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Hesekiel 37

Hes 37: Die Wiederbelebung, Einigung und ewige Zukunft des Volkes im Königreich

Vorbemerkung 

Wie gehen wir beim Erforschen alttestamentlicher prophetischer Texte vor? 

. Wir beachten den historischen Zusammenhang. Wer schrieb wann, an wen und mit welchem Ziel bzw. in welcher Absicht? Wir versetzen uns, soweit es uns möglich ist, in die Zeit, Kultur und Umstände der ersten Empfänger des Buches oder Briefes. 

. Wir nehmen alle Aussagen genau und „buchstäblich“ und beachten dabei auch die Verwendung der hebräischen und griechischen Begriffe und die Verwendung poetischer und apokalyptischer Sprache, sowie Wortspiele, Anspielungen, Gleichnisse und bildhafte Ausdrücke und Darstellungen.

. Nachdem wir den Text im alttestamentlichen Kontext verstanden haben, beachten wir, was das NT zur Erfüllung jener Texte sagt. Das Ergebnis, zu dem wir kommen, darf nicht zu Aussagen in anderen Teilen der Heiligen Schrift im Widerspruch stehen.

Das Buch Hesekiel wurde für die Juden im babylonischen Exil geschrieben, um ihnen Hoffnung für die Zukunft zu geben und ihnen die Rückkehr ins verheißene Land und die völlige Wiederherstellung des Königreiches für Israel in Aussicht zu stellen. Die Botschaft galt auch denen Israeliten, die in die assyrische Gefangenschaft weggeschleppt worden waren. 

Die Wiederbelebung des toten Volkes: 37,1-14

Hesekiel sieht ein Tal, voll mit zerstreut umherliegenden Leichen. Die Leichen sind bereits verwest, die Knochen liegen auf dem Feld. Die Gebeine sind das ganze Haus Israel, Nordreich und Südreich zusammen. Die Situation ist die des Volkes im Exil. Ihre Hoffnung ist verloren, sie sind von ihrem Land und damit vom Leben abgeschnitten. Das „Leben“ ist im verheißenen Land (37,11). Der Zustand des Todes stellt bildhaft den Zustand der Hoffnungslosigkeit des Volkes in der Zeit des Exils dar. Sie sind haben keine Hoffnung auf Rückkehr und Wiederherstellung des Tempeldienstes und des Königreiches (des Königtums; der Königsherrschaft) Jahwehs für Israel. 

Gott spricht zu den Gebeinen (37,5.6): „Siehe! Ich bringe Odem in euch, dass ihr wieder lebt. 6 Und ich lege Sehnen an euch und lasse Fleisch über euch aufsteigen und überziehe euch mit Haut. Und ich gebe Odem in euch, dass ihr wieder lebt. Und ihr werdet erkennen, dass ich Jahweh bin.“ 

Wir beachten die Reihenfolge: Zuerst (V. 5) kündigt Gott an, dass er Odem (Leben) in die Gebeine bringen werde. 

Danach (V. 6) wird der Prozess der Belebung näher angegeben: das Überziehen mit Sehnen, Fleisch und Haut, und in der Folge die Belebung durch den Odem (Lebensgeist) Gottes (V. 6 Ende).

V. 7-10 beschreibt das Geschehen selber. 

37,7-8: „Und ich weissagte, wie mir geboten war. Und als ich weissagte, entstand ein Geräusch, und – siehe! – ein Erschüttern! Und die Gebeine kamen nahe aneinander, Gebein zu seinem Gebein. Und ich sah: Und – siehe! – es kamen Sehnen über sie, und Fleisch stieg auf, und Haut spannte sich darüber, von oben her. Aber es war kein Odem in ihnen.“

Das „Geräusch“ und „Getöse“ von V. 7 ist nicht ein Hinweis auf die Posaune Gottes (anlässlich der Parusie) oder auf den Ruf zur Auferweckung der Seelen im Hades, sondern es gehört zum Bild der Belebung jener Israeliten im Exil. 

Von einer „Belebung“ anlässlich der Rückführung sprechen auch Jesaja (Jes 26,17-21: V. 19: „Aufleben werden deine Toten! Meine Leichname, aufstehen werden sie! Wacht auf und jubelt, die ihr im Staube liegt!  – denn dein Tau ist ein Tau der Lichter,  und das Land wird die Verstorbenen wieder ‹zur Welt› bringen!“) und Hosea (Hos 6,1.2: „Kommt und lasst uns zu Jahweh umkehren, denn er hat entzweigerissen und wird uns heilen, hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns beleben nach zwei Tagen, am dritten Tag uns aufrichten, dass wir vor seinem Angesicht leben.“). 

