außen, die auch Familien zu verkehren droht, muss bei einem Ältesten einiges fehlen und anderes vorhanden sein. Der Älteste muss sich an das Wort halten, damit er der falschen Lehre – und damit dem Verkehren von ganzen Familien – wehren kann.

  b:  Einiges soll nicht fehlen.  V. 8‑11

    I:. Im Allgemeinen  V. 8

       .  Im Verhalten  V. 8A

„… sondern gastfrei, ein Freund des Guten …“

        Im Denken  V. 8M

„… gesunden Sinnes und züchtig …“

    Um gesunden Sinnes zu sein, brauchen wir gesunde Speise. Isst man gesund, ist man gesund – zumindest bis Infektionen an einen geraten. Da brauchen wir dann Schutz, aber zunächst einmal benötigen wir Zufuhr von guter Nahrung.

       .  Im Charakter  V. 8M

„… gerecht, heilig, einer, der sich beherrscht …“

    Gerechtigkeit und Heiligkeit sind die zwei Seiten einer Münze. Gerecht ist man, wenn man dem Maßstab – dem Gesetz Gottes, seinem geoffenbarten Willen, – entspricht. Heilig ist man, wenn man Gott ganz hingegeben und von der Sünde abgesondert ist. 

    Selbstbeherrschung ist eine Frucht des Geistes (Ga 5,22).

    II:. Im Besonderen  V. 9‑11

Die weiteren Verse zeigen, wie wichtig es ist, sich an das Wort zu halten.

      A:. Was darf im Besonderen nicht fehlen?  V. 9A

„… einer, der sich an das treue Wort der Lehre hält …“

      .  Vielleicht ist unter dem Begriff „Wort“ noch nicht „Bibel“ zu verstehen. Paulus bestimmt den Begriff näher, wenn er sagt, es gehe um das Wort, das für das Lehren in der Gemeinde „treu“ sei, das zuverlässige Wort, auf das man sich verlassen könne, das einen nicht im Stich lassen werde. Das trifft natürlich auf die Bibel zu, und dementsprechend geht es im Grunde schon um die Heilige Schrift, die in der Gemeinde gelehrt werden soll. Es geht um die grundlegende Forderung an jeden Christen: Halte dich an das Wort! 

      .  Hielten sich die Christen wirklich an das Wort, gäbe es weniger Probleme. Aber gerade da fehlt es: Man ist nicht bereit, das Wort entscheiden zu lassen, hält sich nicht unausgesetzt daran. Man kann heute christlich sein, sogar die Etikette „bibeltreu“ vor sich her tragen, ohne dass es ihm einfallen würde, dauernd zu kontrollieren, was die Bibel sagt. Es gibt in der Bibel nicht einfach bestimmte Regeln, die es einzuhalten gibt, und dann ist man Christ. In jeder Situation haben wir mit Hilfe des Heiligen Geistes zu prüfen, wie wir der Bibel gemäß zu reagieren haben. Dazu haben wir immer zu versuchen, die Schrift als zusammenhängendes Ganzes zu verstehen.

    Im AT gab es zwar Gebote, doch zwischen den Geboten gab es auch Lücken, wo die Israeliten überlegen mussten, was Gott nun in diesen Fällen von ihnen erwarte. Solche Überlegungen werden nun besonders in der neutestamentlichen Zeit nötig. Das NT ist nicht eine Sammlung von Regeln. Begriffe wie Liebe, Keuschheit, Freundlichkeit usw. sind zunächst einmal nicht vollkommen deutliche Begriffe. Wenn wir in eine bestimmte Situation hineinkommen, müssen wir uns fragen, was sie nun konkret meinen und was dementsprechend dem Herrn wohlgefällig wäre. „Geduld“ kann das eine Mal heißen zu schweigen, das andere Mal zu reden; „Liebe“ äußert sich je nach Situation verschieden. Wir haben immer wieder neu zu prüfen, was das Wort eigentlich sagt.

      .  Der Älteste soll sich an das Wort halten, das für die Lehre, für die Aufgabe des Lehrens, „treu“ ist. Die Schrift ist treu, verlässlich. Verkünden wir sie, gehen wir nie irre. Es ist heute durchaus möglich, Gemeinde aufzubauen und als Gemeinde zu leben, genau so, wie Paulus es tat. Diese Art des Missionierens und des Gemeindelebens ist in jedem Land, zu jeder Zeit, in jeder Generation anwendbar. Die Bibel ist sehr einfach, und was sie lehrt, ist immer durchführbar. Sie ist allezeit gültig. Es ist nie eine Illusion, sich an das Wort Gottes zu halten. Wir Menschen sind es, die alles kompliziert machen. 

    Üben wir uns also darin, die Schrift selbständig zu lesen und immer wieder zu fragen: „Was steht hier geschrieben? Wie kann ich meinem Herrn wohlgefällig sein?“ Würden wir mehr so vorgehen, hätten wir festen Boden unter den Füßen.

      B:. Warum darf diese Eigenschaft eines Ältesten nicht fehlen?  V. 9M‑11

Warum soll sich ein Vater in der Familie und ein Ältester in der Gemeinde an das Wort halten, um unanklagbar, unbescholten zu sein?

1:. Wegen der Aufgabe  V. 7A.9

„… es hat der Aufseher als Haushalter Gottes … einer … zu sein, … der sich an das treue Wort der Lehre hält, damit er in der gesunden Lehre aufrufen und Zuspruch geben und auch die Widersprechenden zurechtweisen kann …“

    Väter und Älteste sollen sich an das Wort halten, damit sie etwas zu sagen haben, damit sie fähig sind, in der Familie und in der Gemeinde das Richtige zu tun und zu sagen.

    Der Ausdruck „aufrufen und Zuspruch geben“ deckt sich nicht mit dem Begriff „ermahnen“, wie er heute gebraucht wird. Er kann zwar unter Umständen „ermahnen“ einschließen, aber er ist nicht darauf beschränkt. Er bedeutet „aufrufen, zusprechen, Zuspruch geben“. 

    Die „gesunde Lehre“ ist die biblische, die gesund ist und gesund macht. Es gibt keine Fehler an der biblischen Lehre, und sie krankt nirgends.

    Väter und Älteste sollen sich an das Wort halten, um „auch die Widersprechenden zurechtweisen“ zu können, also um für Auseinandersetzungen gewappnet zu sein. Das ist heute schwierig geworden; zu korrigieren ist nicht mehr modern. Man hört immer wieder, man müsse „tolerant“ sein. 

    Die Korrektur soll allerdings nicht in schroffer Art geschehen. Selbst jedoch wenn sie nicht immer in der gelungensten Weise angebracht werden, sollen Zuspruch, Ermahnung, Aufruf und Trost nicht fehlen. Man kann lernen, dort, wo es nötig ist, etwas zu sagen. Man kann lernen, mit Menschen in entsprechender Weise umzugehen und sich auf sie einzustellen, wenn man bereit ist, sich in ihre Denkweise und in ihre Empfindungen hineinzuversetzen. Man kann lernen, aufzurufen und Zuspruch zu geben. Und man kann auch lernen, Widersprechende zurechtzuweisen.

2:. Wegen der Menschen  V. 10.11

                a:. Ihre Kennzeichnung  V. 10

„… denn es sind viele – und sie sind solche, die sich nicht unterordnen – Nichtiges Redende und Sinnirreleitende (besonders die aus der Beschneidung) …“

    Obwohl seit Christi Tod erst wenige Jahrzehnte vergangen waren, gab es schon zu des Paulus Zeiten viele Nichtiges Redende und Sinn‑Irreleitende. Wir sollten uns keine falschen Vorstellungen über die Gemeinde Jesu zu jener Zeit machen. 

                    .  Sie unterordnen sich nicht.

Es gab und gibt Gefahr von außen. Es gibt Menschen, die in die Gemeinde hineinschwatzen, die nicht Richtiges reden. Der Fehler liegt in der mangelnden Unterordnung. 

    Das ist seit Adam und Eva unsere Sünde. Gott gab Adam und (über Adam) Eva das Gebot, sie sollten nicht vom Baum der Erkenntnis essen. Sie setzten sich jedoch über das Gebot hinweg und aßen. Seitdem sind wir in unserem Wesen gänzlich verderbt, und das hat sich bis jetzt nicht geändert. Auch die Wiedergeburt ändert nicht alles daran. Wir wollen uns nicht unterordnen. Jeder von uns möchte einmal oben auf der Weltkugel sitzen und der ganzen Menschheit sagen, „wo’s lang geht“. Jeder von uns würde gerne Gott spielen, wenn Gottes Gnade nicht da wäre, die uns von dieser Wesensart mehr und mehr befreite.

    Nicht nur Kinder und Frauen, sondern auch Väter und Älteste haben zu lernen, sich zu unterordnen. Väter in der Familie und Älteste in der Gemeinde müssen sagen: „Ich habe mich zu demütigen. Ich habe mich Gott zu unterordnen. Und ich erwarte von euch, dass ihr es macht wie ich. Wir müssen uns alle Gott unterordnen.“ Sie sollen mit gutem Beispiel vorangehen. Die Familie und die Gemeinde müssen sehen können, dass sie sich dem Wort beugen und sich ihm unterstellen. Wenn sie das nicht tun, kommen sie als Älteste nicht in Frage.

                    .  Sie unterordnen sich nicht als Nichtiges Redende.

Paulus sagt nun, dass man auf der Hut sein solle bei Menschen, die diese Gnade nicht erlebt haben und sich nicht unterordnen wollen. Wir sollen uns an das Wort Gottes halten, nicht an deren Geschwätz. Was Menschen, die sich über das Wort Gottes erheben, sagen, ist eben „nichtiges Gerede“. Wenn die Bibel sagt: „So ist es“, haben wir nicht zu sagen: „Nach meinem Dafürhalten verhält es sich aber anders.“ Wenn wir nicht wie die Bibel denken, haben wir den Mund zu halten. Wer Bibelkritik betreibt, will sich nicht unterordnen. Und es gibt viele, die sich an dieser Stelle nicht unterordnen wollen. 

    Was diese Schwätzer sagen, mag für irdische Zwecke nützlich sein, mag weise klingen. Dennoch sind es Nichtiges Redende, denn ihr Gerede nützt nichts zur Gottseligkeit. Es bringt uns nicht weiter in unserer Beziehung zum allmächtigen Gott, bringt uns geistlich nicht voran. In Gottes Haus spreche man Gottes Worte, sagt Petrus (1P 4,11). Aus Worten, die geistlich nützen, ergibt sich dann auch Weisheit für irdische Zwecke.

                    .  Als Sinnirreleitende unterordnen sie sich nicht.

Durch die Reden der Sinn‑Irreleitenden wird das Denken (der Verstand) irregeleitet. Fragt man solchen nach dem Weg, wird man in die falsche Richtung gewiesen. Man erhält verkehrte Auskunft. 

                b:. Ihre Zahl  V. 10

„… denn es sind viele – und sie sind solche, die sich nicht unterordnen – Nichtiges Redende und Sinnirreleitende (besonders die aus der Beschneidung) …“

                    .  „es sind viele

Wer sagte, die neutestamentliche Gemeinde sei ideal gewesen?

                    .  Besonders Juden, „die aus der Beschneidung“, gerade solche, von denen man mehr erwarten sollte, weil sie schon lange das Wort Gottes hatten

                c:. Die Aufgabe  V. 11A

„… denen man den Mund schließen muss …“

    Zur Zeit des Paulus waren es hauptsächlich Juden, die der gesunden Lehre widersprachen, aber die Warnung gilt allgemein: Allen, die falsch lehren, ist der Mund zu schließen. Den Mund schließt man ihnen, indem man ihnen das Wort Gottes sagt, auf welches sie nicht mehr antworten können. 

    Aber es gibt Menschen, die sich den Mund nicht schließen lassen, die trotz biblischer Zurechtweisung fortfahren zu widersprechen. Diese müssen wir verlassen. An anderer Stelle weiß Paulus auch von der Distanzierung zu sprechen.

                d:. Die große Gefahr  V. 11M

„… die ganze Häuser verkehren …“

                e:. Ihr Vorgehen  V. 11E

„… und schändlichen Vorteils zuliebe lehren, was man nicht lehren sollte.“

III:  Über die Verkündigungsaufgabe des Titus  1,12- 3,8

A:  Von nötiger Zurechtweisung  1,12‑16

Nach den Versen 10 und 11 gibt es solche, die Falsches verkünden, und nach den Versen 12 und 13A solche, die für diese Verkündigung anfällig sind. Wenn falsche Verkündiger auf Menschen treffen, die dafür offen sind, entsteht Unheil. Deshalb sollen Väter und Älteste sich an das Wort halten.

    Es muss Leute geben, die die Irrlehrer bekämpfen, sich aber auch der Schafe annehmen und sie vor Verführung warnen.      

  1:  Der Anlass zur nötigen Zurechtweisung  V. 12.13A 
  a:  Ein altes Zeugnis  V. 12

„Einer aus ihnen, ihr eigener Prophet, sagte: ‚Kreter sind gewohnheitsmäßige Lügner, böse Tiere, faule Bäuche!’“

  b:  Eine erstaunliche Aussage  V. 13A

„Dieses Zeugnis ist wahr.“

    Die Aussage steht in der Gegenwartsform: Was war, ist heute. Der Kreter, den Paulus hier zitiert und Prophet nennt (im eigentlichen Sinne: ‚ein Sprecher für einen anderen’), war Epimenides. Er hatte dieses Urteil etwa 600 Jahre vor Christus abgegeben. Paulus sagt, die Kreter seien – 700 Jahre später! – immer noch so.

    Zum Wort „gewohnheitsmäßig“: Der griechische Ausdruck im Grundtext bedeutet nicht „immer“. Das könnte auch nicht zutreffen. Nicht einmal der Teufel lügt immer.

  2:  Die Aufforderung zur nötigen Zurechtweisung

Paulus wendet das harte Urteil nicht nur auf die Kreter seiner Zeit an, sondern auch auf die Gemeinde, denn er fährt fort (V. 13M): „Aus diesem Grunde weise sie mit Schärfe zurecht …“

     .  Das Wort „sie“ bezieht sich auf die Gläubigen. Älteste sollen dafür sorgen, dass die für die Irrlehre Anfälligen bewahrt bleiben. Paulus weiß, dass Titus es auf Kreta mit einer alten Kultur zu tun hat. Hier ist ein ganzes Volk, das gewohnheitsmäßig lügt, böse und faul ist. Wie soll da das Evangelium Fuß fassen? Wie sollen da Menschen verändert werden? Der Apostel erwartet jedoch, dass ein Volk, das seit Jahrhunderten von der Sünde geprägt ist, in kurzer Zeit durch die Kraft des Evangeliums verändert wird!

     .  Diese Zuversicht darf Missionaren auch heute Mut machen: Ähnliche, über Jahrhunderte hinweg von Sünde geprägte Kulturen, die durch nichts verändert werden konnten, werden durch die Botschaft der Bibel umgewandelt. Jesus Christus, der Heilige Geist, das Wort Gottes können Menschen radikal umgestalten: Männer beginnen, ihre Frauen zu lieben, Frauen ihre Männer und Kinder; beide stehen standhaft zur Wahrheit; junge Menschen können der Versuchung widerstehen, usw. Das ist die Kraft der Gottesbotschaft. Nicht Gesetze und Regeln oder der Druck von Mitchristen bewirken diese Veränderung, nicht Psychologie noch Psychotherapie, sondern die Person Jesus Christus. Seine Kraft ist stärker als alle alten Gewohnheiten und alle Triebe, die sich melden. 

    „Ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Ga 2,20).

    Das Evangelium ist die Botschaft, dass Jesus Christus selbst in uns wirkt. Fassen wir Mut! Die Kraft, die uns zuteil wird, ist nicht eine Sache: Sie ist Jesus Christus. 

     .  Titus soll als Missionar für die Ältesten ein Vorbild sein. Da er kein Pastor ist und bald abreisen wird, haben die Ältesten zu wissen, wie sie zu leben und was sie zu lehren haben. Um Vorbild sein zu können, hat Titus zwei Grundsätze zu beachten: Er muss, zum Einen, die Gefährdeten zurechtweisen, zum Anderen, das Wesen der Gefährdenden verstehen.

    Wir sehen in diesem Abschnitt auch, dass die Bibel, wenn es um Widerstand gegen Irrlehren geht, ihr Augenmerk vor allem auf die Gläubigen richtet und nicht so sehr auf den Feind. Es gilt hauptsächlich, den Gläubigen zu helfen, sich nicht von Falschem beeinflussen zu lassen.

    „Schärfe“ ist nicht ein Wort, das von fleischlicher Emotion spricht. Es geht um Genauigkeit. Titus soll präzise zurechtweisen, soll die Christen mit Genauigkeit auf die Wahrheit aufmerksam machen.

    „Schärfe“ spricht aber auch vom Ernst der Angelegenheit. Die Wahrheit ist die Wirklichkeit, über die man sich nicht hinwegtäuschen darf.

  3:  Das Ziel nötiger Zurechtweisung  V. 13E.14

„… weise sie zurecht, damit sie im Glauben gesund seien, nicht achten auf jüdische Mythen und Menschengebote und so sich von der Wahrheit abwenden.“

    Der Glaube ist der Schlüssel unserer Beziehung zu Gott. Aber man kann an der Stelle des Vertrauens, des Glaubens, krank sein. Am Anfang jeder christlichen Tugend steht der Glaube, sogar vor der Liebe.

    Im Glauben gesund zu sein, bedeutet zum einen, nicht auf jüdische Mythen zu achten. Mythen sind Erzählungen, die halb ersonnen und halb wahr sind und die oft noch zu den biblischen Schriften hinzugenommen wurden, so wie z.B. etliche Geschichten in den Apokryphen. Das Wort Gottes dürfen wir nicht als Mythos betrachten. Es ist sicheres, zuverlässiges Wort. Was hingegen mythisch oder ungewiss in Bezug auf die Wahrheit ist, das sollen wir nicht beachten.

    Zum anderen bedeutet es, nicht auf Menschengebote zu achten. Man trifft immer wieder auf die Meinung, die Gemeinde habe das Recht, sich selbst Regeln zu geben. Luther vertrat z.B. diesen Standpunkt. Die Schrift als solche ist uns Regel, und wir sollten bei allen Fragen, auch praktischer Art, versuchen herauszufinden, was sie dazu sagt. Je nach Problem und Situation wird die Lösung einmal so und einmal anders aussehen. Eigentlich ist alles im Wort „Liebe“ zusammengefasst, aber was es nun zu lieben gilt und wie die Liebe sich äußert, wird je nach Fall verschieden sein. Man kann nicht einfach alles durch gewisse Vorschriften zu regeln versuchen. Die Gefahr, Menschliches hineinzubringen, ist zu groß.

    Wenn wir wiederholen, was Gott gesagt hat, ist es natürlich nicht Menschengebot. Wir können dann sagen: „So steht es geschrieben.“ Aber wir müssen dann immer wieder kontrollieren, ob wir es auch wirklich so formuliert haben, wie es in der Schrift steht.