V. 9.10: Und er sagte zu mir: Weissage dem Odem (heb. ruach, auch: Wind, Hauch, Geist), weissage, Menschensohn, und sage dem Odem: So sagt der Herr, Jahweh: Komm von den vier Winden her, Odem, und blase diese Durchbohrten an, dass sie leben! Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte. Und der Odem kam in sie, und sie lebten. Und sie standen auf ihren Füßen, ein sehr, sehr großes Heer.“

Gott verheißt dem Volk Leben! Leben, Segen und Wohlergehen stehen für das Volk in Verbindung mit dem Wohnen im verheißenen Land. Es geht um jene Generation und deren Kinder. An sie schreibt Hesekiel. Die Rückführung wird der erste Schritt sein zur Wiederherstellung Israels und des Königtums Jahwehs in seinem Volk. Im Jahr 538 v. Chr. kehrten 50 000 jüdische Exilanten unter dem Daviden Serubbabel und unter dem Hohen Priester Jeschua (Josua) zurück ins Land. 

Hes 37,11-14: „Und er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe! Sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist verloren. Wir sind abgeschnitten. Darum weissage und sage zu ihnen: So sagt der Herr, Jahweh: Siehe! Ich öffne eure Gräber und lasse euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufsteigen, und ich bringe euch auf Israels Erdboden. Und ihr werdet erkennen, dass ich Jahweh bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufsteigen lasse, mein Volk! Und (o.: Und zwar,) ich gebe meinen Odem in euch, dass ihr lebt, und lasse euch lagern auf eurem Erdboden. Und ihr werdet erkennen, dass ich Jahweh bin. Ich habe es gesagt, und ich tue es! – [ist der] Spruch Jahwehs.“

Die Rückführungserlaubnis und die Ermöglichung der Rückführung des Volkes unter Serubbabel und Jeschua war ein göttliches Handeln. Hesekiel sagt, das zurückgekehrte Israel würde an dem göttlichen Handeln und an der Erfüllung der Rückführungsverheißungen erkennen, dass der Handelnde Jahweh ist und dass Jahweh das ist, was er in seinem Wort verheißt zu sein, der Treue, der seine Bundesverheißungen wahr macht. 

Hat die Gabe des Lebensgeistes nur mit der Rückführung ins Land (538) zu tun oder auch etwas mit der Geistausgießung an Pfingsten? 

Der Odem wird nicht nach der Rückführung gegeben, sondern zur Belebung zum Zweck der Rückführung. Von der Geistausgießung (Joel 3,1) ist in Hes 37,9.10 nicht die Rede. In den V. 9.10.14 muss das Wort ruach, wie vorher in den V. 5 und 8, mit „Odem“ (Lebensodem; Lebensgeist) übersetzt werden, denn nur der Lebensodem bringt Leben in die toten Gebeine. Das Bild, das Hesekiel (bzw. Gott) hier gebraucht, ist dasselbe wie bei der Erschaffung Adams (1M 2,7). In Ps 104,29.30 wird dasselbe Wort „Odem“ (ruach) verwendet: „Du verbirgst dein Angesicht: Sie erschrecken. Du ziehst ihren Odem ein: Sie verscheiden und kehren zu ihrem Staube zurück. Du sendest deinen Odem aus: Sie werden geschaffen. …“

Aus V. 10 („…, ein sehr, sehr großes Heer.“) wird ersichtlich, dass das Bild dasjenige von Soldaten ist, die am Schlachtfeld liegen. Dieselben Soldaten sind aber in der Erklärung (V. 11) nicht die physisch getöteten Israeliten, sondern die überlebenden. In V. 14 ist ausdrücklich von der Rückführung jener Exilanten die Rede. Gott wird sie dort im Exil „erwecken“ und in sein Land bringen (V. 14): „Und ich gebe meinen Odem in euch, dass ihr lebt, und lasse euch lagern (o.: mache euch ruhen) auf eurem Erdboden.“

Auch in V. 21 ist von jenem Zurückbringen der Exilanten auf Israels Erdboden die Rede: „‚Siehe! Ich hole die Söhne Israels aus den Völkern, wohin sie gegangen sind, und sammle sie von ringsumher und bringe sie auf ihren Erdboden.“

Der Heilige Geist wird nicht in K. 37,1-14 erwähnt, sondern in Hes 36,27, in Verbindung mit dem Heil und der Reinigung; davon spricht erst der zweite Abschnitt (V.15-28). 