    Achtet man auf „jüdische Mythen und Menschengebote“, wendet man sich von der Wahrheit ab. Der Glaube hat einen Gegenstand, und er ist gesund, wenn dieser Gegenstand die Wahrheit ist. Wenn man von der Wahrheit abkommt und glaubt, was verkehrt ist, ist der Glaube krank.

  4:  Erklärungen  V. 15.16

„Alles ist den Reinen rein. Aber den Befleckten und Ungläubigen ist nichts rein, sondern ihr Denksinn und ihr Gewissen sind befleckt. Gott bekennen sie zu kennen: Sie wissen da Bescheid, sagen sie. Aber mit den Taten verleugnen sie [ihn]. Sie sind nämlich verabscheuungswürdig und im Unglauben ungehorsam und zu jedem guten Werk nichtgutzuheißen, verwerflich.“

     .  Zum einen ist Einsicht in das wahre Wesen der Gefährdenden notwendig.

     .  Zum anderen sollen die Gläubigen wissen, dass sie durch das Blut Jesu Christi, durch den Heiligen Geist, durch den Glauben, durch Jesus Christus Gereinigte sind (1Kr 6,11: „ihr seid gereinigt“). Früher mögen sie Ehebrecher, Diebe usw. gewesen sein (1Kr 6,10), aber jetzt sind sie geheiligt, gewaschen. 

     .  Bei Christen, die Reine sind, ist alles rein. Alles? Kommt in der Bibel das Wort „alles“/„alle“ vor, müssen wir uns fragen, wie der Rahmen dieses Wortes aussieht. Das Wort wird wohl nie im absoluten Sinne, also uferlos, gebraucht. „Alles“ bezieht sich auf den Inhalt eines gewissen Rahmens, alles in einem begrenzten Feld, und es ist unsere Aufgabe, jeweils den „Zaun“ zu finden, der den Anwendungsbereich des Wortes eingrenzt. 

    Will Paulus hier sagen, es gebe keine Sünde mehr? Meint er, Reine dürften alles tun? Wenn wir Gottes Wort als Gottes Wort annehmen, dürfen wir nicht durch eine falsche „Auslegung“ einzelner Stellen Widersprüche zu anderen Stellen hervorrufen. Deshalb dürfen wir hier nicht zu weit gehen. 

    „Alles“ dürfte sich hier auf das von Gott Geschaffene beziehen. Das ergibt sich zwar nicht aus dem unmittelbaren, wohl aber aus dem größeren Zusammenhang: Wenn Paulus speziell die jüdischen Mythen erwähnt hat, dann wohl, weil es auf Kreta jüdische Irreführende gibt. Wir haben es also mit Irrlehre jüdischer Art zu tun. Diese Irrlehren beschäftigten sich immer wieder mit der Frage der Reinheit: Was darf man tun, was nicht? Es ging dabei um Menschengebote und um alttestamentliche Gesetze. Eine Diskussion über solche Fragen haben wir in der Ag 15. Das Gesetz ist im Einzelnen nicht Regel für die Gemeinde. Das Volk Gottes soll nicht erneut unter ein Joch gebracht werden. Dennoch gibt es im AT Richtlinien, die dem Evangelium und der Liebe entsprechen. Wie sie im einzelnen anzuwenden sind, muss von Fall zu Fall aufs Neue geprüft werden. Dieses geschieht auch in der Ag 15. In der Diskussion kristallisiert sich heraus, was von den besprochenen Regeln zu jener Zeit noch zu beachten sei.

    Wir müssen immer wieder eine Antwort auf die Frage suchen: Wie sieht das aus, wenn wir, dem Gott des AT entsprechend, im Evangelium leben? 

    Grundsätzlich ist alles rein, was Gott geschaffen hat. Das heißt aber nicht, dass wir alles, was Gott geschaffen hat, ohne weiteres genießen dürfen, ohne je dabei Schaden zu nehmen. Gott hat die Welt nach einer gewissen Ordnung geschaffen, jedes mit seinem Zweck. 

     .  „Verabscheuungswürdig“ ist ein emotional geladenes Wort. Aber auch ein Spurgeon konnte Sünder und Sünde verabscheuen, wenn man sich nicht Gott untertänig machen wollte. Wenn sie sich rufen ließen, konnte er wieder barmherzig sein, konnte sie mit Leidenschaft rufen und ihnen sagen, dass Jesus ihnen vergeben wolle. 

     .  Der Unglaube ist die Triebfeder für den Ungehorsam. Sie glauben der Wahrheit nicht, halten sich nicht daran, richten sich nicht danach aus. Und dann versuchen sie zwar, gute Taten zu tun, aber sie können es nicht, sind nicht tüchtig dazu. Niemand ist von sich aus tüchtig, aber wir haben hier einen indirekten Hinweis darauf, wie wir tüchtig werden können. Gemäß 2Kr 3,5 kommt unsere Tüchtigkeit (Fähigkeit, Kompetenz) von Gott. Durch seinen Geist, durch sein Wort und durch Gnadengaben macht er uns tüchtig.

    „Die Schrift ist von Gott gehaucht und ist nützlich zur Strafe, Züchtigung, Belehrung, … damit der Mensch Gottes tüchtig sei, ausgerüstet (wörtlich: „zurechtgerenkt, eingerenkt“) zu jedem guten Werk“ (2Tm 3,16).

    Tüchtig sind wir, wenn wir glauben und gehorsam sind. Glauben wir nicht, sind wir für das, was von Gott als gutes Werk betrachtet wird, untüchtig. Nicht alle scheinbar guten Werke sind auch in Gottes Augen gut. Wir müssen die Brille der Heiligen Schrift gebrauchen, um richtig zu urteilen.

B:  Über Geziemendes für verschiedene Personen  K. 2

  1:  Der Auftrag, über Geziemendes zu sprechen  V. 1

„Rede du aber das, was der gesunden Lehre geziemt …“

     .  Was nach diesem Kapitel Titus reden soll, hat größtenteils mit dem Verhalten zu tun. Dieses Verhalten soll der Lehre entsprechen. Es ist ihre Frucht.

    Paulus beschreibt das zu Sagende so: „was gesunde Lehre geziemt“. Wer die Lehre der guten Christusbotschaft kennt, soll wissen, was sich daraus ergibt.

    Titus soll in seiner Verkündigung ein Beispiel für die Ältesten sein. An Hand seiner Verkündigung können die Ältesten lernen, wie und was sie zu lehren haben. 

    Es geht um die Ethik, d. h., um das Christenleben, um das rechte Verhalten eines Christen unter seines Gleichen sowie unter Ungläubigen. Es genügt nicht, zu wissen, dass Jesus Christus für uns in die Welt gekommen und am Kreuz gestorben ist. Wir müssen auch wissen, welche Lebensweise daraus hervorgeht. Dafür sollte man gleichsam ein Gespür bekommen.

     .  Noch einmal finden wir hier ein Wort vor, das nicht von vornherein klar ist, nämlich die Vokabel „geziemt“. Über den Bezug ist man heute leider verschiedener Meinung, wie auch bei Ausdrücken „ehrbar“, „züchtig“, „angenehm“, „was frommt“, „Liebe“ usw. Man ist sich heute nicht mehr darüber einig, was gutes Benehmen ist. Aber wir haben uns einig zu werden, d. h., zusammen haben wir zu lernen, aus den im NT genannten Grundsätzen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Wie bereits erwähnt, ist das NT kein Gesetzbuch, das für jede Situation eine entsprechende Verhaltensregel bereithielte. Wir haben also zu lernen, mit geheiligtem Denken zu überlegen, was die praktischen Konsequenzen der in der Bibel enthaltenen Aussagen sind. Was bedeutet für mich täglich z.B. die Tatsache, dass Jesus Christus gekommen ist, Sünder zu retten? Wenn Jesus Christus mein König ist, welche Folgen hat das für mein Leben?

     .  Damit erzieht uns die Bibel zur Mündigkeit. Jeder muss die Bibel selbst lesen und für sich selbst herausfinden, was es heißt, als Christ biblisch zu leben. Wir haben zu lernen, selbständig zu denken, sollen reif werden.

    Es gilt dabei, zwei Aspekte des Christenlebens zu beachten: Der Christ ist einerseits ein selbständiges Individuum, andererseits aber auch Teil des Leibes Christi. Diese zwei Seiten sind in Harmonie zu bringen. In der Gemeinde müssen beide Seiten vorhanden sein. Christen, die nur in der Gemeinschaft leben, werden schwach und abhängig, solche, die nur als Individuen leben, schwierig und einseitig. 

    (Wir dürfen nicht vergessen, dass das Bild des Leibes nicht das ganze Christenleben abbildet, sondern eben unsere gemeinsame Beziehung zu einander und zum Haupt. Ein Teil unseres Lebens mit dem Herrn wird immer alleine gelebt werden. Dort werden Grundsteine gelegt, die dann unentbehrlich sind auch für das Zusammenleben. Umgekehrt erfahren wir vieles nur in der Gemeinschaft, das für das Alleinleben unentbehrlich ist.)

    Gemeinde Jesu braucht Individuen, die reif sind, die alleine stehen können, die ihre Bibel selbständig lesen und alleine beten und kämpfen können, die fähig sind voranzugehen, die aber gleichzeitig mit anderen Christen zusammenleben können. In der Gemeinde muss nicht alles organisiert werden, damit es gut läuft. Eine Gruppe von solchen Menschen, die im Leben reif sind, kommt ohne manches an Organisation aus. Und Christen sind da im Vorteil, denn sie haben mit der Wiedergeburt bereits eine gewisse Reife erlangt:

    In Rm 8,15 sagt Paulus: „Ihr habt den Geist der Sohnesstellung [o.: des Sohnesstandes] bekommen.“ 

    In Ga 4 wird diese Stellung näher erklärt: Zu dem vom Vater bestimmten Zeitpunkt tritt das Kind in den Reifestand.

    In der römischen und griechischen Kultur konnte das Kind als Eigentum der Eltern betrachtet werden, rechtlos sein wie ein Sklave. So bedeutet das griechische Wort pais gleichzeitig ‚unmündiges Kind’ und ‚Haussklave’. Das Gleiche gilt im übertragenen Sinne für unsere Beziehung zu Gott. Solange jemand unter dem Gesetz ist, wie es die Juden waren, ist er leibeigener Knecht. Aber „als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“. Das Gesetz Moses war wie ein Zaun (Eph 2,14), der abgebrochen wurde, und wir sind befreit worden. Um gesetzlos zu leben? „Nie und nimmer“, sagt Paulus. „Das sei fern!“ (Rm 6,1.2) Dasselbe Wort Gottes ist seinem Wesen nach immer noch da, nur ist es jetzt nicht mehr Zaun, sondern inwendige Wegweisung. 

    In Heb 8,10 heißt es: „… ich will ihnen meine Gesetze in den Sinn geben und sie in ihre Herzen schreiben …“

    Das Gesetz, der Wille Gottes, ist also eingraviert in unser Wesen, und zwar (nach 2Kr 3,3) durch den Heiligen Geist. Jesus Christus hat uns den Geist gegeben, und mit dem Geist ist der Sinn Gottes, sein Denken, in unser Denken hineingebracht. Wir denken jetzt (wenn wir geistlich gesund sind) von innen heraus gemäß dem Willen Gottes. Wir prüfen mit Hilfe des Heiligen Geistes von innen her, was Gott will. Sein Wille ist nicht mehr – wie ein sichtbarer Zaun – auf Anhieb immer klar und erkennbar. 

    Eph 5,10: „Prüft also, was dem Herrn wohlgefällig sei.“

    Rm 12,2: „… und gestaltet euch nicht mittels [o.: bildet, formt euch selbst nicht zusammen mit] der Zeit dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch Erneuerung eures Denksinnes, um zu prüfen, was der Wille Gottes sei …“

     .  Titus soll lehren, bzw. reden, „was der gesunden Lehre geziemt“. Paulus gibt nicht eine Regel, ein Gebot, ein Gesetz. Titus und alle Christen müssen lernen, was das bedeutet. Dieser Lernprozess vollzieht sich individuell sowie auch im Gespräch mit anderen. Jeder muss lernen, allein reif zu werden, aber dann auch fähig zu sein, mit anderen zu leben. Und weil wir als Christen die Sohnesstellung und damit die Reife erhalten haben, lieben wir einander, achten wir einander und sprechen wir miteinander. Deshalb brauchen wir auch nicht viel zu organisieren. Wir wissen, was es zu tun gibt, und packen gemeinsam an, und dann wird bald klar werden, wer was gut kann. Die Gnadengaben, die auch mit der Wiedergeburt gegeben wurden, sind der Kern der Dienste. Diese werden bei der Arbeit sichtbar. An den Gnadengaben kristallisiert sich auch Leitung heraus. Es ist nicht der weltliche Weg des Organisierens; wir brauchen unter Christen nicht Gesetze, Polizei und Gerichte. Unter Christen entsteht Leitung auf organische Weise.

     .  Es sind nun Worte für die verschiedenen Gruppen in den Kreisen von Christen, die Titus erhält: ältere Männer, ältere Frauen, junge Frauen, junge Männer. Es ist nicht von ungefähr, dass Paulus mit den älteren Männern beginnt. Männer tragen in der Sache Gottes größere Verantwortung als Frauen. Und unter den Männern tragen ältere mehr Verantwortung als jüngere. Paulus beginnt also dort, wo die Hauptverantwortung liegt.

  2:  Ein Wort für die älteren Männer  V. 2

„… dass alte Männer nüchtern seien, ehrbar, gesunden Sinnes und züchtig, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer …“

     .  Zum Begriff „ehrbar“

Das Wort im Grundtext bedeutet: ernst in der Einstellung zum Leben, somit zurückhaltend in Verhalten und Kleidung.

     .  Der Ausdruck, „gesunden Sinnes und züchtig“, bedeutet: ausgeglichen im Gemüt als Ergebnis steter Selbstzucht.

  3:  Ein Wort für die älteren Frauen  V. 3‑5

„… alte Frauen desgleichen in einem Betragen wie es Geweihten geziemt, [dass sie] nicht verleumderisch [seien], nicht vielem Wein versklavt, Lehrerinnen des Edlen, damit sie den jungen Frauen zu gesundem Sinn und Zucht verhelfen, sodass sie [ihre] Männer lieben, ihre Kinder lieben, gesunden Sinnes und züchtig sind, keusch und rein, Wächterinnen [ihrer] Häuser [und Familien], gut, den eigenen Männern untergeordnet, damit das Wort Gottes nicht in Verruf komme.“

    Sechs Gedanken seien angemerkt:

  a:  Es scheint, als ob die Eigenschaften von V. 2 auch von den Frauen erwartet werden.  V. 1-3A

„Rede du aber das, was der gesunden Lehre geziemt: 2 dass alte Männer nüchtern seien, ehrbar, gesunden Sinnes und züchtig, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer; 3 alte Frauen desgleichen …“

    Jeder Christ soll früher oder später so werden, wie es die älteren Männer sein sollen. Eigentlich ist das nichts Außergewöhnliches. Es wird speziell in Bezug auf alte Menschen erwähnt, weil sie ein Vorbild sein sollen, aber dadurch wird es für jeden Christen zum Ziel. Den Jüngeren gibt Paulus allerdings mehr Zeit. Er hat mehr Geduld mit ihnen. Das Leben ist kurz. Deshalb müssen die Älteren schneller arbeiten, dürfen sie ihre Zeit nicht mehr vergeuden, d. h., müssen sie manchmal auf Dinge verzichten, für welche sie sich zwanzig Jahre früher noch hätten Zeit nehmen können. Ältere Männer und Frauen müssen es ernst nehmen mit der Heiligung und dadurch Vorbild sein. Auch alte Frauen sollen also ehrbar, nüchtern, besonnen und züchtig sein und gesund im Glauben, in der Liebe und in der Ausdauer.

  b:  Der Apostel motiviert: Christliche Frauen sind Gott Geweihte.  V. 3A

„… alte Frauen desgleichen in einem Betragen wie es Geweihten geziemt …“

    Diese Etikette soll die Frauen ermutigen. Sie sollen merken, dass das Evangelium etwas aus ihnen macht. Auf Kreta gab es viele Juden, aber in der Gemeinde dürften auch viele Nichtjuden gewesen sein, und in jener Zeit waren die Frauen im Heidentum oft verachtet. Aus diesem Stand sind sie durch das Evangelium herausgehoben: Sie sind nun Gott Geweihte, werden geachtet und sind etwas wert, sind für Gott da. Das motiviert.

  c:  Er nennt dann weitere Erwartungen, die ebenfalls Geweihten geziemen.  V. 3M

„… [dass sie] nicht verleumderisch [seien], nicht vielem Wein versklavt, Lehrerinnen des Edlen …“

       .  „nicht verleumderisch“

Wenn ich ein Gott Geweihter bin, darf ich nicht jemandes Ruf schädigen. Wenn jemand aus dem Bekanntenkreis fehlgelaufen ist, vielleicht gesündigt hat, kann es nötig sein, darüber zu sprechen, aber dann gilt es, Rücksicht zu üben. Wo diese Rücksicht versäumt wurde, ist das zu bekennen. Gott erwartet von uns, dass wir niemanden in Verruf bringen. Auch wir sollen dieses Wort zu Herzen nehmen und das „Verleumderisch-Sein“ gänzlich aufgeben. 

       .  „nicht vielem Wein versklavt“

In jener Zeit – und auch heute noch in heidnischen Ländern – konnte es vorkommen, dass die Frauen die harten Arbeiten erledigen mussten. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sie oft zum Alkohol griffen, um ihre Not zu lindern. Heute treibt die Einsamkeit viele Frauen zum Alkoholkonsum. Aber es ist nicht mehr nötig, einsam zu sein. Das Evangelium schenkt Gemeinschaft. Wir brauchen nicht mehr Rauschmittel, um etwas zu vergessen.

       .  „Lehrerinnen des Edlen“

Der Apostel hat also den Frauen nicht sämtliches Lehren untersagt. Die älteren sollen Lehrerinnen des Edlen sein. Wenn Frauen sich als Geweihte wissen und im Glauben, in der Liebe und in der Ausdauer gesund geworden sind, wenn sie sich entschlossen haben, nicht verleumderisch zu sein, sondern über andere Gutes zu sagen, und wenn sie sich nicht mit Wein benebeln, dann können sie anderen zum Segen werden. Sie sind dann in der Heiligung nicht nur für Jesus selbst da, sondern sie werden zu Lehrerinnen.

  d:  So sind sie fähig für einen Dienst an jüngeren Frauen.  V. 4.5

„… damit sie den jungen Frauen zu gesundem Sinn und Zucht verhelfen, sodass sie [ihre] Männer lieben, ihre Kinder lieben, gesunden Sinnes und züchtig sind, keusch und rein, Wächterinnen [ihrer] Häuser [und Familien], gut, den eigenen Männern untergeordnet …“

    Die älteren Frauen haben bei den jüngeren die Möglichkeit, das Evangelium weiterzugeben. Um das tun zu können, müssen sie es auch kennen und leben.