Wenn die „Gräber-Öffnungen“ mit der Rückführung erfüllt sind, ist dann nicht die Aussage Jesu über die „Gräber“ in Joh 5,28.29 eine Anspielung darauf? Ist nicht Joh 5,28.29 nicht die Erfüllung jener Weissagung aus Hes 37,1-14? 

Wenn Gott in Hes 37 vom „Öffnen“ der „Gräber“ spricht, so ist dies bildhafte Rede; denn aus den „Gräbern“ will der Herr diejenigen heraufsteigen lassen, die sagen „Unsere Gebeine sind vertrocknet, …“ (V. 11), also nicht die Verstorbenen und auch nicht die geistlich Toten, sondern das Haus Israel im Exil, das jegliche Hoffnung auf Wiederbelebung und Wiederherstellung verloren hatte. Durch die Wegführung nach Assur und Babel und durch die Zerstreuung unter die Heiden war Israel gleichsam vernichtet, „erschlagen“, wie die „dürren Gebeine“ der Soldaten auf dem Schlachtfeld.

In Joh 5,25-29 ist von zwei Gruppen die Rede: Auferstehung des Lebens und Auferstehung des Gerichts. Und in den Versen davor ist von einer Erweckung zu geistlichem Leben die Rede (Jh 5,21-26). Die toten Gebeine von Hes 37, die über das Tal hin zerstreut liegen, stellen die Hoffnungslosigkeit des Volkes im Exil dar (37,11): „Diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe! Sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist verloren. Wir sind abgeschnitten“.

Daraus wird klar, dass die Vision nicht die Auferstehung aller Toten überhaupt meint, sondern nur die Belebung des in der Verbannung befindlichen Hauses Israel. Es kann sich nicht um ein Bild für die Auferstehung von Seelen aus dem Hades oder für die Erweckung von geistlich Toten zu geistlichem Leben handeln. 

Die Einigung des Königreichs und die Zukunft des Volkes unter dem größeren „David“: 37,15-28 

Die Einigung des Reiches: 37,15-22

Zuerst soll Hesekiel die Wiedervereinigung durch ein Zeichen darstellen (37,15-17). Danach deutet Gott das Zeichen (37,19-22): „… Siehe! Ich nehme das Holz Josephs, das in der Hand Ephraims und der mit ihm vereinten Stämme Israels ist, und ich tue sie zu dem Holz Judas hinzu, und ich werde sie zu einem Holz machen, und sie werden eins sein in meiner Hand. … Siehe! Ich hole die Söhne Israels aus den Völkern, wohin sie gegangen sind, und ich sammle sie von ringsumher und bringe sie auf ihren Erdboden. Und ich werde sie zu einem Volk machen im Land, auf den Bergen Israels, und ein König wird ihnen allen zum König sein. Und sie werden nicht mehr zu zwei Völkern werden, und sie werden sich künftig nicht mehr in zwei Königreiche teilen.“

Die Vereinigung der in ihr Land zurückgeführten Israeliten vollzieht Gott dadurch, dass er ihnen in „David“ einen König gibt, der das wiedergeeinigte Volk so regieren wird, dass es sich nicht nochmals in zwei Völker und zwei Reiche spalten wird, und zwar in alle Ewigkeit nicht. Die frühere Spaltung des Volkes in zwei Reiche hatte zwar ihre Wurzel in der alten Eifersucht zwischen Ephraim und Juda, war aber erst durch den Abfall Salomos herbeigeführt worden. Daher kann sie nur durch die gerechte Regierung des zweiten – größeren – Sohnes Davids und durch die Reinigung des Volkes von seinen Sünden völlig und für immer aufgehoben werden. 

Die Propheten Jesaja, Jeremia und Hesekiel hatten von einer gänzlichen Sammlung und Wiederherstellung des Volkes geweissagt. Die Rückführung unter Serubbabel war der Beginn. Durch das Buch Daniel erfahren wir, dass die endgültige Wiederherstellung des Königreiches  – in Verbindung mit dem Kommen des Messias – noch eine lange Zeit (500 Jahre und mehr) dauern sollte. Als der Messias kam, sammelte er die Seinen unter seine Königsherrschaft, die er „das Königreich der Himmel“ nannte. Das Reich war anfangs klein wie ein Senfkorn (Mt 13), doch es sollte zu immenser Größe heranwachsen. 