    Paulus hat sich Zeit genommen, den Frauen zu zeigen, dass auch sie etwas weiterzugeben haben. Bei den Männern war von vornherein klar, dass sie andere lehren sollten, aber bei Frauen war das nicht selbstverständlich. Dementsprechend ist der Text für die Frauen hier auch länger als derjenige für die Männer. Paulus erklärt also den Frauen, dass das Evangelium ihnen die Möglichkeit gibt, den Mund zu öffnen, um das Evangelium zu lehren, d. h., um es weiterzusagen. Sie dürfen Lehrerinnen des Edlen sein. Das Evangelium ist adelig und adelt. 

    Der Apostel verwendet hier den griechischen Begriff kalos, der „schön“ bedeutet (vgl. ‚Kaligraphie’: Schönschrift). Das Wort steht ebenfalls in 2Tm 4,7, wo er sagt: „Ich habe einen schönen Kampf gekämpft.“ Er meint damit, dass er sich in seinem Kampf nicht versündigt, sondern auf eine Gott verehrende Weise gekämpft habe. Manchmal wird das Wort kalos auch für ‚gut’ gebraucht, wobei es dafür aber noch zwei andere Begriffe gibt.

    Merken wir uns den Nebensatz am Ende: Die Welt kann (im Gewissen) durchaus einen Sinn für das Richtige haben. Wenn wir nicht gehorsam sind, uns nicht beugen und unterordnen können, widersprechen oder aufbegehren, bringen wir das Wort des Evangeliums in Verruf, auch wenn wir das nicht sogleich merken.

  e:  Beachten wir die stille Voraussetzung, die die jüngeren Frauen angeht: Bereitschaft, von älteren zu lernen. 

Das ist heute nicht mehr modern, aber wir müssen zurück zur gesunden Beziehung zwischen Menschen. Das Evangelium schafft gesunde Gemeinschaft, nicht nur zwischen Gleichaltrigen und zwischen Menschen mit gleichem Beruf oder gleichen Interessen, sondern auch zwischen ganz unterschiedlichen Menschen und Generationen. In der Gemeinde Jesu kann jeder mit jedem Gemeinschaft haben. Wir sollten lernen, uns evangeliumsgemäß zu integrieren. Die jungen Frauen sollen sich zur Zucht anleiten lassen. Worin besteht nun diese Zucht?

       .  „dass sie ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben“

Den ersten Teil dieses Satzes könnte man wie folgt übersetzen: „dass sie ihre Männer gern haben wie Freunde.“ In manchen Ehen lebt man einfach nebeneinander her, besonders im Heidentum. Aber das Evangelium macht uns fähig zu lieben, fähig zur Gemeinschaft. Es macht uns zu wirklichen Freunden. 

    Die jungen Frauen sollen zur Zucht angeleitet werden, sodass sie ihre Männer gern haben, dass sie gern mit ihren Männern sind und ihre Männer mit ihnen. Auch Kinder sollen unsere Freunde sein. Sie sind nicht nur unsere Schützlinge, die wir hin‑ und herschieben können wie Schachfiguren. Kinder sind Individuen, selbständige Wesen. Jedes Kind, das zur Welt kommt, ist etwas vollständig Neues, noch nie Dagewesenes. Es ist wichtig, dass wir über die Beziehung mit Jesus lernen, mit Kindern so umzugehen, wie es das Evangelium lehrt.

       .  „gesunden Sinnes und züchtig“

Junge Frauen sollen auch besonnen („gesunden Sinnes und züchtig“) sein. Weil Frauen oft spontan handeln, legt Paulus ihnen nahe, sich Zeit zum Überlegen zu nehmen.

       .  „Wächterinnen ihrer Häuser und Familien“

Die jungen Frauen haben zudem Wächterinnen ihrer Häuser und Familien zu sein. Das Griechische kennt kein Wort für „Familie“, gebraucht dafür das Wort „Haus“. Der Übersetzer muss deshalb jedes Mal überlegen, ob der griechische Schreiber „Haus“ oder „Familie“ meinte. Wenn es in unserer Stelle nur um das Haus ginge, müsste man daraus schließen, dass die Frau zu Hause bleiben und das Haus hüten müsse. In Spr 31 lesen wir jedoch, dass die Frau auch sehr stark außer Hauses beschäftigt sein kann. Und das Verhalten der Frauen im AT dient den neutestamentlichen Frauen zum großen Teil als Vorbild. Das Wort „Haus“ darf hier also nicht nur im begrenzten Sinne aufgefasst werden. Die Frauen sollen wohl Wächterinnen des Hauses sein, d. h., im Haus die Augen offen halten und zum Guten schauen, aber Paulus schließt wahrscheinlich auch die Familie in das zu Bewachende ein. Die Frau soll eine Wächterin der Familie sein, besonders wenn die Kinder am Heranwachsen sind. Schwieriger wird es für die Frauen, wenn ihre Kinder erwachsen sind und selbst schon Kinder haben. Es ist nicht so leicht loszulassen, wenn man älter wird, und außerdem hat man das Wächterinnenamt auch nicht ganz niedergelegt. Auch Großmütter müssen noch Wächterinnen ihrer Familien sein. Die Frage ist nur, wie am besten.

       .  „gut

Alte Frauen sollen junge auch anleiten, gut zu sein. Im Wörtchen „gut“ liegt eine Welt von Information. Nun gilt es zu lernen, was es heißt, gut zu sein. 

       .  „den eigenen Männern unterordnet“

Ferner sollen die jungen Frauen angeleitet werden, sich ihren eigenen Männern zu unterordnen. „Unterordnen“ ist an dieser Stelle besser als „gehorchen“, denn „Gehorsam“ ist zu absolut. Unterordnung ist eine grundsätzliche Stellung, die, wenn es sein muss, die Möglichkeit, ungehorsam zu sein, offen lässt. Wo man Gott ungehorsam sein müsste, wäre Gehorsam dem Mann gegenüber nicht angebracht. Dennoch soll die Unterordnung nicht eine Angelegenheit der Laune sein. Jeder von uns muss lernen, sich unterzuordnen (vgl. auch 3,1). Paulus erwartet Unterordnung von jedem Christen (gemäß 1,10). Er sagt, Nichtchristen seien manchmal nicht fähig zur Unterordnung, aber unter Christen muss jeder den Kopf beugen und sich unterordnen können. Wir müssen lernen zu spuren. Wenn Eltern ihre Kinder lieben, werden sie ihnen auch dieses beibringen, werden ihnen die Realität zeigen, d. h., die Kinder lehren, dass ihre Freiheit dort aufhört, wo diejenige des anderen beginnt. Wir sind im Evangelium zwar nicht gesetzlich, aber dennoch gesetzestreu. Unser Gott ist ein Gott der Ordnung, und wir müssen lernen, in Zucht zu leben.

  f:  Beachten wir auch das Ziel dieses Wortes an diese Frauen.  V. 5E

„… damit das Wort Gottes nicht in Verruf komme.“

  4:  Beachten wir den leisen Wink an Titus. 

Nicht er ist der unmittelbare Lehrer der jungen Frauen.

    V. 1-4A: „Rede du aber das, was der gesunden Lehre geziemt: dass … alte Frauen … [seien] … Lehrerinnen des Edlen, damit sie den jungen Frauen zu gesundem Sinn und Zucht verhelfen, sodass sie, [die jungen Frauen] …“

  5:  Ein Wort für die jüngeren Männer  V. 6

„Desgleichen rufe die jüngeren Männer auf, gesunden Sinnes und züchtig zu sein …“

  a:  Wer sind sie?

Die Bezeichnungen „alt“ und „jung“ sind im Deutschen spezifischer als die, die Paulus hier gebraucht. „Junge Männer“ sind bei uns nicht mitteljährige, „alte“ ebenfalls nicht. Da anzunehmen ist, dass der Apostel sämtliche Christen mit seinen Aufforderungen ansprechen wollte aber nur zwei Altersgruppen pro Geschlecht nennt, wird es sich bei der betreffenden Gruppe um die Männlichen (bzw.. Weiblichen) zwischen Kindern und Alten handeln, deren Altersgrenzen aber nicht genau bestimmt werden können. Es geht in V. 6 um solche, die dem Kindesalter entwachsen aber noch nicht alt sind. Man schreibt also eher: „Die jüngeren Männer“.

  b:  Die Art des Wortes

    I:.  Es ist ein Aufruf.

Wenn Paulus seinen Aufruf mit „desgleichen“ einleitet, deutet er damit an, dass auch die Worte für die anderen Gruppen Aufrufe waren. Bedenken wir nochmals, dass „aufrufen“ nicht „ermahnen“ bedeutet. Während einer Ermahnung ein Fehlverhalten oder Widerstand vorausgeht und somit Korrektur nötig ist, setzt ein Aufruf nichts dergleichen voraus. „Aufrufen“ ist ein positives Wort, das darauf hinweist, wie man etwas tun soll. Es ist Unterweisung zur Tat. Aufruf ist Indikativ (Aussage) und Imperativ (Befehl) zugleich. Dieses schöne Vorgehen in der Unterweisung finden wir im NT immer wieder, z.B. Rm 12,1, und es ist ein lohnenswertes Studium, allen Stellen im NT nachzugehen, wo das Wort vorkommt.

    Der Aufruf an die jüngeren Männer setzt die Worte an ältere Männer und Frauen fort. Paulus ruft in diesem Brief mehrere Male zu Zucht und Besonnenheit auf.

    II:.  Es ist wesensmäßig mit den anderen verwandt.

„Desgleichen“ bezieht sich in erster Linie auf V. 1, möglicherweise auch auf den Tenor des ganzen Bisherigen.

  c:  Der Inhalt des Wortes  V. 6M

„… gesunden Sinnes und züchtig zu sein …“

    Der Aufruf, besonnen („gesunden Sinnes und züchtig“) zu sein, ist gleichsam die Zusammenfassung der Ethik. Zunächst heißt es nur: „besonnen sein“, aber in der Bedeutung geht es hier um einen Doppelbegriff. „Besonnen sein“ („gesunden Sinnes sein“) bedeutet ursprünglich „richtig denken“. In der griechischen Kultur kommt jedoch die angewandte Bedeutung hinzu: Wer richtig denkt, handelt auch richtig. Die Zucht beginnt im Denken, aber diese Besonnenheit führt dann zur Selbstbeherrschung und somit zur Zucht in der Tat. Das im Text verwendete Wort bündelt also die ganze Tätigkeit des Menschen zusammen: sein Denken und sein Handeln, wobei im Handeln Tat und Empfinden inbegriffen sind, denn Zucht ist auch Selbstbeherrschung in den Empfindungen.

    Das Wort eignet sich nicht nur als Maßstab für das Verhalten eines griechischen Christen von damals, sondern für das Verhalten aller Christen seit dem. Wir stellen fest, dass Paulus von den Christen will, was eigentlich die Griechen von ihren Landsleuten erwarteten. Der Unterschied liegt darin, dass die Griechen diese Erwartungen nicht erfüllen konnten. Das Griechentum war gekennzeichnet von mancherlei Fehlverhalten. Aber jetzt kommt das Evangelium und bringt Licht in diese dekadente Gesellschaft. Es hegt dieselbe Erwartung, aber nun ist jemand da, der wirklich Menschen verändern kann. Jesus Christus lässt Menschen anders denken und dadurch auch anders handeln.

    „Gesunden Sinnes und züchtig!“ Dieser Aufruf erging an die älteren Männer, dann an die Frauen und nun auch an die jüngeren Männer. 

  6:  Aufforderung an Titus, ein Vorbild zu sein  V. 7.8

„… dabei erweise dich selbst in jeder Hinsicht als Vorbild edler Werke, im Lehren Unverfälschtheit, Ehrbarkeit, Unverdorbenheit, 8 gesunde Rede, solche gegen die keine Anschuldigung vorzubringen ist, damit der Gegner beschämt werde, da er nichts Schlechtes über euch zu sagen hätte.“

  a:  Achten wir auf die Verbindung mit V. 6.  V. 7A

„… dabei erweise dich …“

    Wobei? 

    Während er das eben Gesagte beachtet, das welches in V. 6 steht: „Desgleichen rufe die jüngeren Männer auf, gesunden Sinnes und züchtig zu sein;“ „dabei“, sagt der Apostel, „erweise dich selbst in jeder Hinsicht als Vorbild edler Werke – im Lehren Unverfälschtheit, Ehrbarkeit, Unverdorbenheit, gesunde Rede, solche gegen die keine Anschuldigung vorzubringen ist …“

    „Dabei“ gibt also an, wann Titus ein Vorbild sein soll, nämlich während er auffordert. Beim Aufrufen, d. h., dann, wenn er jüngere Männer aufruft, soll er selbst ein Vorbild sein. Diese Stelle könnte ein Hinweis darauf sein, dass Titus selbst noch ein verhältnismäßig junger Mann war. Und besonders da, wo er es mit Gleichaltrigen zu tun hatte, sollte er ein Beispiel sein, damit jene an ihm sehen konnten, was seine Worte bedeuteten. Mit seinem Handeln sollte Titus seinen Worten Bedeutung verleihen.

  b:  Achten wir darauf, wie Titus ein Vorbild sein soll.  V. 7.8A

„… dabei erweise dich selbst in jeder Hinsicht als Vorbild edler Werke, im Lehren Unverfälschtheit, Ehrbarkeit, Unverdorbenheit, gesunde Rede, solche gegen die keine Anschuldigung vorzubringen ist …“

    I:. Mit edlen Werken

Titus soll mit edlen Werken vorangehen. Das griechische Wort für ‚edel’ könnte bekanntlich auch mit ‚gut’ oder ‚schön’ übersetzt werden, aber ‚edel’ scheint besser angebracht zu sein. Titus soll also handeln: Es soll nicht nur das Gesetz eingehalten werden, nicht nur in rechtschaffener Weise gelebt werden, sondern es sollen auch edle Werke entstehen; man soll etwas Edles für andere tun. 

    Eine Form von edlen Werken kann sein, das Richtige zu tun; das heißt, man tut das, was recht ist; man tut nichts Falsches. In diesem Fall handelt man auf edle Weise. Aber es geht um mehr. Wir sollen noch mehr tun, als nur das Richtige. Viele Christen begnügen sich damit, eine gewisse Moral einzuhalten; ansonsten sind sie lässig, was das Reich Gottes betrifft. Sie faulenzen regelrecht, leben nicht für den Herrn, sondern für sich selbst. Es gilt, am Wirken zu sein, weil die Nacht kommt, wo niemand wirken kann. 

    II:. In jeder Hinsicht

Paulus sagt zu Titus, er solle in jeder Hinsicht ein Beispiel für edle Werke sein. Tagaus, tagein und überall, wo es Gelegenheit gibt, soll man das Edle tun. 

    III:. In seiner Lehrtätigkeit 

In dieser kommt sein Vorbildsein ebenfalls zum Ausdruck. Hier hat er durchschaubar zu sein: Was er tut, was er ist, wird beim Lehren zu vernehmen sein. Besondere Eigenschaften werden an dieser Stelle genannt.

       .  „Unverfälschtheit“

Während Titus, nach V. 6, aufruft und unterweist, soll er in der Lehre unverfälscht sein. Die Lehre selbst soll die richtige Lehre sein. Es ist sehr leicht möglich, dass wir das Falsche lehren. Wir müssen davor bewahrt bleiben, verkehrt anzuweisen und dadurch anderen einen falschen Weg zu zeigen. Und Titus soll, während er lehrt, unverfälscht handeln; das Beispiel, das er im Handeln gibt, soll ein unverfälschtes sein.

        .  „Ehrbarkeit“

Weiter wird Titus zur Ehrbarkeit aufgerufen. Ein ehrbares Verhalten ist eines, das andere dazu veranlasst, einem Ehre entgegenzubringen, und das nicht wegen der eigenen Person, sondern des aus dem Evangelium stammenden Verhaltens wegen.

       .  „Unverdorbenheit, gesunde Rede, solche gegen die keine Anschuldigung vorzubringen ist“

    Seine Lehre darf durch sein Handeln keinen Widerspruch erfahren. Handeln und Lehren sollen einen einzigen Guss bilden.

    Treffend bemerkt Schlatter: „Doch bleibt die Verwaltung des Worts für Titus die Hauptaufgabe; wie er dieses den anderen geben soll, bildet darum in einer an ihn selbst gerichteten Mahnung das Hauptstück. Diejenige Gestalt des christlichen Worts soll man an ihm sehen, in die nichts Fälschendes und Verderbendes eingemengt ist. Dann kann es zwar verworfen werden, aber nicht mit gutem Grund und innerem Recht. Nicht so kann es getadelt und verurteilt werden, daß sich der Tadler dabei im Rechte weiß.“

  c:  Achten wir auf den Grund für diese Aufforderung.  V. 8M

„… damit der Gegner beschämt werde, da er [dann] nichts Schlechtes über euch zu sagen hat.“

    Der Aufruf, sich selbst als Beispiel zu zeigen, hat zwei Gründe, wobei der zweite Grund den ersten näher begründet.

       .  Der erste Grund lautet: „damit der Gegner beschämt werde“ – was allerdings nicht garantiert werden kann. Es soll jedoch des Titus (und unser) Ziel sein.

    Eigentlich weiß der Gegner auf Kreta, dass er bei seinem eigenen Volk nicht voraussetzen kann, dass die ethischen Erwartungen, z.B. besonnen und züchtig zu sein, erfüllt werden. Nun kommt eine neue Lehre, die für ihn unglaubhaft ist. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Kraft existiert, die diese Erwartungen erfüllen könnte. Aber wenn er merkt, dass durch die Christusbotschaft nicht nur jüngere, sondern auch ältere Männer verändert werden und in ihrem Leben die Kraft haben, wirklich besonnen und züchtig zu sein, wird er beschämt. Es soll natürlich nicht bei dieser Beschämung bleiben. Wenn der Gegner beschämt werden soll, soll er dadurch für das Evangelium empfänglich werden. Es dürfte hier vorausgesetzt sein, dass Titus weiter mit diesen Gegnern spreche und versuche, sie zu Jesus Christus zu führen.

       .  Die anschließende Begründung: „da er [dann] nichts Schlechtes über euch zu sagen hat.“

Der Gegner wird beschämt, „weil er nichts Schlimmes zu sagen hat“. Zuerst lästert er, spricht übel von den Christen, weil sie anders sind, eine andere Lehre bringen, nicht mehr richtig in die Gesellschaft passen. Aber dann stellt er fest, dass die Botschaft von Christus eine verehrungswürdige ist, und muss den Mund halten.

  d:  Achten wir auf die in V. 8E Angesprochenen.

Wer ist in dem „euch“ eingeschlossen? In erster Linie Titus und die Mitarbeiter. Der Brief wurde möglicherweise von zwei Brüdern nach Kreta gebracht, sodass diese dabei gewesen sein könnten, als Titus ihn las. Es könnte also sein, dass Paulus auch an sie dachte, als er den schrieb. Aber er schloss bestimmt auch die jungen Männer mit ein, von denen er soeben geschrieben hatte. Und auch die Ältesten, die ja die Verkündigungsaufgabe von Titus übernehmen sollen, haben dieses Wort zu beherzigen. Letztlich geht es alle Christen an: Alle Christen sollen so leben, dass Menschen, die nicht Christen und im Grunde gegen das Evangelium sind, nichts an ihnen auszusetzen haben. So viel erwartet Paulus von den Kretern! Nichts soll an ihnen auszusetzen sein. Sie sollen sich vor den Nichtchristen nicht blamieren. 

    Was könnte nun Schlimmes von den Christen zu sagen sein? Schlimm wäre es, wenn jemand gesündigt hätte, das heißt, wenn er sich, gemessen am Evangelium, falsch verhalten hätte. Hingegen wäre es nicht schlimm, wenn man den Christen Schlimmes nachsagen würde, das nicht zuträfe. „Selig seid ihr“, sagt Jesus, „wenn das geschieht.“ Für unser Empfinden mag es schlimm sein, wenn man Falsches über uns sagt, aber es ist nicht schlimm, wenn wir an die Belohnung denken und an unseren Herrn, der auch so behandelt wurde.

  7:  Ein Wort für gläubige Sklaven  V. 9.10

„Die Sklaven [rufe auf], sich den eigenen Herren zu unterordnen, in allem angenehm zu sein, indem sie nicht widersprechen, nichts unterschlagen, sondern alle gute Treue erweisen, damit sie die Lehre Gottes, eures Retters, in allem zieren …“

  a:  Zur Stellung dieses Wortes im Kapitel

In V. 9 fehlt das Prädikat, das weisende Tätigkeitswort für Titus. Der Vers ist demnach die Fortsetzung des Satzes, der mit V. 6 begann, und dort steht: „Desgleichen rufe auf ...“ 

    Das Wort für die leibeigenen Knechte ist also ein Aufruf. So, wie Titus die jüngeren Männer, und vor dem die älteren Frauen und die älteren Männer, aufgerufen hat, so soll er auch die Sklaven aufrufen.

  b:  Was soll Titus diesen nun sagen?

    I:. Sie sollen sich unterordnen.  V. 9A

„Die Sklaven [rufe auf], sich den eigenen Herren zu unterordnen …“

    Der Sklavenstand wird zunächst akzeptiert, auch wenn er nicht notwendigerweise anerkannt wird. Das Evangelium wirft heidnische Gesellschaftsstrukturen nicht sofort um, selbst wenn sie nicht ganz der Bibel entsprechen, sondern es wirkt wie ein Sauerteig; d. h., es arbeitet langsam, bis sich die Wirkung voll entfaltet. Wer im Sklavenstand steht, soll also bereit sein, dem Leibherrn als Sklave ein Beispiel zu sein.

    Im Titusbrief spielt die Unterordnung eine wichtige Rolle. Christen sollen nicht für Auflehnung bekannt sein, sollen nicht rebellisch sein und ihre Freiheit und Individualität betonen. Dort, wo es wichtig ist, sollen sie bereit sein, sich zu unterordnen. 

    II:.  Sie sollen in allem angenehm sein.  V. 9M-10M

„… in allem wohlangenehm zu sein, indem sie nicht widersprechen, 10 nichts unterschlagen, sondern alle gute Treue erweisen …“

      A:. Die Erwartung 

Paulus erwartet, dass Sklaven für die Menschen in ihrer Umgebung, und ganz besonders für die Christen und die Lehrer des Evangeliums, angenehm sind. Das bedeutet nicht, dass sie eines jeden Erwartungen zu erfüllen haben. Das wäre nicht möglich. Es muss also einen konstanten Maßstab geben. Dieser ist letztlich das Evangelium. Manchmal haben auch Nichtchristen einen Sinn für das Richtige und können insofern auch das Richtige von uns erwarten. Manchmal sind die Erwartungen der Ungläubigen sogar gesünder als diejenigen der Christen. Aber das „Angenehmsein“ wird eigentlich nicht von den Erwartungen der Mitmenschen bestimmt, sondern von der Lehre Gottes. Wir müssen also zu V. 7 zurück. Es geht grundsätzlich darum, Gott angenehm zu sein.

      B:. Die Weise 

Wie können Sklaven angenehm sein? 

      .  Das schließt zunächst etwas aus.

V. 9E.10A: „… in allem angenehm zu sein, indem sie nicht widersprechen, nichts unterschlagen …“

      .  Es schließt etwas ein.

V. 10: „… sondern alle gute Treue erweisen …“

    Es fällt auf, dass Paulus die Treue mit zwei Adjektiven („alle“ und „gute“) charakterisiert. Gibt es denn schlechte Treue? Es gibt echte Treue, die aber fehl am Platz ist. Im Dritten Reich war die Treue dem „Führer“ gegenüber nicht immer angebracht. Petrus erinnert uns daran, dass wir Gott mehr gehorchen sollen als der Obrigkeit, wenn diese gegen Gottes Verordnungen verstößt. Wenn ein Leibherr ungläubig ist, kann es leicht vorkommen, dass er von seinem Sklaven etwas erwartet, das nicht richtig wäre. Der Sklave wird nun nicht aufgefordert, unter allen Umständen das zu tun, was sein Herr von ihm erwartet, sondern er wird aufgefordert, „gute Treue“ zu erweisen. Dort, wo die Treue angebracht ist, soll sie in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit erwiesen werden; alle gute Treue soll es sein.

  c:  Was ist das Ziel dieses Wortes?  V. 10E

„… damit sie die Lehre Gottes, eures Retters, in allem zieren …“

   Wir finden hier die Bestätigung der Vermutung, dass das „Angenehmsein“ an der Lehre gemessen werden müsse. Man soll so angenehm sein, wie es das Evangelium erwartet. Ist man Gott angenehm, so wird die Lehre geziert. 

    Die Lehre, die wir zieren sollen, ist die Lehre des Rettergottes. Unser Gott ist ein Retter. Seine Lehre ist nicht einfach eine Moral, sondern die Ethik des Gottes, der uns vom falschen Verhalten des Heidentums und von dessen Folgen rettet und uns zu neuen Menschen machen kann. Diese Lehre ist nicht eine bloße Forderung; sie ist eine helfende Forderung. 

    In V. 11 spricht Paulus von der Gnade Gottes, die uns erzieht. Weil Gott ein Retter‑Gott ist, hat er uns eine gnädige Lehre gegeben, eine Lehre, die nicht nur fordert, sondern auch hilft. Gnade bringt nicht nur Vergebung. Sie bringt auch Hilfe. Und so hilft die Gnade Gottes dem Sklaven, angenehm zu leben, besonders wenn er bis zum Tode gedrückt oder gar gefoltert wird. Die Sklaverei zur Zeit des Paulus konnte erbarmungslos hart sein, sodass die Sklaven manchmal nachts angekettet werden mussten, damit sie nicht Selbstmord begehen konnten. Viele Sklaven entflohen. Wurde ein flüchtiger Sklave jedoch erwischt, konnte er gebrandmarkt werden, wodurch er fürs Leben gekennzeichnet blieb. Trotz dieser schlimmen Zustände erwartet Paulus, dass gläubige Sklaven sich dem Evangelium entsprechend verhalten. 

    Der Apostel Petrus hat es so ausgedrückt (1P 2,13.15-): „Seid also untergeordnet aller menschlichen Einrichtung des Herrn wegen, … weil es so Gottes Wille ist, [durch] Gutestun die Unkenntnis der törichten Menschen zum Verstummen zu bringen – 16 als Freie und nicht als solche, die die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit haben, sondern als leibeigene Knechte Gottes; … in aller Furcht sich unterordnend den [über sie] verfügenden Herren, nicht allein den guten und milden, sondern auch den verkehrten, 19 denn das ist Gnade, etwas Angenehmes, wenn jemand wegen eines an Gott gebundenen Gewissens Betrübnisse und Verletzungen erträgt und dabei ungerechterweise leidet; 20 denn was für ein Ruf ist das, wenn ihr sündigt und [deswegen] mit Fäusten geschlagen werdet und es mit Ausdauer erdulden werdet? Wenn ihr jedoch Gutes tut und leidet, und es mit Ausdauer erdulden werdet, das ist Gnade, etwas Angenehmes, bei Gott, 21 denn hierzu wurdet ihr gerufen, weil auch Christus für uns litt, wobei er uns ein vorgezeichnetes Muster hinterließ, damit ihr auf seinen Fußspuren folgen möchtet, 22 der keine Sünde tat, noch wurde List in seinem Munde gefunden, 23 der, als er geschmäht wurde, nicht wiederschmähte, als er litt, nicht drohte, es aber dem übergab, der in Gerechtigkeit richtet …“

  8:  Warum es sich geziemt, so zu verkünden  V. 11-14

„… denn es erschien die Gnade Gottes, die allen Menschen Heil bringt, 12 uns erziehend, damit, nach Absagen des ehrfurchtslosen Wesens und der weltlichen Lüste, wir mit gesundem Sinn und Zucht und in Gerechtigkeit und mit rechter Ehrfurcht in der jetzigen Weltzeit leben sollten, 13 dabei die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters, Jesus Christus, erwarten [sollten], 14 der sich selbst für uns gab, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit erlöse und sich selbst ein besonderes Volk reinige, das eifrig sei für edle Werke.“

  a:  Schauen wir uns zuerst die Gestalt des Textes an.

    I:. Er ist organischer Bestandteil eines größeren Abschnittes. 

Die Verse 6-14 sind im Grundtext ein sich durchziehender Satz, die V. 11-14 ein abhängiger, der die vorangehenden Verse 6-10 ergänzt.

    Das Haupttätigkeitswort des ganzen Satzes befindet sich in V. 6. Es ist das Wort „aufrufen“ in der Befehlsform: „rufe auf“. Titus soll in V. 6 die jüngeren Männer zu einer rechtschaffenen Lebensweise aufrufen, in den V. 9-11 die leibeigenen Knechte. Dazwischen, in den Versen 7 und 8, wird er selbst angehalten, ein Beispiel zu sein. Solche Lebensweise soll die Lehre ihres Gottes und Retters „zieren“, in ein gutes Licht stellen. Man soll also von einem auf das andere schließen können.

    Solche Aufforderung begann aber schon mit V. 1, wo Paulus den Titus anhielt zu reden, „was der gesunden Lehre ziemt …“ Der Apostel gibt nun eine kurze Zusammenfassung dieser Lehre, das Evangelium, und das geziemende Verhalten wird in der „Gnade Gottes“ verankert.

    II:. Innerhalb unseres Textes haben wir ebenfalls eine Struktur, die nicht ganz einfach zu erkennen ist. 

      A:. Das erste Problem haben wir in V. 11. 

Ohne Satzzeichen sähe eine Wort-für-Wort-Wiedergabe so aus: „denn es erschien die Gnade des Gottes die rettende allen Menschen“. Das kann nun im Deutschen verschieden geschrieben werden. Schreiben wir: „es erschien die rettende Gnade Gottes allen Menschen“, so haben wir allerdings das Empfinden, dass zu viel ausgesagt wird. Schreiben wir: „es erschien die Gnade Gottes, die alle Menschen rettet“, so haben wir ebenfalls das Empfinden, dass zu viel ausgesagt wird. Man kann aber „rettend“ mit „heilbringend“ ersetzen und schreiben, was vom Zusammenhang her wohl das beste ist: „es erschien die Gnade Gottes, die allen Menschen Heil / Rettung bringt“.

      B:. Welche Beziehung besteht zwischen den Versen 11 und 12?

Die Hauptaussage liegt in V. 11. Die Verse 12-14 schließen sich im Grundtext dieser mit einem Partizip ergänzend an. Da wir nun im Deutschen diese Wortform (das Partizip) nach Möglichkeit vermeiden, macht das die Übersetzung schwierig. Ganz kommen wir aber nicht ohne sie aus und fügen sie hier und da doch ein.

    Zu schnell gehen Kommentarschreiber über die Beziehung des Verses 12 zu V. 11 hinweg. Luther verbindet sie mit „und züchtigt uns“. Ich selbst wollte die Verknüpfung etwas stärker herausstellen und schrieb: „wobei sie uns erzieht“. Bei näherem Studium jedoch habe ich gemerkt, dass so oder so der Text zu stark entstellt wird, denn, während das Wort „erscheinen“ in V. 11, das hier ergänzt werden soll, in der Vergangenheitsform steht („erschien“), schreibt man in V. 12 das Wort „erziehen“, bzw. „züchtigen“, in der Gegenwartsform: „erzieht“ bzw. „züchtigt“. Paulus sagt aber eigentlich: „Die Gnade erschien erziehend.“ 

    Dass diese Erziehung sich in die Gegenwart erstreckt, stimmt und ergeht schon aus der Tatsache, dass diese Verse ja den Christen auf Kreta klarmachen wollen, warum und auch wie sie anders zu leben haben. Sie beginnt aber in der Vergangenheit. Ausnahmsweise meine ich also, hier ohne das Partizip im Deutschen nicht auskommen zu können.

      C:. Und die V. 13.14?

Sie bilden eine kleine Einheit, die sich ebenfalls mittels eines Partizips an V. 12 anschließt, aber diese Verbindung bereitet weniger Schwierigkeiten.

    III:. Werten wir nun das Gewonnene aus für einen vorläufigen Überblick über unseren Text. 

Das Ganze ist Begründung für die zuvor geforderte rechtschaffene Lebensweise. V. 11 bildet die Hauptaussage, die Hauptbegründung: Die Gnade Gottes ist ohne Unterschied für alle Menschen da. Und die V. 12-14 teilen mit, wie diese Wahrheit zu der erwünschten Lebensweise führt. Dabei lenkt V. 12 den Blick auf den gegenwärtigen Aspekt dieses Lebens, während V. 13 in die Zukunft weist. V. 14 erinnert dann daran, dass der Kommende der Gekommene von V. 11 ist, sowie an die ursächliche Verbindung zwischen V. 11 und dem Vorhergehenden. 

    Auf diese elegante Weise wird Leben in Lehre verwurzelt, Gesetz und Evangelium eins.

    Notierenswert ist die Bemerkung im Calwer Handbuch der Bibelerklärung: „Zu einem heiligen Leben verpflichtet und befähigt nur eine Tatsache: die in der Person Jesu Christi sonnenklar zur Erscheinung gekommene Gnade Gottes (Lk 1,79). Diese die Sünde richtende, die Sünder rettende Gnade gilt, wie die Sonne, allen Menschen (1Tm 2,4; 4,10) in allen Ständen und Lebensaltern (V. 2-10).“

  b:  Nun zur Hauptaussage des Textes.  V. 11

„… es erschien die Gnade Gottes, die allen Menschen Heil bringt …“

    I:. Was heißt es, dass die Gnade Gottes erschien?

Das Wort im Grundtext für „erscheinen“ ist eine verstärkte Form von „sichtbar machen“, also: „in hellem Licht sehen lassen“. Es wird auch vom Aufgehen der Sonne gebraucht. Gott hat uns seine Gnade ins helle Licht gestellt, zur Bewunderung und zur allseitigen Annahme.

    Aus anderen Texten wissen wir, dass die Gnade Gottes in einer Person erschien, die Zacharias (Lk 1,78) „Aufgang [der Sonne]“ nennt und von der Johannes schreibt: „Aus seiner Fülle empfingen wir alle …“ (Jh 1,16A).

    Zu Recht wird Ti 2,11 gern zur Zeit des jährlichen Christfestes bedacht.

    Das griechische Wort für Gnade bedeutet: das Angenehme, Erhebende, freudig Stimmende. Das ist die Gnade Gottes, wenn sie uns die Vergebung bringt, auch wenn sie als Gottes Kraft uns geschenkt wird. Vergebung und Kraft ist die Gnade aus dem Beweggrund der Liebe und Zuneigung Gottes in seinem Sohn.

       .  Paulus sagt, es ist die Gnade Gottes, die erschien. Die Gnade Gottes ist sein Handeln am Menschen in seiner Liebe, besonders sein Handeln in seinem Sohn.

    Wenn Menschen gnädig sind, ist ihre Gnade aufs beste nur eine kümmerliche. Gottes Gnade aber lässt sich überall sehen. Sie fließt aus seinem Wesen, das Liebe ist, ist überreich für alle Bedürftige, ja, den größten Schuldner.

    Es ist auch zu beachten, dass Paulus, wenn er in dieser Weise vom Erscheinen der Gnade Gottes spricht, meint, dass nun die Möglichkeit gegeben ist, in der Kraft Gottes das Leben zu führen, zu dem der Mensch unter dem Gesetz nicht fähig war: 

    Rm 8,3.4: „… was das Gesetz nicht konnte, worin es schwach war durch das Fleisch: Gott schickte seinen eigenen Sohn in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde und für Sünde und verurteilte die Sünde im Fleisch, damit das Gerechte des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist …“

    II:. Was bedeutet es, dass die Gnade allen Menschen Heil bringt?

Es kann nicht heißen, dass alle Menschen gerettet werden, denn Jesus lehrte, viele Menschen würden verloren gehen und nicht gerettet werden.

    Die Gnade, die erschien, rettet die Menschen, die sich dem Sohn Gottes hingeben, der sie brachte. Für diese ist sie eine Heil bringende, eine rettende, weil sie aus jeder erdenklichen Not rettet. Und sie rettet jeden, der zum Sohn kommt, denn sie ist ohne Ausnahme für alle Menschen erschienen.

    Schlatters Bemerkungen hierzu sind beachtenswert: „Weil sie, [die Gnade], für alle sich geoffenbart hat, gibt es in der Gemeinde keinen verachteten, der nicht mit demselben Anteil an der göttlichen Gnade allen anderen gleichgestellt wäre; darum gibt es aber auch keinen Stand, der in der Sünde bleiben dürfte und das Recht zum Ungehorsam hätte. Vielmehr darf und muss ein jeder sein Leben so führen, dass an ihm die Gnade in ihrer errettenden Wirkung erscheint. Daher kann sich auch die Gemeinde nie der Rücksicht auf ihre Umgebung entschlagen, da sie die Gnade Gottes nie bloß auf sich selber beziehen darf, sondern daran denken muss, dass sie für alle bestimmt ist.“

    Und Luthers Glosse (bei Dächsel) ist trefflich: „Was folgt hieraus anders, denn dass ohne die Gnade Gottes all unser Ding ungöttlich Wesen, weltliche Lüste sei? Denn wäre in jemand etwas göttlichen Wesens und geistliche Lust, so dürften nicht alle Menschen absagen dem ungöttlichen Wesen und weltlichen Lüsten, wäre auch nicht noth der Gnade noch ihres Heils Erscheinung.“

    Nicht zu übersehen ist die Möglichkeit, dass Paulus beim Ausdruck „alle Menschen“ auch an ein Überschreiten der Grenze des Volkes Israels dachte. Da nach K. 1 unbiblisches jüdisches Gedankengut in den von Titus betreuten Kreisen ein Störfaktor war, könnte es sein, dass er hiermit die Einheit der Gläubigen unterstreichen wollte.

  c:  Wie erfüllt nun diese Wahrheit vom Erscheinen der Gnade Gottes ihre Aufgabe?  V. 12‑14

    I:. Erinnern wir uns zuerst noch einmal an die Aufgabe.

Unser Text ist die Begründung für die vorangegangenen Aufrufe. Zu rechtschaffener Lebensweise wird da aufgefordert – mit einem zweifachen Ziel (V. 8M): „damit der Gegner beschämt werde, da er [dann] nichts Schlechtes über euch zu sagen hat“; (V. 10M): „damit sie die Lehre Gottes, eures Retters, in allem zieren“. Diese Ziele sind erreichbar, „denn“ (V. 11) „es erschien die Gnade Gottes, die allen Menschen Heil bringt …“ Wie diese Tatsache es zum gewünschten Ziel kommen lässt, will der Apostel nun kurz ausführen.