Keil kommentiert dazu: „Nach dem komplexen Charakter der Prophetie ist in dieser Weissagung die ganze Zukunft des Volkes Gottes bis in die Ewigkeit hinein zusammengefasst. Die Wiedervereinigung der in zwei Reiche getrennten Stämme Israels begann mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, dem Wiederaufbau des Tempels und der Wiederherstellung des bürgerlichen Gemeinwesens. Die Rückkehr aus Babel diente nicht bloß für den Nachblieb des Reiches Juda, sondern auch für die besseren Reste aus dem Zehnstämme-Reich dazu, sich wieder an den Gott und die gesetzliche Ordnung der Väter anzuschließen. Fand auch unter Serubbabel und Esra eine spezielle Rückführung von Israeliten der zehn Stämme nicht statt, so war doch die neue gottesdienstliche Ordnung auf die zwölf Stämme abgesehen, vgl. Esr. 6,17. 8,35. In der Folgezeit müssen auch viele Israeliten von den zehn Stämmen ins Land der Väter zurückgekehrt sein, da zur Zeit des neuen Bundes außer Judäa auch Galiläa stark bevölkert war; und die Galiläer feierten mit den Judäern gemeinsam die Jahresfeste im Tempel zu Jerusalem; vgl. Ag 26,7. (Hanna war aus dem Stamm Asser, Lk 2,36; es waren auch waren bereits viele Jahre vor der Wegführung ins babylonische Exil viele vom Nordreich zum Südreich übergelaufen, 2Ch 11,13-16; 15,9; 19,4; 30,11.18; Ergänzung v. mir, TJ) – Wenn nun auch die alte Theokratie nicht wieder hergestellt wurde, das jüdische Volk der heidnischen Weltmacht unterworfen blieb und dem Tempel die Schechina (d. i.: die Herrlichkeitswolke, TJ) fehlte, so brach doch nach Ablauf des Exils für Israel eine neue Zeit an, in welcher es seinen heilsgeschichtlichen Beruf wieder insoweit erfüllen konnte, dass durch die obschon kümmerliche Wiederherstellung des bürgerlichen und gottesdienstlichen Gemeinwesens der Juden im Lande der Väter der Boden für die Erscheinung des verheißenen David-Messias bereitet wurde, während durch die im Exil gebliebene und besonders unter dem griechischen Weltreiche durch Wegführungen und Auswanderungen sehr vermehrte jüdische Diaspora die frommen Heiden mit der Hoffnung Israels bekannt gemacht und dadurch für die Aufnahme der Predigt des Evangeliums vom Reiche Gottes vorbereitet wurden.“ (Keil, Carl Friedrich: Biblischer Commentar über den Propheten Ezechiel, Leipzig 1882; dt. Schreibweise angeglichen, TJ)

Die Zukunft des Reiches unter dem neuen König 37,22-28

Was nun wird Israel in Verbindung mit der Wiederherstellung des Reiches verheißen?

1. Sündenreinigung und eine ewige Gott-Volk- Beziehung 

37,23: „Und sie werden sich nicht mehr unrein machen mit ihren Dreckgötzen und mit ihren Scheusalen und mit allen ihre Abtrünnigkeiten. Und ich werde sie retten aus (o.: bewahren vor) allen ihren Wohnstätten (o.: Wohnsitzen), in denen sie gesündigt haben, und ich werde sie reinigen. Und sie werden mir zum Volk sein, und ich werde ihnen zum Gott sein.“

Vgl. die Weissagung in K. 36,24-26: „Und ich werde euch aus den Völkern holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch zu eurem Erdboden bringen. Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein. Von allen euren Unreinheiten und von allen euren Dreckgötzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben, und einen neuen Geist in euer Inneres geben. Und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch entfernen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben. Und ich werde machen, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen wahrt und tut.“ 

Erst mit dem Kommen messianischen Sohnes Davids wird Israel von seinen Sünden gereinigt werden, aber nur die, die  ihn annehmen. Von dieser Sündenreinigung und Erneuerung sprach der Herr Jesus Christus mit Nikodemus (Joh 3) und auch mit den Jüngern (z. B. Joh 13,10; 15,3). 