    II:.  Es geschieht durch Erziehung.  V. 12

„… uns erziehend, damit, nach Absagen des ehrfurchtslosen Wesens und der weltlichen Lüste, wir mit gesundem Sinn und Zucht und in Gerechtigkeit und mit rechter Ehrfurcht in der jetzigen Weltzeit leben sollten …“

      A:. Die Aussage „erziehen“ bedarf einer Erklärung.

Das Wort im Grundtext stellt die Aufgabe eines griechischen Pädagogen dar. Der war jedoch nicht der Hochschullehrer etwa unserer Tage, sondern oft ein Sklave mit einiger Erziehungsbegabung. Erwartet wurde wohl auch, dass er sich ein wenig in den traditionellen Motivierungen Güte und Strenge auskannte.

    Die Gnade Gottes ist nun wie ein solcher „Pädagoge“. Sie begleitet uns den ganzen Tag, um uns die Art unseres Herrn beizubringen.

      B:. Die Erziehung geschieht in diesem Fall durch die rettende Gnade Gottes, die in Christus erschien.

Die Erziehung fängt also mit der Geburt unseres Herrn an. Sein ganzes Wesen und Leben ist für uns ein Erziehungsmittel Gottes, 

.  denn die Lebensweise, zu der Paulus aufgerufen hat, ist ja keine andere als die Christus ähnliche. 

.  Dann ist es die Gnade Gottes im Reden Jesu, die uns erzieht,

.  zum Dritten die Gnade Gottes im Tode Jesu für unsere Schuld,

.  dann die Gnade Gottes in der siegreichen Auferstehung und Himmelfahrt,

.  ferner sein Mittlerdienst zur Rechten Gottes,

.  sodann die Sendung seines Geistes,

.  nicht zuletzt die Gnade Gottes im Dienst seiner Apostel und Propheten, die uns auch sein Wort hinterlassen haben.

    Aus allen diesen Gründen vertiefen wir uns in sein Wort, durch welches nebst der Hilfe des Geistes seine Gnade am Wirken ist. Aus dem Wort erfahren wir auch, dass alle unsere Erfahrungen Wege der Erziehung Gottes sind – aus Gnade und mit Gnade.

      C:. Diese Erziehung, sagt Paulus, führt in Richtung Leben.

Der extrahierte Kurzsatz in V. 12 lautet: „damit wir leben sollten“, nicht „wandeln“ oder ähnliches, sondern gerade: „leben“. Die Erziehung Gottes ist immer eine gnädige, und das heißt, dass sie uns zum Leben und nie zum Schaden dient.

      1:. Der Apostel sagt uns, wo dieses Leben geführt wird.  V. 12

„… uns erziehend, damit … wir … in der jetzigen Weltzeit leben sollten“ – nicht in der Welt von Gestern, nicht in der von Morgen, nicht in einer Phantasiewelt, nicht in einer von uns zurechtgebastelten, nicht schon im Himmel, sondern gerade in der Welt, in der wir uns heute befinden mit aller ihrer Not. Sie ist aber auch die Welt, die Gott in seiner Gnade mit viel Schönheit versieht. 

    Darüber lässt sich lange nachdenken.

    Luthers Anmerkungen hierzu (bei Dächsel) dürfen beherzigt werden: „Er spricht aber: ‚in dieser Welt’, zum Ersten darum, daß es nicht mit einzelnen Werken sei ausgerichtet, sondern es soll das ganze Leben also sein, dieweil wir hier sind; zum Anderen, daß niemand sein gut Leben spare bis nach diesem Leben oder in den Tod, denn hier auf dieses Leben muß geschehen, was wir in jenem Leben sollen gewarten. Aber mehr noch sagt er darum ‚in dieser Welt’, anzuzeigen die Kraft der heilwärtigen Gnade Gottes, daß die Welt so böse ist und nun ein göttlicher Mensch gleich allein, ohne Exempel, wie eine Rose unter den Dornen leben muß.“

      2:. Wie wird das Leben, zu dem die Gnade Gottes uns erzieht, gelebt?

         a:. Die Gnade erzieht zur Verleugnung, zum Neinsagen.

        .  Abgesagt soll werden das „ehrfurchtslose Wesen“ – Respeklosigkeit und Unachtsamkeit. Dieses ist grundsätzlich.          

        .  Abgesagt sollen werden „weltliche Lüste“, alle verkehrte Erfüllung unserer Wünsche.

    „Es gibt einen Weg, der dem Menschen richtig erscheint, aber sein Ende ist der Weg des Todes.“ (Sp 14,12) Verkehrte Wunscherfüllung verdirbt, ist nicht „Heil bringend“.

         b:. Die Gnade erzieht zum Jasagen.  V. 12

„… damit … wir mit gesundem Sinn und Zucht und in Gerechtigkeit und mit rechter Ehrfurcht in der jetzigen Weltzeit leben sollten …“

        .  Mit gesundem Sinn (Besonnenheit) und Zucht. Beides liegt im selben Wort.

        .  „in Gerechtigkeit“

        .  „mit rechter Ehrfurcht“

      3:. Wohin führt das Leben, zu dem die Gnade Gottes uns erzieht?  V. 13.14

 „… dabei die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters, Jesu Christi, erwarten sollten …“

    Nachdem uns gesagt ist, wo und wie das Leben, zu dem die Gnade Gottes uns erzieht, geführt wird, erfahren wir nun auch, wohin es geht.  

         . Die Gnade erzieht zur Erwartung.

Die Gnade Gottes, die, nach V. 11, in Jesus Christus erschien und allen Menschen das Heil Gottes bringt, erzieht, nach V. 12A, damit wir … erwarten sollen.

Was über diese Richtung, welche ein Leben, das von der Gnade Gottes geprägt ist, hier ausgesagt ist, können wir in folgenden Sätzen festhalten.

         .  Wir erwarten, schauen nach vorn und nach oben.

         .  Wir erwarten während die Gnade erzieht.

         .  Wir erwarten eine sichere Hoffnung.

         .  Wir erwarten die Verwirklichung dieser Hoffnung in der Erscheinung unseres Retters, Jesu Christi.

         .  Weil wir ihn lieben, lieben wir auch seine Erscheinung. Daher ist die Hoffnung auf seine Erscheinung eine selige, eine frohmachende.

         .  Der Retter, der kommt, ist kein anderer als der große Gott selbst, der Gott-Mensch. 

         .  Weil Jesus Christus der große Gott selbst ist, wird er in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit erscheinen mit seinen himmlischen Dienern.

         .  Der, der kommt, ist derselbe, der als Gnade Gottes einmal erschien.  

        –  Er ist es, „der sich selbst für uns gab“.

        –  Er ist es, „der sich selbst für uns gab, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit erlöse“. 

        –  Er ist es, „der sich selbst für uns gab, damit er … sich selbst ein besonderes Volk reinige, das eifrig sei für edle Werke.“ 

         .  Hiermit wird nun der Kreis geschlossen: Es wird mit anderen Worten wiederholt: Die Gnade, die am Kreuz erschien, hat den Zweck eines heiligen Lebens und des Dienstes. Die Gnade Gottes erschien, wurde sichtbar auf der Erde, in der Krippe, am Kreuz, dort, wo auch wir in der jetzigen Weltzeit unser Leben führen – bis die personifizierte Gnade aus dem Himmel erscheint, um uns dahin zu nehmen. 

  9:  Eine Aufforderung für den Verkündiger  V. 15  

Vier getrennte Aufforderungen:

    .  „Dieses rede!“

    .  „Und rufe auf!“

    .  „Und weise zurecht mit allem fordernden Nachdruck.“

    .  „Niemand missachte dich!“

    Paulus spricht seinen Mitarbeiter immer unmittelbar an. Titus soll reden, soll reden, was Paulus eben zuvor gesagt hat, das Evangelium der Verse 11‑14 und über das Verhalten, das dieser guten Botschaft entspricht. Dieses Reden soll „mit allem fordernden Nachdruck“ geschehen: ein deutliches Wort! Verkünder des Evangeliums haben ein bestimmtes Leben und Verhalten zu fordern: Wir sollen die Welt verleugnen, dem Evangelium entsprechend leben und auf den Herrn Jesus warten. Es ist für einen Verkünder nicht immer leicht, solches mit Nachdruck zu fordern.

    Paulus ruft Titus zu, niemand solle ihn verachten, missachten. Wie kann man das verhindern? Der Aufruf klingt in unseren Ohren wie eine Forderung, die wir an andere zu richten hätten: „Du, bitte, du sollst mich nicht missachten. Steht geschrieben. Ich soll dafür sorgen, dass du mich ehrst.“

    Lenski übersetzt: „Niemand setze sich über dich hinweg.“

    Es geht hier nicht darum, dass wir das Verhalten und die Denkweise unserer Mitmenschen bestimmen, sondern darum, dass wir anderen keinen Anlass geben, uns zu missachten. Wir sollen für uns selbst sorgen, auf unseren Wandel achten, zuerst unsere eigenen Lehrer sein und dann ein Beispiel abgeben. Ähnlich verhält es sich z.B. auch mit der Aufforderung, das Böse zu überwinden. Es ist nicht unser Auftrag, überall das Böse auszuschalten, sondern in uns die Neigung zum Bösen zu überwinden (Rm 12,21). Wenn uns Unrecht getan wurde, haben wir nicht andere davon abzuhalten, so zu handeln, sondern wir haben das Böse zu überwinden, indem wir, statt böse zu werden, in Liebe reagieren.

C:  Alle sollen erinnert werden.  3,1-8

  1:  An was sollen sie erinnert werden?  V. 1.2

Sie sollen daran erinnert werden, wie man sich verhalten soll.

  a:  Vor den Behörden  V. 1

„Erinnere sie, sich denen, die in erster Stellung sind, und Obrigkeiten zu unterordnen, sich ihnen zu fügen …“

    Es werden hier zwei Instanzen genannt.

       .  Die, die in erster Stellung sind

Die letztgenannte dürfte die höhere Instanz sein. Paulus beginnt bei der Instanz, die unmittelbar über dem Normalbürger Kretas steht, also bei der örtlichen Behörde. Diesen Bezirksbehörden soll man sich unterordnen. In 1,10 hat Paulus darauf hingewiesen, dass Kreter es schwer haben, sich zu unterordnen. Aber diese Krankheit ist nicht nur bei den Kretern anzutreffen. Wir sind als Christen immer noch im Fleisch, kommen von Adam und Eva her, die sich über Gott selbst, also über die höchste Instanz, stellten. Und diese Tendenz, höher sein zu wollen, ist immer noch in uns. Wenn wir das Evangelium annehmen, müssen wir davon befreit werden. Das ist ein schwerer Weg. Jeder von uns möchte nur allzu gern die höchste Instanz spielen, aber wir haben zu lernen, uns Gott zu unterordnen – und denjenigen Menschen, die in einem bestimmten Bereich eine erste Stellung einnehmen.

    Eigentlich wissen die Kreter schon, dass sie sich unterordnen sollen, aber Paulus sagt dem Titus dennoch, er solle sie daran erinnern.

       .  Obrigkeiten

Die zweite Instanz im Staat, also die höhere, ist die Obrigkeit, d. h., die höchste Regierung im Staat. Die Obrigkeit besteht aus sündigen, meistens unbekehrten Menschen, die nur allzu schnell Forderungen stellen können, die dem Wort Gottes widersprechen. Da soll der Christ wissen, dass unsere allerhöchste Instanz der Herr Jesus Christus ist – und der Vater im Himmel. Das lesen wir z.B. in der Rede des Petrus in der Ag 4,19. Wir orientieren uns in erster und letzter Linie an Gott. Aber gerade er ist es, der uns auffordert, uns menschlichen Obrigkeiten zu fügen. Und wenn deren Forderungen nicht gegen Gottes Wort gerichtet sind, soll es bei diesem Sich‑Fügen bleiben.

  b:  Im Allgemeinen  V. 1.2

„Erinnere sie, … zu jedem guten Werk bereit zu sein, 2 niemanden zu lästern, nicht zänkisch zu sein, milde zu sein und alle Sanftmut gegen jedermann zu erweisen …“

       .  V. 1E: „zu jedem guten Werk bereit zu sein“

Christen sind nicht nur gerufen, sich an der missionarischen Tätigkeit zu beteiligen, sondern sie sollen immer wieder Gutes tun. Wie soll nun der Christ vorgehen, wo es doch so viel Gutes zu tun gibt?

    Ga 6,11 gibt uns eine erste Lösung. Wir sollen uns mit unserer Kraft, unserer Zeit, unserem Geld zuerst für die Familie Gottes, d. h., für die Gläubigen einsetzen. 

    Eine weitere allgemeine Regel, die es zu beachten gilt, ist die, dass wir auf die Nöte in unserer Nähe achten. Durch die Medien erfahren wir heute von viel mehr Not, als die Menschen auf Kreta damals wahrnehmen konnten. Es wurde zwar schon in jener Zeit viel gereist, aber es dauerte länger, bis man von Erdbeben oder Kriegen in anderen Gebieten erfuhr. Da das Wort Gottes auf gleiche Weise gültig ist wie damals, muss es für die guten Werke eine allgemeine Regel geben, eine, die für alle Generationen gilt. Wir müssen uns nicht verpflichtet fühlen, allen Notrufen, die uns über die Medien erreichen, nachzukommen. Zunächst kommen die Nöte in der nächsten Umgebung daran. 

    (Wir sollten ohnehin den Medien kritischer gegenüberstehen. Um die Gefahren des Fernsehens wissen ja selbst Ungläubige. Christen können eigentlich auf das Fernsehen und Radiohören – und zum größten Teil sogar auf das Zeitunglesen – verzichten, zum einen, weil viel Unnötiges berichtet wird, und zum anderen, weil viel gelogen wird. Die Berichterstattung hat in starkem Maße heute nicht mehr zum Ziel, möglichst objektiv zu informieren; vielmehr gebraucht man die Nachrichten, um die Meinung der Öffentlichkeit zu steuern. Daher ist bei der Wahl unserer Informationsquellen große Vorsicht geboten.)

       .  V. 2: „niemanden zu lästern“ 

Wir sind auch aufgerufen, niemandes Ruf zu schädigen. Das Wort „lästern“ klingt in unseren deutschen Ohren recht schwerwiegend. Im Griechischen bedeutet es aber einfach „Schlechtes über jemanden sagen“. Wenn wir über die Fehler anderer sprechen, dürfen wir die Personen nicht in ein schlechtes Licht stellen. D. h. nicht, dass wir die Fehler von anderen nicht erwähnen dürfen; wir haben dabei aber sehr vorsichtig zu sein, und manchmal müssen wir einfach schweigen. Es gibt Dinge, die besser ungesagt bleiben.

       .  „nicht zänkisch zu sein“

Das zänkische Wesen ist ebenfalls zu lassen. Jeder von uns hat die Tendenz, auf seine eigene Meinung zu bestehen und es dabei zu Auseinandersetzungen kommen zu lassen. Sehr schnell rutschen uns Bemerkungen heraus, die uns hinterher leid tun bzw. leid tun sollten. Es kann auch unter Christen einmal vorkommen, dass sie zanken. Schon das ist Sünde. Aber „zänkisch sein“ bedeutet, dass das Zanken zur Gewohnheit geworden ist, und das sollte bei uns gar nicht der Fall sein.

       .  „milde zu sein und alle Sanftmut zu erweisen gegen jedermann“

Im diesem Aufruf haben wir die Alternative zum Zanken. Auf dem Amt, am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Begegnung mit Nachbarn, überall und gegenüber jedermann sollen wir milde und sanftmütig sein. Gebe Gott uns die Gnade, dieses zu lernen. Milde und Sanftmut schließen nicht aus, dass man manchmal jemandem ernsthaft zusprechen muss, aber wir werden dabei Zurückhaltung zu üben haben. Wir dürfen nicht einfach so ‚auf den Tisch hauen’ und fleischlich handeln. Wir müssen lernen, wie Jesus Christus zu handeln.

  2:  Warum erinnert wird  V. 3‑7

V. 1A.3A: „Erinnere sie, … denn …“

    Wenn wir von Verkündigung sprechen, denken wir nicht nur an die Verkündigung in der Zusammenkunft der Gläubigen, sondern auch an das Weitersagen des Evangeliums im kleineren Kreis oder von Mann zu Mann. Auch das Gespräch des Philippus mit dem Äthiopier war ein Predigen, denn es heißt: „… und verkündigte ihm die gute Botschaft von Jesus.“ Paulus erklärt nun, was man bedenken sollte, wenn man Gottes Wort weitergeben will. 

  a:  Überlegungen, die demütig machen  V. 3

„… wir waren auch einmal unverständig, im Unglauben ungehorsam, irregeleitet, dienten wie Sklaven mancherlei Lüsten und Genüssen, führten das Dasein in Schlechtigkeit und Neid, waren Gegenstand des Abscheus und hassten einander.“

       .  „denn“

Dieses Wörtchen leitet die Begründung für das in den V. 1 und 2 geforderte Verhalten ein.

       .  „wir waren auch einmal unverständig“

Paulus erinnert uns an unseren früheren Zustand. In 1Jh 5,20 lesen wir, dass das Evangelium uns Verständnis gibt. Wir waren einmal in der Dunkelheit, in der Desinformation, aber das Wort Gottes ist das Licht, und so haben wir die göttliche und folglich die richtige Information. Immer wieder zeigt sich, wie blind der Mensch im allgemeinen ist, wie groß seine ‚Fähigkeit’, in die Irre zu gehen. Dieses zeigt sich auch in der Tendenz, sich allerlei unvernünftigen Auffassungen hinzugeben.

    Die Erinnerung an unsere frühere Unverständigkeit widerspricht nicht der Aussage des Paulus, er vergesse was dahinten sei (Php 3). Paulus vergisst nicht, wie er sich verhalten hatte, bevor er sich bekehrte. Noch gegen Ende seines Lebens berichtet er Timotheus davon (1Tm 1,13). Es gibt einiges, das wir nicht vergessen sollen (vgl. Eph 2,11ff).

       .  „im Unglauben ungehorsam“

Früher waren wir „im Unglauben ungehorsam“. Das griechische Wort bedeutet „Unglauben“ und „Ungehorsam“ zugleich. Weil man die Wahrheit nicht annehmen wollte, blieb man im Unglauben und war somit ungehorsam. 

       .  „irregeleitet“

Und weil auch wir einmal irregeleitet waren, sollen wir mit Unverständigen, Ungehorsamen und Irregeleiteten Geduld haben. Vielleicht kann der Heilige Geist sie bei unserem Zeugnis überführen. Wir sollen nicht gleich ‚alles hinwerfen’ und davongehen. 

       .  „dienten wie Sklaven mancherlei Lüsten und Genüssen“

Als wir noch in unserem natürlichen Zustand waren, leisteten wir Sklavendienst, waren wir leibeigene Diener der Sünde. Es gibt so viele Arten von Lust: Augenlust, Fleischeslust, hoffärtiges Leben und allerlei Abarten der drei genannten Arten. Und wir führten dementsprechend unser Leben in dem, das faul und schlecht war. Vielleicht mag es noch den Anschein von Gutem gehabt haben, wie ein von innen her verfaulender Apfel, dem man es an der Außenseite nicht anmerkt, aber es war dennoch im Wesen schlecht und böse.

       .  „führten das Dasein in Schlechtigkeit“

Paulus sagt: Wir „führten unser Leben in Schlechtigkeit“. Dabei war er doch ein Pharisäer, unsträflich im Gesetz. Ja, das war er in den Augen der Menschen. Die neun ersten Gebote – bei welchen andere es noch überprüfen konnten – hatte er eingehalten; aber das letzte Gebot nicht. Das kann man brechen, ohne dass andere es sehen. Gott hingegen sieht es, wenn wir uns gelüsten lassen. Und Paulus zeigt in Rm 7 anhand dieses Gebotes, wie Gott ihn einholte und ihm zeigte, wie schlecht und verdorben sein ganzes inneres Wesen war. Paulus gibt hier vor Titus zu: „Nicht nur du und die Kreter, sondern auch ich, wir alle führten unser Dasein von Tag zu Tag in Schlechtigkeit.“

       .  „und Neid“

Der Neid kennzeichnete dieses Dasein ebenfalls. Wie gern wäre Paulus (als Saulus) überall der Erste gewesen. Die Pharisäer waren ja darin geübt, bei Feierlichkeiten z.B. die ersten Plätze zu ergattern. Man kann nach außen hin sehr bescheiden wirken, aber früher oder später zeigt sich das Herz. Es kann nicht verborgen bleiben. 

       .  „waren Gegenstand des Abscheus“

In unserem alten Zustand waren wir sogar Gegenstand des Abscheus. In unserer Zeit wird vor allem Toleranz gepredigt. Wir haben es verlernt, zu „verabscheuen“. Christen haben wieder zu lernen, die Sünde zu hassen, böse Sitten zu verabscheuen, dabei aber die Menschen festzuhalten, sie zu lieben. Sind wir Heilige geworden, müssen wir um die „Dreckigkeit“ der Sünde wissen. Im Zeichen unserer Verbundenheit mit Gott müssen wir die Sünde verabscheuen.

       .  „und hassten einander“

Anstatt einander zu lieben und die Sünde zu hassen, hielten wir an ihr fest und verabscheuten einander. So verkehrt macht uns die Sünde! 

    Die Verse 1‑3 sind Teile eines langen Satzes. Sie zeigen uns, wie man sich nicht verhalten und was man bedenken sollte. 

    Moody konnte sagen, als er einen verabscheuungswürdigen Betrunkenen in der Gosse liegen sah: „Wäre es nicht für die Gnade Gottes, läge Moody da!“

    Jeder von uns ist so, wie die schlimmsten Sünder; wir sind aus demselben Material. Sehen wir Sünde oder sündige Menschen um uns, wollen wir innehalten und uns daran erinnern: „Das war ich und bin ich eigentlich noch in meinem Wesen. Wenn Gottes Gnade nicht wäre, könnte ich da sein.“ Aber die Gnade Gottes ist groß! Und es ist etwas Herrliches, diese Gnade im Leben von Menschen zu beobachten und zu sehen, wie sie Einzelne, ja, ganze Familien und sogar ganze Gegenden verwandelt. 

    „Aber er rettete uns.“ Das ist der Kernsatz des folgenden Abschnittes.

  b:  Überlegungen, die Hoffnung machen  V. 4‑7

Wir finden in diesem Abschnitt die dritte Verankerung der ethischen Aussagen des Paulus im Evangelium, d. h., in der Christusbotschaft. 

    Der Kernsatz steht in V. 5: „… nach seiner Barmherzigkeit … rettete er uns …“

    Weil dieser Satz ein abhängiger ist, stehen Subjekt und Verb vertauscht. Wenn wir den Satz aber herausnehmen und in einen einfachen verwandeln, lesen wir: „Er (Gott) rettete uns.“ So lautet die Hoffnungsbotschaft. 

    Im ganzen Abschnitt gilt es, diesen Kernsatz zu bedenken. Was mit der Kernaussage zusammenhängt, finden wir mit Hilfe von vier Fragen heraus.

    I:. Wir wurden gerettet: wann?  

Diese Frage soll uns Hoffnung in der Verkündigung machen. Gott rettete uns, „als die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes erschien“. Die Rettung kommt also erst mit Jesus Christus, nicht vorher. Das ist eine wichtige Feststellung. Bevor Jesus Christus in die Welt kam, gab es keine Rettung, nur Verkündigung derselben, nur zeichenhafte Rettung. Aber in der Person Jesu Christi erscheint die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, und in ihm ist uns Rettung angeboten.

    Wann rettete er uns?  

    V. 4: „Als die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien …“

    II:. Wir wurden gerettet: warum?  

Auf diese Frage gibt der Text zunächst eine verneinende Antwort.

    V. 5A: „… nicht auf Grund von Werken, die wir in Gerechtigkeit verrichteten …“

    Paulus nennt Gründe, die eben nicht zur Rettung führen. Es gibt immer wieder Menschen, die meinen, sie würden es schon in eigener Leistung schaffen. Aber die Antwort ist klar: Gott rettete uns nicht auf Grund von Werken, die wir verrichtet hätten. Nicht unsere Art von Gerechtigkeit, von Gutes‑Tun, von Gesetz-Befolgen, nicht unsere Leistungen führen zur Rettung. Gott rettet anders.

    Warum rettete er uns?  

    V. 5A: „… nicht auf Grund von Werken, die wir in Gerechtigkeit verrichteten, rettete er uns, – sondern nach seiner Barmherzigkeit …“

    III:. Wir wurden gerettet: wie?  V. 5M‑7A

„… sondern nach seiner Barmherzigkeit rettete er uns durch Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes, den er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns ausgoss, damit wir, [durch] die Gnade desselben gerechtfertigt …“

       .  „sondern nach seiner Barmherzigkeit“

Barmherzigkeit ist die Verlängerung der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes von V. 4. Nach alttestamentlichem Vorbild ist sie „die Herablassung“: Gott lässt sich in Liebe herab, neigt sich zu dem Notdürftigen. Wir befinden uns in Not, sind gefallen, sind nicht da, wo Gott ist. Wir sind in Sündennot und in der Not der Folgen dieser Sünde, aber Gott neigt sich in seinem Sohn zu uns herab. 

    „Nach seiner Barmherzigkeit“ oder „in seiner Barmherzigkeit“ zeigt uns die Haltung, in der Gott uns rettete. 

       .  „durch Waschung der Wiedergeburt“: die zweite bejahende Antwort

Was bedeutet hier „Waschung“? Ist sie eine Wiedergeburt, oder ist die Wiedergeburt eine Waschung?

    Viele behaupten, die Wiedergeburt geschehe durch die Taufe. Demnach würde Paulus hier in erster Linie von einem Taufbad sprechen und damit die Taufe als Mittel zur Wiedergeburt bezeichnen. Die Taufe ist aber nicht heilsnotwendig. Buße und Glaube genügen zur Rettung. Die Menschen im Hause des Kornelius, zum Beispiel, erhielten den Heiligen Geist, weil sie Buße taten und glaubten. Ohne Taufe wurden sie gerettet.

    Gibt es zu der Regel, die Taufe sei Bedingung für die Rettung, auch nur eine Ausnahme, so ist sie keine echte Regel mehr. Bei Gott ist eine einzige Abweichung genug, um zu verhindern, dass eine Auffassung zur Lehre erhoben werden kann. Wahrheit muss auf der ganzen Linie stichhaltig und konsequent sein. Wenn also an einer einzigen Stelle die Taufe zur Rettung nicht nötig war, kann man nicht mehr lehren, sie sei Rettungsmittel. Es gibt noch andere Gegenargumente zu dieser Lehre (der Taufwiedergeburt), aber diese eine Stelle in der Apostelgeschichte genügt, um zu zeigen, dass Paulus in Tt 3 nicht sagen will, die Rettung komme durch die Taufe.

    Vergleichen wir diese Stelle mit dem Befehl des Ananias an Saulus, sich sofort nach seiner Bekehrung taufen zu lassen und seine Sünden „abzuwaschen“ (Ag 22,16). Im metaphorischen Sinne (der oft bildlichen Sprache des Juden) kann man diesen Befehl unwidersprochen so stehen lassen.

    Was aber bedeutet das Wort im Grundtext, das hier mit „Waschung“ wiedergegeben wird? Manche wollen mit „Becken“ übersetzen. Dazu ist aber kein entscheidender Anlass. Das Wort kommt fünf Mal in der griechischen Bibel vor. In den drei alttestamentlichen Stellen wie in Eph 5 deutet es auf ein Waschen und nicht auf ein Waschgefäß hin, wofür das Griechische eigentlich ein anderes Wort hat. Man darf also nicht mit „Taufbecken“ übersetzen.

    Wenn nun die Wiedergeburt nicht durch die Wassertaufe kommt und das Wort im Grundtext diese Bedeutung nicht verlangt, denken wir hier an eine bildliche Formulierung. Diese Ausdrucksweise ist ja, wie gesagt, für die Schrift nichts Neues. Die Metapher wird nur zu reichlich benutzt, als dass man sie an unserer Stelle als eine Ausnahme empfinden sollte. Es handelt sich also um einen Vergleich. Die Wiedergeburt wird mit einem Waschen wie in einem Bad verglichen. Gott rettete uns, indem er uns in der Wiedergeburt wusch, uns reinigte. Innere Reinigung und Wiedergeburt sind eins. 

    Der Wesfall wird also im Sinne der Gleichsetzung gebraucht: „Waschung, sprich Wiedergeburt“ bzw. „durch Waschung, d. h., [durch die] Wiedergeburt“.

       .  „und Erneuerung des Heiligen Geistes“

Zur Waschung der Wiedergeburt kommt noch die Erneuerung des Heiligen Geistes hinzu.

    Wie haben wir das „und“ innerhalb dieses Satzteils aufzufassen?

    In den Sprachen der Bibel ist nicht jedes „und“ im addierenden Sinne gemeint. Das griechische kai hat noch andere Bedeutungen. Manchmal wird es im Sinne des hebräischen ‚und’ gebraucht, denn die neutestamentlichen Schreiber waren ja zum größten Teil Hebräer. Hier und da schimmert augenscheinlich die hebräische Denkweise und der hebräische Satzbau durch, und dort wird es manchmal im Sinne von ‚das heißt’ gebraucht.

    Nun wollen einige Ausleger aber „Wiedergeburt“ und „Erneuerung“ in unserem Vers trennen und als zwei verschiedene Vorgänge betrachten in der Meinung, Erneuerung würde sich immer auf bereits zu Gotteskindern Gewordenen beziehen. Dagegen spricht die Zeitform. Der Kernsatz in V. 5 lautet: „Er rettete uns.“ Darauf folgt das präpositionale Gefüge, der Weg der Rettung, der aber der Vergangenheit angehört. Und da steht Erneuerung auf derselben zeitlichen Ebene wie „Wiedergeburt“. Auch vom biblischen Zusammenhang her steht nichts im Wege, die Wiedergeburt als eine Erneuerung aufzufassen.

    Wir werden also zu folgender sinngemäßen Wiedergabe gewiesen: „Er rettete uns durch die Wiedergeburt, ein [inneres] Waschen, das heißt, durch Erneuerung des Heiligen Geistes, der uns zu neuen Menschen machte.“ 

    Durch den Heiligen Geist wird erneuert, gewaschen, zur Wiedergeburt gebracht. Vgl. auch 1Kr 6,9‑11. Gott rettete uns nach seiner Barmherzigkeit mittels des Heiligen Geistes, durch seinen Einsatz.

       .  V. 6: „den er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns ausgoss“ 

In V. 6 kommt – nebst Gott und dem Heiligen Geist – eine dritte Person Gottes hinzu: Auch Jesus Christus ist Retter. Gott goss durch Christus den Heiligen Geist reichlich über uns aus, der die Rettung gleichsam ‚an den Mann’ bringt, sie bei uns ‚abliefert’. Das geschah bei unserer Bekehrung. Wir wurden zu jenem Zeitpunkt mit dem Heiligen Geist getauft. Rm 5,5 ergänzt Tt 3,6. Die Liebe Gottes wurde durch den Heiligen Geist in uns ausgegossen, sodass wir die zwei Aspekte haben, die auch in 1Kr 12,13 erwähnt werden: getränkt mit einem Geist und in einem Geist zu einem Leibe getauft, wobei „getränkt mit Geist“ bedeutet, dass der Geist reichlich in uns hineingetan wird, und „getauft im Geist“ heißt, dass wir vom Geist umgeben werden. Der Geist ist über und in uns ausgegossen und das „reichlich“. Wir sind dadurch wirklich rein, wirklich abgewaschen, wirklich erneuert, wirklich Gott wohlgefällig.

       .  V. 7A: „[durch] die Gnade desselben gerechtfertigt“ 

Wenn wir fragen, wie Gott uns gerettet habe, finden wir in unserem Text eine negative und mehrere positive Antworten. Die Liste der bejahenden Antworten beginnt mit der Barmherzigkeit und endet mit der Rechtfertigung. Gott rechtfertigte uns durch Ausgießung des Heiligen Geistes. Dadurch geschah die Rechtfertigung. 

    Das ist ein herrlicher und wichtiger Vers! In der reformatorischen Tradition betrachtete man die Rechtfertigung lediglich als eine Rechtsprechung vor dem Gesetz. Aber die Rechtfertigung ist mehr. Sie ist nicht nur „Gerechtsprechen“, sondern auch ein „Gerechtmachen“. Die Rechtfertigung verändert uns nämlich. Wir bleiben nicht dieselben Sünder. Unserem Wesen nach bleiben wir im Grunde Sünder, aber durch Jesus Christus, durch seine Innewohnung, sind wir neue Menschen geworden (ein Geheimnis, das man nicht ganz erklären kann, denn die Dogmatik muss bei einigen Geheimnissen stehen bleiben; aber wir dürfen das, was geschrieben steht, dennoch zitieren und uns darüber freuen).

       .  Also: 

      –  Gott rettete uns nach seiner Barmherzigkeit;

      –  Gott rettete uns durch die Waschung der Wiedergeburt, d. h., durch die Erneuerung des Heiligen Geistes, und

      –  Gott rettete uns durch die Rechtfertigung aus Gnade.

    IV:. Wir wurden gerettet: wozu?  V. 7

„… damit wir, durch die Gnade desselben gerechtfertigt, Erben würden nach der Hoffnung des ewigen Lebens.“

    Durch die Gnade Jesu Christi sind wir gerechtfertigt, damit wir Erben würden. Die Rechtfertigung macht uns also zu Erben. 

    Um uns zu Erben zu machen, rettete Gott uns. Sünder müssen verloren gehen; Gerechtfertigte dürfen in das kommende Königreich eingehen. Sie sind Miterben Christi (Rm 8,17), denn Christus erbt vom Vater. 

    In Psalm 2,8 steht ein Wort des Vaters an den Sohn: „Bitte von mir, und ich gebe dir Völker zum Erbe.“ 

    Christus nimmt uns in seine Gemeinschaft, in sein Reich. Er rettete uns, damit wir eines Tages zusammen mit ihm seine Herrlichkeit erben könnten. Dieser Zweck stimmt mit der Tatsache überein, dass wir die Hoffnung ewigen Lebens bekommen haben. 

    Unsere Zukunft wird also in V. 7 dreifach beschrieben: als Erbe, als Hoffnung und als ewiges Leben. 

    Die „Hoffnung“ spricht von unserer Erwartung durch den Glauben. „Ewiges Leben“ ist die Qualität unserer Zukunft. Das „Erbe“ deutet an, dass uns diese Zukunft in der Verbindung mit Jesus Christus geschenkt worden ist.

    Vgl. 1,2.

    Also:  Wer erneuert ist, ist in Gottes Augen gerecht. Wer gerecht ist, darf auf das ewige Leben hoffen. Wer ewiges Leben in Aussicht hat, ist ein Erbe der Herrlichkeit.

  3:  Wie Titus erinnern soll  V. 8A

„… und in Betreff dieser [Punkte] ist es mein Wille, dass du sie fest und kräftig vertrittst …“

    Paulus hat Titus verschiedene Worte gegeben, und er will, dass er diese fest, konsequent und kräftig vertritt bzw. verkündet. Er soll nicht zurückstehen oder schüchtern werden. Er soll sich nicht verängstigen lassen, sondern unerschrocken zu dieser Gnadenbotschaft stehen, zumal diese Botschaft ja eine erziehende Kraft hat.

  4:  Weitere Gründe für die Erinnerung  V. 8

„Treu ist das Wort, und in Betreff dieser Punkte ist es mein Wille, dass du sie fest und kräftig vertrittst, damit die, die das Vertrauen auf Gott gesetzt haben, darauf bedacht seien, sich edlen Werken zu widmen. Diese Dinge sind edel und den Menschen nützlich.“

  a:  Die Zuverlässigkeit des Wortes

Treu ist das Wort“ – und deshalb soll erinnert werden.

    D. h.: Treu ist die Verkündigung, die Botschaft des Evangeliums. 

    Für uns ist Treue eine Eigenschaft eines Menschen oder eines Tieres. Wie kann nun eine Botschaft treu sein? 

    Sie ist genauso treu, wie der treu ist, der sie gesagt hat. Die Botschaft stellt nämlich eine Person dar. „Treu ist das Wort“ bedeutet somit: „Treu ist der Geber der Botschaft.“ D. h.: Gott ist treu. Auf ihn und auf sein Wort kann man sich verlassen. Die Botschaft des Evangeliums wird uns nie im Stich lassen. Was Gott versprochen hat, das kann er einhalten. 

    „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“, sagte der Engel zu Maria (Lk 1). Das griechische Wort hreema bedeutet „Ding“ und auch „Wort“. Man könnte daher auch übersetzen: „Kein Wort Gottes ist unmöglich.“ Der gleiche Ausdruck wird auch in Eph 6,17 gebraucht: „Und nehmt das Schwert des Geistes, welches ist das Wort (hreema) Gottes.“

    Gott hält alle seine Aussprüche. Er ist damit auch nicht träge. Seine Treue ist nach 2000 Jahren noch genauso unverbraucht, wie am Anfang. Wenn Gott uns „gerettet hat“, dann stimmt das. Diese Rettungsbotschaft hinterlässt eine Prägung. Paulus hält Titus an, dieses Wort zu verkünden, denn es wird seine Wirkung haben. Es wird sich aufprägen, wird Leben und Charakter der Menschen umgestalten. Titus kann sich darauf verlassen, dass mit der ihm aufgetragenen Botschaft der Heilige Geist sein Werk an den Herzen der Hörer ausrichten wird.

  b:  Glaubensfrucht ist gefragt.

„… damit die, die Gott vertraut haben, darauf bedacht seien, sich edler Werke anzunehmen und sie auszuführen.“

    Weil Glaubensfrucht gefragt ist, soll erinnert werden.

       .  Hierzu heißt es im Calwer Handbuch der Bibelerklärung: „O, wie viel Bedürfnisse gibt es immer am Leib Christi, in einer Gemeinde, in einer Familie, bei Gesunden und Kranken, bei Kindern und Waisen, wo man Leute brauchen könnte, die beflissen sind, sich solchem, was gut und löblich ist, werktätig zu widmen!“

       .  Das Wort „bedacht sein“ heißt auch „Vorstand sein“. Jeder Christ darf ein „Vorstand“ sein und gute Werke tun. Zeigt ein Christ Freundlichkeit, dann steht er diesem kleinen Werk vor. Wir sollen also Initiative ergreifen. Jedes Mal, wenn wir ein gutes Werk tun, sollen wir wie ein kleiner Vorstand sein. Wir gebrauchen das Wort „vorstehen“ normalerweise nicht in diesem Zusammenhang, aber es macht hier deutlich, dass wir über die guten Werke verfügen. Wir sollen zu Gottes Wegen „Ja“ sagen und uns ganz damit identifizieren. Diese Identifizierung schließt die Botschaft selbst und auch ihre ethischen Auswirkungen ein. Die Botschaft des Evangeliums ist eine gute, auch für die Gesellschaft: Sie tut Gutes. Sie ist ein Licht in der moralischen Dunkelheit dieser Welt.

       .  „sich edlen Werken zu widmen“

Christen sollen bedacht sein, edle Werke zu tun. Wir begegnen hier noch einmal diesem Begriff aus der Ästhetik, der auch ‚schön’ und ‚gut’ bedeutet. Kann man ihn wissenschaftlich definieren? Gibt es allgemeine Kriterien, die bestimmen, was edel ist? Oder geht es hier um Geschmack, um Auffassung? 

    Die christliche Botschaft führt zu Einmütigkeit im Denken, nicht zu einem stereotypen Denken, sondern zur Einmütigkeit in der Vielfalt; die Vielfalt bekommt einen Zusammenhang, eine Harmonie. 

    Die Vielfalt der Toleranz dieser Welt ist oft widersprüchlich. Man merkt gar nicht mehr, dass sich z.B. die Religionen widersprechen. Der Papst kann Muslime und Christen zum gemeinsamen Gebet aufrufen, obwohl Islam und Christentum sich diametral entgegenstehen. Die Vielfalt, die wir in dieser Welt tolerieren sollen, ist eine unmögliche Vielfalt. 

    Die Wahrheit, jedoch, kann nicht widersprüchlich vielfältig sein. Man hat also eine Wahl zu treffen. Von der Bibel her gesehen gibt es zwei große Lager: die Wahrheit und die Unwahrheit. Die Vielfalt der Wahrheit bleibt eine große Wahrheit, genau wie die Natur, die in ihrer Vielfalt eine Harmonie bildet, trotz dessen, dass es in ihr seit dem Sündenfall einen Riss gibt.

    Wir dürfen also in der Vielfalt Einmütigkeit haben. Das Evangelium führt Christen zur Harmonie und gibt ihnen Einmütigkeit in der Anschauung über die Schöpfung und die Wahrheit Gottes. Deshalb können wir aufgerufen werden, gleichgesinnt, edel zu sein, nach dem Schönen zu trachten, usw.

  c:  Es ist richtig so.

„Diese Dinge sind edel und den Menschen nützlich.“

    Es soll erinnert werden, weil es so richtig ist.

    Auch „nützlich“ ist ein relatives Wort. Aber im Grunde wissen wir, was unseren Grundbedürfnissen entsprechend nützlich und schädlich ist. Das Evangelium, sagt Paulus ganz praktisch, ist sehr nützlich. Es befreit z.B. von dem Bedürfnis, etwas zu entwenden. Es verändert uns. Menschen, die meinen, das Evangelium sei unnütz, haben keine Ahnung von dem, was geschieht, wenn das Wort in einem Leben Wurzeln zu fassen beginnt.

III:  Weisungen für die Begegnung mit dem Verkehrten  3,9-11

Der Apostel kommt noch kurz auf dieses Thema zu sprechen.

A:  Für die Begegnung mit verkehrtem Gedankengut  V. 9

„Aber von törichten Fragestellungen und Geschlechtsregistern und Streitigkeiten und Gezänk um Gesetzesgelehrtheit enthalte dich, denn sie sind unnütz und eitel.“

     .  Die Nützlichkeit ist ein gutes Kriterium bei der Wahl von Gedanken, die, sei es im größeren, sei es im kleineren Kreis, besprochen werden. Sie sollten uns auf dem Weg zum ewigen Leben förderlich sein. Es gilt, Prioritäten zu setzen. 

     .  „Eitel“ ist, was leer ist.

     .  „Töricht“ ist ein relatives Wort. Wann ist etwas weise oder töricht? Das kann man nur wissen, wenn man in eine gesunde, geordnete Beziehung zum Schöpfer- und Retter-Gott dieser Welt gekommen ist. Erst dann kann man wieder einen Sinn für den Inhalt solcher Wörter bekommen. Das Wort Gottes gibt uns einen Blick für das, was weise, edel, schön und gut ist. Mit der Wiedergeburt haben wir einen neuen Sinn bekommen, und das Wort Gottes füllt oder bestärkt diesen Sinn. Vgl. 1Jh 5,20: 

    „Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, dass wir den Wahrhaftigen erkennen.“

    Der Sohn Gottes hat uns einen Sinn gegeben, ein Verständnis, ein Gespür für das Richtige. Das Gesetz ist in unsere Herzen hineingeschrieben worden: 

    Heb 8,10A: „… weil dieses der Bund ist, mit dem ich mich dem Hause Israels verpflichten werde nach jenen Tagen, sagt der Herr, wobei ich meine Gesetze in ihr Denken gebe, und auf ihre Herzen werde ich sie schreiben.“

    Der neue Sinn zeigt uns von innen, was gut oder schlecht ist. Wir haben ein neues Gewissen, d. h., eine neue Anlage, die uns mitteilt, was richtig und falsch, gut und böse ist. Wir haben auch ein neues ästhetisches Gewissen.

    Dennoch wissen wir alle, dass es auch für Christen schwer ist, nur nach dem Gewissen zu leben. Bisweilen lässt es uns im Stich, und manchmal haben wir unnötigerweise ein schlechtes Gewissen. Nicht immer gibt das Gewissen genaue Meldungen. Denken wir an Rm 14. Das Gewissen muss informiert werden. Jeder Mensch kommt mit einem auf die Weit, aber das genügt nicht. Deshalb gab Gott dem alten Israel zusätzlich das Gesetz. Somit hatte der Jude gleichsam zwei Pole, nach denen er sich richten konnte, einen externen und einen internen.

    Als Christen haben wir einen erneuerten Sinn bekommen, und wir haben die Heilige Schrift, die eigentlich genau dasselbe sagt, nur noch etwas genauer und ausführlicher. Dieser neue Sinn und die Schrift sind in ihrem Ansatz deckungsgleich. 

    Paulus spricht hier unseren Sinn für Richtigkeit an. Er erwartet, dass wir mit der Zeit zwischen törichten und weisen Diskussionsfragen unterscheiden können. Hüten wir uns vor unnötigem Geschwätz! Hören wir eher auf zu sprechen, oder gehen wir davon! Es sei besser, Dank zu sagen, dankbar zu sein, sich über den Herrn zu freuen, schreibt Paulus. Oder, versuchen wir etwas Positives ins Gespräch zu bringen.

B:  Weisungen für die Begegnung mit dem verkehrten Menschen  V. 10.11

„Einen Menschen, der eine Sonderrichtung vertritt, meide nach einer und einer zweiten Ermahnung in dem Wissen, dass ein solcher ganz verkehrt und am Sündigen ist, durch sich selbst verurteilt.“

  1:  Wer ist dieser Mensch?

     .  Er vertritt Lehrauffassungen, die von der Christusbotschaft abweichen.

     .  Er liebt seine Partei, seine Gruppe, mehr als Christus.

     .  Er wird zweimal an die Wahrheit der Christusbotschaft erinnert.

     .  Diese Mahnung weist er zurück.

     .  Damit spricht er sein eigenes Urteil.

     .  Jetzt ist die Sünde, die Nichtversöhnung, sein Lebensbereich.     

  2:  Zum Thema Sonderrichtung

     .  Das griechische hairesis bezieht sich auf eine Option, eine Wahlmöglichkeit. Unter mehreren Varianten oder Alternativen gibt sie eine Möglichkeit, sich einzusetzen. Es gibt verschiedene Auffassungen, um die sich Menschen gruppieren, und Außenseiter können eine ‚Partei’ wählen und sich dann darin einbringen. Die Pharisäer waren eine Option; daneben gab es noch die Sadduzäer, die Essener und die Herodianer.

     .  Weitere Texte, in denen das Wort noch vorkommt

Ag 5,17: „Es erhob sich aber der Hohe Priester und sein ganzer Anhang, nämlich die Sonderrichtung der Sadduzäer.“

    15,5: „Es standen aber auf einige von der Sonderrichtung der Pharisäer …“

    24,5: „… als einen Anführer der Sonderrichtung der Nazarener.“

     .  Zu den obengenannten Parteien war also nun eine fünfte hinzugekommen. Die Nazarener waren eine neue Wahlmöglichkeit für die Juden. Das kam den anderen nicht gelegen. Man wollte diese neue ‚Partei’ beseitigen.

    24,14: „Das bekenne ich aber, dass ich nach dem Wege, welchen sie eine Sonderrichtung nennen, dem Gott der Väter also diene …“

    Nennt Paulus selbst seinen Weg eine Sekte? Nein. Es sind die Juden, die Paulus angeklagt haben, die es tun. Sie treten als Zeugen auf und sagen sinngemäß: „Wir haben folgendes gefunden: Paulus gehört zu einer Partei, und diese Partei ist eine laute Pest.“ Dann darf Paulus selbst sprechen. Er bekennt, dass er zu einer Gruppe von Menschen gehöre, die von den Juden „eine Partei“, „eine Sonderrichtung“ genannt werde.

     .  Diese Begebenheit scheint in der Geschichte des Wortes hairesis eine Art Weichenstellung gewesen zu sein. Paulus wollte die Vokabel nicht auf den Weg Jesu anwenden. Er war nicht bereit zu sagen, die Sache Jesu Christi sei lediglich eine zusätzliche Wahlmöglichkeit. Sie sei nämlich die einzige Wahrheit. Es gebe gar keine Auswahl. Alles andere sei verkehrt. Paulus wollte die bestehenden Parteien nicht bekämpfen, sondern bezeugen, dass die Sache Jesu die Wahrheit sei. 

    Seither ist das Wort hairesis, von dem das Wort Häresie stammt, unter Christen zu ‚Irrlehre’ geworden; d. h., das griechische Wort hat eine ganz besondere Prägung bekommen. Es hat die ursprüngliche Bedeutung ‚Partei’, ‚Option’ verloren, und „Häresie“ heißt nun „falsche Lehre“. Die Häresie steht der Wahrheit gegenüber, ist abzulehnen. Mit Jesus stehen wir in der Wahrheit; alles andere ist Häresie, Irrlehre, denn Jesus Christus ist einzigartig; seine Person macht den Unterschied aus:

    Jh 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

    15,1: „Ich bin der wahre Weinstock“, die einzig wahre Quelle des Lebens.

       .  Jesus Christus ist der echte, der wirkliche, der einzig richtige Weinstock, der für die Zweige Lebenssaft spendet. Alle anderen Weinstöcke, die sich anbieten, liefern nicht Lebenssaft, sondern Gift. Jesus liefert aus seiner Quelle wirklich Leben. Er ist einzigartig. Er passt in keinen Pluralismus von Parteien oder Religionen hinein und stellt deshalb keine zusätzliche Wahlmöglichkeit dar. Wer nicht ganz ihn meint, ist ein Häretiker. Johannes zeigt in seinem ersten Brief, dass auch unter Nachfolgern Jesu Gemeinschaft nur da möglich ist, wo man aus dem Wort Christi lebt:

    1Jh 1,3: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn, Jesus Christus.“

    Johannes schreibt hier an Christusgläubige. Grundsätzlich haben Christen mit Christen Gemeinschaft. Aber damit Gemeinschaft möglich ist, braucht es eine bestimmte Person: Nur wenn von Jesus Christus die Rede ist, sind die Bedingungen für Gemeinschaft erfüllt. Gemeinschaft entsteht nur durch ihn. An Jesus Christus scheiden sich die Gemüter, und es kommt in ihm zur Gemeinschaft oder außer ihm zur Kluft. Das Eins‑Sein mit Jesus bewirkt naturgemäß die Trennung von dem, das nicht mit Jesus ist. 

     .  Weil nun also das Wort, das ursprünglich ‚ Sonderrichtung’, ‚Partei’ hieß, die Bedeutung von ‚Irrlehre’, ‚falsche Ausrichtung’, ‚Häresie’ angenommen hat, übersetzt man in Tt 3,10 auch: „einem sektiererischen Menschen“. Wir haben es nämlich mit einem Menschen zu tun, der nicht nur eine andere Meinung vertritt, nicht nur parteisüchtig ist, sondern der sich grundsätzlich von Jesus Christus abgewandt hat oder einer Lehre anhangt, die mit der Lehre Jesu Christi nicht in Einklang zu bringen ist.

  3:  Die Ermahnung

„… nach einer und einer zweiten Ermahnung …“

    Eine Ermahnung ist eine Information, eine Erinnerung an vorausgegangene Information und ein Aufruf, das Verhalten zu ändern. Es handelt sich nicht um eine Anklage oder Strafe, sondern um eine Bitte um Korrektur in Meinung oder Verhalten.

    Vielleicht genügt eine Ermahnung bei einem sektiererischen Menschen. Vielleicht braucht es einen zweiten Versuch. Wenn auch dieser keine Veränderung bewirkt, kommt es zum Bruch, zum Meiden, zum Abbruch der Gemeinschaft. Es gilt, Abstand zu nehmen, nicht mehr denselben Umgang zu haben. Man kann diesem Menschen weiterhin human begegnen, zeigt ihm aber nicht mehr die gleiche Herzlichkeit. Man gibt ihm zu verstehen, dass man nicht mehr im gleichen Lager ist. 

    Bei Menschen, die noch nie zur Gemeinde Jesu gehörten, verhält man sich anders, als bei Menschen, die einmal dabei waren. Jesus hat mit den Pharisäern und Zöllnern gegessen, und er konnte mit Huren innerhalb der Gesellschaft Umgang haben, um sie zu gewinnen. Noch nie Bekehrten gegenüber kann man sich also unbekümmert und gelassen zeigen, während bei denjenigen, die einmal dazugehörten, eben ein Abstand angebracht ist. 

    Umgang mit jemandem zu haben, ist nicht das Gleiche wie Gemeinschaft zu pflegen.

  4:  Die neue Lage

     .  „… in dem Wissen, dass ein solcher ganz verkehrt ist …“

Hier ist etwas Grundsätzliches geschehen: Der sektiererische Mensch hat sich von Jesus Christus gelöst. Deshalb hat man ihn als einen Nichtchristen zu betrachten.

     .  „… und am Sündigen ist …“

Dieser Ausdruck charakterisiert im NT einen Menschen, der nicht Christ ist. 

    1Jh 3,6: „Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht im fortdauernden Sinne. Jeder, der im fortdauernden Sinne sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn kennen gelernt.“ 

    Wenn wir gelegentlich sündigen, haben wir einen Fürsprecher (1Jh 2,1), aber nicht, wenn wir in der Sünde leben. Es ist nicht dasselbe, ob jemand „mal sündigt“ oder ob er „am Sündigen“ ist. Jemand, der vorgibt, Christ zu sein, aber immer wieder sündigt, in der Sünde lebt, offenbart dadurch etwas von seinem Wesen: Er ist nicht (mehr) vom Evangelium geprägt, ist nicht in Jesus, und einen solchen Menschen haben wir zu meiden.

    2Jh 9-11: „Jeder, der [die Grenze des Evangeliums] übertritt und nicht in der Lehre des Christus bleibt, hat nicht Gott. Wer in der Lehre des Christus bleibt, dieser hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Wenn jemand zu euch hin kommt und diese Lehre nicht bringt, nehmt ihn nicht in die Wohnung und sagt ihm nicht einen Gruß, denn wer ihm einen Gruß sagt, nimmt Teil an seinen bösen Werken.“

     .  „… durch sich selbst verurteilt.”

Dieser Mensch hat sein Urteil selbst gesprochen, weil er „Nein“ zu Jesus und zur Wahrheit sagte, als man ihn ermahnte.

    c.  Schlussworte  3,12-15

Der Brief endet mit mehreren konkreten Anweisungen für Titus und mit Grüßen des Paulus.

I:  Über Reisepläne  3,12.13

A:  Nach Nikopolis  V. 12

„Wenn ich Artemas zu dir schicke, oder Tychikus, befleißige dich, zu mir nach Nikopolis zu kommen, denn ich habe beschlossen, dort zu überwintern.“

    Titus ist, wie Paulus, ein Missionar und weilt nur vorübergehend auf Kreta, um dort die, die durch das Evangelium zum Glauben kamen, als Paulus und Titus dort predigten, zu festigen. Paulus hat vor, einen von zwei anderen Mitarbeitern nach Kreta zu schicken. Offenbar soll er Titus ablösen. Vielleicht kommen sogar beide. Paulus weiß noch nicht, wen er schicken wird, aber auf jeden Fall möchte er dann, dass Titus zu ihm kommt. Titus soll also abgelöst werden und sich wieder Paulus anschließen.

    Paulus braucht seine Mitarbeiter. Das ist ein schöner Zug von ihm. Er ist nicht unabhängig. Er kann wohl selbständig leben und arbeiten, aber er möchte es sehr gern mit seinen jüngeren Kollegen zusammen tun. Und er will natürlich auch in deren Leben investieren. 

    Titus hat sich als sehr fähiger Mitarbeiter von Paulus herausgestellt, denn wenn jemand mit der Gemeinde von Korinth zurecht kam, musste er Fähigkeiten haben. Titus war offenbar geduldig und weise. Er besaß wohl eine gute Paarung von Heiligkeit und Liebe. Er wurde also in seinem Dienst in Korinth gesegnet, sodass Paulus ihn auch zu den schwierigen Leuten auf Kreta schicken konnte. Wir dürfen annehmen, dass der Herr auch diesen Dienst gesegnet hat. Dennoch will der Apostel die Gläubigen dort nicht ganz alleine lassen, sondern schickt jemanden, der Titus ablösen soll. Sobald diese Ablösung kommt, soll Titus zu Paulus nach Nikopolis reisen, wo dieser zu überwintern gedenkt.

    Wir sehen hier etwas vom Planen der Gläubigen und der Reichgottesarbeiter im NT. Manchmal sagen sie: „… so Gott will …“ oder: „… so wir leben …“, manchmal sagen sie es nicht. Aber immer ist es im Vertrauen, dass der Herr führen wird. Hier und an anderen Stellen zeigt sich jedoch, dass das Planen eine Notwendigkeit ist. Paulus geniert sich nicht, Pläne zu machen und sie bekanntzugeben. Man weiß nicht, ob er dann auch wirklich den ganzen Winter dort verbracht hat, vielleicht sogar dort zum zweiten Mal verhaftet wurde.

B:  Abreise zweier Mitarbeiter  V. 13

„Befleißige dich, Zenas, den Gesetzesgelehrten, und Apollos fürsorglich abzufertigen, damit es ihnen an nichts fehle.“

     .  Titus wird angewiesen, den Mitarbeitern wohlzutun. Und auch darin soll man sich ihn auf Kreta zum Vorbild nehmen. Wo tauchen Zenas und Apollos plötzlich auf? Wir lesen von ihnen, als wären sie auf Kreta. Wahrscheinlich waren sie es, die Titus den Brief des Paulus brachten. Vielleicht gab es eine Zeit gemeinsamer Tätigkeit auf Kreta; vielleicht reisten sie bald weiter. Wir wissen nicht, wie lange sie da blieben.

     .  Titus soll sich ihnen gegenüber befleißigen. Es braucht Fleiß, Jesus zu dienen. Wir sind manchmal völlig von irdischen Dingen absorbiert und dabei fleißig. In der Reichgottesarbeit hingegen leisten wir es uns, langsam zu sein. Wir nehmen den Sonntag nicht ernst genug, nehmen die Gemeinde nicht ernst genug. Viele kommen sonntags daher, um sich auszuruhen und zuzuhören. Man sieht es ihnen an jedem Zug ihres Körpers an. Andere sind fleißig und betätigen sich, aber da es wenige sind, muss man um so mehr Arbeit auf sie häufen. Und so gibt es eine starke Divergenz zwischen den Langsamen und den Fleißigen. 

    Im Grunde ist jeder von uns träge, auch Titus. Und es bedarf der Ermahnung, sich zu befleißigen. Wir sollten die Ewigkeit ernst nehmen, wissen wir doch nicht, wieviel Zeit uns noch bleibt. Wir sollen fleißig sein bei der Arbeit. „Verflucht ist der, der die Arbeit des Herrn mit Trägheit tut“, heißt es bei Jeremia. Wir sollen schnell sein, dem Herrn zu dienen, auch was praktische Angelegenheiten betrifft.

     .  Paulus spricht von „Zenas, dem Gesetzesgelehrten“. Er hält es für wichtig, ihm diesen Titel, den er vielleicht schon lange Zeit getragen hat, immer noch zu geben. Wenn das, was wir als Ungläubige lernten, gut war, ist es nicht verkehrt, es weiter zu benutzen. Wenn jemand ein Schriftgelehrter war, und das wird Zenas gewesen sein, kannte er das Gesetz. Das war nicht verkehrt. Nur der Umgang mit dem Gesetz war bei den Schriftgelehrten und Pharisäern verkehrt. Zenas wird nicht nur als Ungläubiger ein jüdischer Schriftgelehrter gewesen sein, sondern auch noch als Christ. Und da er nun mit dem AT umzugehen wusste, konnte er sein Wissen weiterhin gebrauchen. Durch die Botschaft von Christus erkannte er die richtige Beziehung zwischen dem alten und dem neuen Bund und konnte so den Dienst am Evangelium um so fruchtbarer tun.

    Apollos ist uns von der Apg 18 her bekannt. Er war der Gelehrte von Alexandrien, der anfänglich nur von der Taufe des Johannes wusste, dann aber von Aquila und Priskilla, Mitarbeiter des Paulus in Ephesus, stärker in die Wahrheit des Evangeliums eingeführt wurde. Im Evangelium unterwiesen, zog er weiter nach Korinth, wo er vielen helfen durfte. Er war ein beredeter Mann, ein Rhetoriker.

    Beide, Apollos und Zenas, waren also fähige Männer, beide Juden, beide Gelehrte in der Schrift und dann im Evangelium, d. h., im Wort des neuen wie des Alten Testamentes, gefestigt. Sie konnten Titus wahrscheinlich für kurze Zeit beistehen, ihn ermutigen, mussten aber weiterziehen. Und Titus sollte dafür sorgen, dass sie für ihre Reise gut versorgt würden. Vielleicht mussten sie Nahrungsmittel mitnehmen, vielleicht neue oder bessere Kleider, vielleicht sonst etwas. Titus sollte also nach ihren irdischen Bedürfnissen schauen und sie fürsorglich abfertigen.

    Auch an anderen Stellen finden wir diese schöne Gepflogenheit der damaligen Zeit, z.B. in 3Jh 6. Christen sorgen dafür, dass die Reichgottesarbeiter auf ihren Reisen das Nötige haben, um dem Herrn dienen zu können.

II:  Eine letzte Anordnung  3,14

„Lass die Unsrigen auch lernen, sich für die notwendigen Bedürfnisse edler Werke anzunehmen und sie auszuführen, damit sie nicht ohne Frucht seien.“

A:  Der Anlass

„Lass die Unsrigen auch lernen …“

Der Anlass für die Anordnung scheint die Aufforderung von V. 13 zu sein: „Befleißige dich, Zenas, den Gesetzesgelehrten, und Apollos fürsorglich abzufertigen, damit es ihnen an nichts fehle.“

    Auch darin ist Titus ein Vorbild. Wie er für das Wohl der Diener Gottes sorgt, sollen die anderen ebenfalls lernen, fürsorglich zu sein.

    Paulus spricht hier von den „Unsrigen“. Es gibt nämlich ein Drinnen und ein Draussen. Die ganze Menschheit ist in zwei Gruppen aufgeteilt, aber nicht mehr nach dem Muster des ATs, sondern nach der Botschaft des NTs. Im AT gab es einerseits das Volk Israel und andererseits die Heiden, die Menschen aus den anderen Völkern. Jetzt verläuft die Grenze anders: Das Volk Gottes ist nun die aus Juden und Heiden bestehende Gemeinde, und diesem Volk stehen alle Menschen gegenüber, die Jesus Christus als Messias ablehnen. Zu dieser zweiten Gruppe gehören auch Menschen aus dem Volk Israel. Nur wer gerettet ist, gehört zur Gemeinde; wer zur Gemeinde gehört, gehört also zum Heil. 

    Diese neue Grenze ist nicht ohne weiteres sichtbar. Sie ist nicht die Abgrenzung um eine sogenannte Ortsgemeinde. Die Schrift kennt nur eine Gemeinde, die der Heilsmenschen. Es ist nicht immer leicht zu wissen, wer zur Gemeinde gehört; deshalb kann die Gemeinschaftsgrenze anders verlaufen als die Gemeindegrenze. Manchmal haben wir Gemeinschaft mit weniger Menschen, als es in der Rettungsarche gibt, weil wir uns von jemandem distanzieren müssen oder weil wir nicht wissen, wer gerettet ist. Andererseits haben wir Gemeinschaft mit Leuten, von welchen wir annehmen, sie seien in der Gemeinde, die es aber nicht sind. Unsere Gemeinschaft ist also nicht so deutlich abgegrenzt wie die Gemeinde. Dennoch müssen wir prüfen, mit wem wir Gemeinschaft pflegen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Zahl der Geretteten mit der Zahl der Menschen, die zur Gemeinde gehören, identisch ist.

    Die Schrift spricht auch an anderen Stellen von denen, die innerhalb, und denen, die außerhalb der Grenzen sind, z.B. in der Ag 4: Petrus und Johannes kommen vom Hohen Rat und gehen zu den „Ihrigen“. 

B:  Die Anordnung

„… lernen, für die notwendigen Bedürfnisse sich edler Werke anzunehmen und sie auszuführen …“

Hierzu noch einmal das Calwer Handbuch: „In diesem Zusammenhang kann die Ermahnung, worin sich V. 8 wiederholt, nur bedeuten, daß die neuen Christen von dieser Missionsausrüstung lernen sollten, tüchtig zu arbeiten, um an dem großen Werke der Ausbreitung des Reiches mit Hand anlegen zu können. Dazu gehört, daß ein jeder es in seinem Geschäft zu einer gewissen Meisterschaft bringe („schönen Werken vorzustehen“), in seinem Handeln vorausdringe und sie nachziehe, kurz seine Ehre darin suche, viele Frucht zu bringen.“

    Paulus sagt, bei guten Tätigkeiten sollten Christen sich vorn anstellen, an der Spitze stehen, sich hervortun. Wir sollten uns fragen: Wo ist Not? Wo kann ich helfen? Gute Werke zu tun, heißt nicht nur, das Evangelium zu verkünden und dazu beizutragen, dass es vorangehen kann. Es heißt auch einfach, auf irdischer Ebene Not zu lindern. 

    Paulus gibt uns dazu in Ga 6,10 einen helfenden Hinweis: Wenn wir mehrere Möglichkeiten haben, sollten wir Gläubigen zuerst helfen. Sie bilden den inneren Kreis. Sie gehören zum Hause Gottes, und da ist unsere erste Verpflichtung. 

    Die guten Werke an den Ungläubigen sollten wir nicht nur deshalb tun, weil wir wollen, dass sie sich bekehren. Einerlei was dabei herauskommt, ob Menschen zum Glauben kommen oder nicht, sind wir aufgefordert, gute Werke an ihnen zu tun. Auch im Gespräch haben wir zu lernen, mit Ungläubigen über Themen zu sprechen, über die es sich überhaupt zu sprechen lohnt, weil es gute Themen sind, und nicht nur weil wir sie als Sprungbrett benutzen wollen. So kann der Gesprächspartner feststellen, dass man gemeinsam etwas für gut hält, und er lässt sich eher gewinnen. 

    Die guten Werke sollen natürlich zur Ehre Gottes dienen. Und da die Schöpfung gut ist, heißt es, an ihr zu arbeiten, Salz zu sein und den Schöpfungsauftrag von 1M 1 wahrzunehmen.

C:  Das Anliegen

„… damit sie nicht unfruchtbar seien.“

Frucht ist das, woran der Weingärtner Freude haben kann (Jh 15). Unser Tun ist dann Frucht, wenn es im Auftrag Gottes und zu seiner Ehre getan wird. Es kommt vom Himmel her und wird in seinem Namen getan. Wir wissen, dieses ist etwas, was er getan haben will und von dem er sagt, dass es gut ist. Unfruchtbarkeit ist ein Zeichen dafür, dass das Leben stockt und am Absterben ist. Und tote Zweige werden entfernt. Die Aufgabe des Titus ist es also, den Christen zu zeigen, wie sie gute Werke tun können und warum sie sie tun sollen.

III:  Grüße  3,15

A:  Grüße sind von Bedeutung.    

Zu einem Foto berichtet der FriedensBote: „Der traditionelle Gruß in den ukrainischen Karpaten lautet: ‚Slawa Iisusu Christu!’ (‚Ehre sei Jesus Christus!’). Für die beiden Frauen aus Werchowina ist dieser Gruß seit ihrer Bekehrung keine formell ausgesprochene Floskel, sondern ein Lebensziel: zur Ehre Jesu zu leben.“

    Ist das nicht herrlich? Wie bedeutsam können doch Grüße sein!      

    Was bedeutet es, zu grüßen, sei es am Anfang oder am Schluss eines Briefes, sei es anlässlich einer sonnstigen Begegnung?

    Grüße sind geistliche Wünsche, Wünsche, die oft nur Gott erfüllen kann. 

    „Grüß’ dich“ kommt ja von „Gott grüße dich!“ Das ist einer der schönsten Grüße, den eine Kultur haben kann. Schade, dass er so leichtsinnig gebraucht wird. Aber wir dürfen ihn gedanklich mit Gebet füllen, wenn wir jemanden grüßen, wie Paulus es tut: 

    „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von dem Herrn Jesus Christus.“ 

    Gnade und Friede sind die besten Grüße. Gnade, das ist die herablassende Liebe Gottes, und der Friede Gottes wird uns im Zuge der Gnade zuteil. Schon zu biblischen Zeiten wurden beim Grüßen diese Wünsche ausgesprochen. Die Griechen grüßten in einer Form des Wortes „Gnade“. Die Hebräer grüßten mit „Schalom“. Auch Christen dürfen diese neu gefüllten und geheiligten Grüße weitergeben. Wir wünschen damit Menschen eine bessere Beziehung zu Gott und alles, was Gott ihnen geben möchte.

B:  Grüße von Freunden des Paulus an Titus

„Alle, die bei mir sind, grüßen dich.“

Die Freunde des Paulus denken an Titus, aber sie wollen auch, dass Gott an ihn denkt. D. h., im Grunde beten sie für ihn, denn ein Gruß ist ein Gebet in der dritten Person.

C:  Von Paulus über Titus an gemeinsame Freunde

„Grüße die, die uns im Glauben lieben.“

     .  Hier merken wir wieder, wie die zwei christlichen Haupttugenden Glaube und Liebe Hand in Hand gehen. Glaube ist der Schlüssel und Träger unserer Beziehung zu Gott. Durch den Glauben an Jesus Christus treten wir mit Gott in Gemeinschaft, und durch das Vertrauen zu ihm wird diese Beziehung getragen. Ihr Wesen ist die Liebe. Glaube und Liebe sind so die Kardinaltugenden des christlichen Lebens.

    Paulus wünscht sich, dass die Christen auf Kreta wirklich echt glauben, und dass sie innerhalb dieses Glaubens wirklich lieben. Wenn sie wirklich den Herrn lieben, werden sie die Botschaft des Herrn lieben. Diese Botschaft verkündet Paulus. Spricht er, so spricht der Herr. Die Botschaft des Herrn Jesus Christus und die Botschaft des Paulus sind eine und dieselbe. Bei uns ist das anders. Wir predigen schon die Botschaft Jesu Christi, aber es kommen immer wieder eigene Worte dazu.

    Wer also den Herrn und seine Botschaft liebt, liebt Paulus und seine Botschaft und umgekehrt. Und wer den Herrn liebt, der wird auch die Gemeinde lieben, d. h., alle Gläubigen. Die Liebe zu Gott drückt sich horizontal in der Beziehung zu Mitchristen aus. Das steht schon im AT. Das verkündete Jesus, und auch die Apostel wussten davon. Wo diese Liebe echt ist, darf man auf eine gesunde Beziehung zum Herrn schließen.

     .  Was ist aber mit denjenigen, die Paulus nicht „im Glauben lieben“? Hier wird wieder die Grenze spürbar: Es gibt einen Unterschied in der Beziehung zu Christen und zu Nichtchristen. Und die Christen, die mit Paulus Mühe haben? Man muss sich fragen, ob sie wirklich Christen waren. Paulus hat mit den Korinthern so viele Sorgen, dass er sich fragt, ob sie wirklich Christen sind (2Kr 13,5): 

    „Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid. Stellt euch selbst unter Beweis. Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? – wenn ihr nicht etwa Verwerfliche seid.“ 

    Und wenn sie Christen sind und dennoch mit Paulus und seiner Botschaft Schwierigkeit haben, ist die Frage berechtigt, ob sie nicht dabei sind abzufallen. Wahre Christen sind Menschen mit einer echten Liebe zu Jesus Christus. Sie ist ihr Ausweis. Und die Liebe zu Jesus Christus kann von der Liebe zu den Gläubigen nicht getrennt werden. Natürlich lieben wir auch andere Menschen, aber hier geht es ja um den Gruß an die Gemeinde Jesu. An diese ist das Schreiben gerichtet. Durch den Brief des Paulus an Titus sollen die Gläubigen auf Kreta gegrüßt werden.

     .  Die Liebe kommt aus dem Glauben an Jesus Christus. D. h., sie wird uns von Gott geschenkt, nachdem wir seinen Ruf angenommen und unser Vertrauen auf ihn gesetzt haben. Glaube verzichtet auf Eigenleistung, vertraut ganz auf den Herrn. Keiner von uns vermag von sich aus zu lieben. Keiner vermag gute Werke zu tun. Jeder muss gestehen: „Ich habe keine Liebe. Ich bin eine Schale. Ich bin leer, bin nichts.“ Wir sind alle restlos verdorben und bleiben es. Alle Liebe bei uns muss aus dem Vertrauen auf den Herrn und seine Tugenden hervorgehen. Es ist der Herr, der gut ist, der Liebe und Heiligkeit ist. Als Zweige am Weinstock beziehen wir unser Sein, das neue Leben mit allen seinen Qualitäten, von ihm.

D:  Grüße von Paulus an Titus und Freunde  

„Die Gnade sei mit euch allen.“

Der letzte Gruß gilt Titus und allen Gläubigen, denen er auf seinen Reisen begegnet. Welchen besseren Gruß könnte man in Empfang nehmen?

    Der Brief ist also nicht nur für Titus gedacht gewesen, obwohl er in erster Linie an ihn gerichtet war. Titus sollte ihn weitergeben, zunächst an die Ältesten, dann aber auch an alle Gläubigen. Da zudem der Brief aufgehoben wurde, gilt der Gruß auch uns.

IV:  Das letzte Wort  3,15E

„Amen.“

Mit diesem Wort bekräftigt Paulus den ganzen Brief nochmals. Es bedeutet: „So sei es“; „So ist es“; oder: „Wahrlich!“

    Der Titusbrief hat das praktische Leben betont – mittels Unterweisung und Anweisung, Botschaft und Vorschrift, oder, um es noch anders auszudrücken, Indikativ und Imperativ. Die Imperative des Briefes sind in den Indikativen, d. h., den drei Abschnitten über die Christusbotschaft, verankert. Nur aus dem Bestehenden, nämlich aus dem, was Christus für uns getan hat, kann es werden, wie es sein soll.

    Zudem ist das „Amen“ ein Gebet, eine Bitte an den Gott aller Gnade, das zu schenken, was er gefordert hat. Dieses Schlusswort ist also nicht nur ein Aufruf, sondern auch eine Verheißung.


[1] Wenn auch nicht ausdrücklich von einer gemeinsamen Wirksamkeit geschrieben steht, so ist das die natürliche Schlussfolgerung aus dem Wort katelipon(„zurücklassen“, besonders von Sterbenden und Abreisenden gesagt, nach Menge u. Güthling) in 1,5. Dazu soll der ‚hinterlassene’ Titus, offenbar mit einem gemeinsam begonnenen Werk, „fortfahren“.

[2] d. h.: als ans Ziel angekommenen

[3] Anmerkung vom Herausgeber: Das passt in den Zusammenhang, und ein Verstoß dagegen ist klar etwas Disqualifizierendes für die Leiterschaft. Vielweiberei (Polygamie) kam zwar in der römischen und griechischen Kultur normalerweise nicht oder nicht oft vor, weil außerehelicher Geschlechtsverkehr häufig war und Scheidungen sehr einfach zu erwirken waren. Und Polygamie war freilich auch kein Merkmal der jüdischen Kultur des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Aber dieser Brief ergeht an Heiden. In Kreta kann Polygamie sehr wohl gelegentlich vorgekommen sein, auch in Ephesus und Umgebung, wenn auch nicht häufig. Aber Paulus machte klar: Jeder Polygamist, der zum Glauben kam, musste bzw. durfte seine Frauen behalten und sollte sie vorbildhaft behandeln, er konnte jedoch nicht Ältester sein. Er wäre sonst kein Vorbild gewesen für die „Herde Gottes“, die ihm anvertraut werden sollte. Das hätte die Polygamie innerhalb der christlichen Gemeinden wieder aufleben lassen können. Wer daher mit mehreren Frauen verheiratet war, konnte nicht Ältester sein. Dasselbe galt für die Diakone. 

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