2. Ein ewiges Königtum 

37,24: „Und mein leibeigener Knecht David wird über sie König sein, und sie alle werden einen einzigen Hirten haben. Und sie werden in meinen Rechtsbestimmungen wandeln und meine Satzungen wahren und sie tun.“

Es geht um die Wiederherstellung des Thrones Davids (Ps 89,28-38; 2Sa 7,12-16; Jer 33,20.21) in dem Sohn Davids, der ewiglich über das Volk regieren wird. Der gesalbte König Jesus Christus erschien mehr als 500 Jahre nach der Rückführung, – in einer Weise, wie es das Volk nicht erwartete. Er verkündete dem Volk Israel das verheißene Reich. Er sagte, die gegenwärtige (jüdische, alttestamentliche) Heilszeit bzw. „Welt“ (d. i.: das Land und der Himmel über dem Land) würde vergehen (Mt 5,17.18; 24,34.35) und ein ewiges Königreich würde aufgerichtet werden. „Dieses Geschlecht“ (das verkehrte und ehebrecherische Geschlecht in Israel zur Zeit Jesu) würde „nicht vergehen“, bis „dieses alles“ geschehen sein werde. Einige Jünger würden „den Tod nicht schmecken“, bis sie „das Königreich Gottes gesehen haben, gekommen in Kraft“ (Mk 9,1; vgl. Mt 16,28). Das neue Königreich für Israel würde nicht in der fleischlichen Welt des irdischen Tempels und Opferkultus aufgerichtet, sondern in einem „neuen Land“ mit einem „neuen Himmel“ über dem neuen Land, und das Meer würde nicht mehr sein (Off 21,1). 

Mit dem „König“ und dem „Hirten“ sind nicht zwei verschiedene Personen gemeint. Der Messiaskönig ist zugleich auch der Hirte – wie im AT die Könige Israels oft auch „Hirten“ genannt wurden (Hes 34). Der Messias als der verheißene Same Davids ist gleichsam der zweite und größere David. (Vgl. Ps 132,17; Jer 23,5.6; 30.8.9; Hes 34,23.24; Hos 3,5.) 

Jer 23,5-6: „Siehe! Es kommen Tage, ist der Spruch Jahwehs, da werde ich dem David einen gerechten Spross, erwecken. Und er wird als König herrschen und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit schaffen im Lande. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen.“

Dieser „Spross“ Davids heißt in Jer 30,8.9 (und Hos 3,5)„David“: „Ja, es wird geschehen an jenem Tag, ist der Spruch Jahwehs der Heere, da zerbreche ich sein Joch von deinem Nacken und zerreiße deine Fesseln. Und nicht mehr sollen Fremde ihn dienstbar machen,  9 sondern sie werden Jahweh, ihrem Gott, dienen und David, ihrem König, den ich ihnen erwecke.“ Hos 3,5: „Danach werden die Söhne Israels umkehren und Jahweh, ihren Gott, suchen und David, ihren König.“ (Vgl. Ps 132,17: „Dort lasse ich dem David ein Horn hervorsprossen, dort richte ich meinem Gesalbten eine Leuchte zu.“)

3. Ein ewiger Friedensbund 

Hes 37,26: „Und ich werde einen Bund des Friedens mit ihnen schließen, ein ewiger Bund wird es mit ihnen sein. Ja, [dazu] werde ich sie machen; und ich werde sie mehren.“ 

. Die Wiederherstellung Israels geht zusammen mit dem neuen Bund, der ein ewiger ist. Vgl. Jer 31,31ff; Lk 22,20; Heb 8,5-12. Aus Heb 8 wird klar, dass der Messias jenen neuen Bund in seinem Blut (in seinem stellvertretenden Sterben für ihre Sünden) schloss. In Rm 3-4 sowie 9-11, in Gal 3 und Eph 2-3 zeigt Paulus auf, dass auch die aus den Völkern, die „Heiden“, die den Messias annehmen, in das neue Gottesvolk einverleibt werden. 

Eph 2,12-13:  dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen von der Bürgerschaft Israels und Fremde den Bündnissen der Verheißung, keine Hoffnung hattet und ohne Gott in der Welt wart.“  V. 13. „Nun aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut des Christus, …“ V. 19: „Dann seid ihr also nicht mehr Fremde und Ausländer, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausangehörige Gottes“. Eph 3,6: „… dass die von den Völkern Miterben und ein Mitleib und Mitteilhabende seiner Verheißung seien in dem Christus durch die gute Botschaft“.

4. Ein ewiges Land 

Hes 37,25: „Und sie werden in dem Land wohnen, das ich Jakob, meinem Knecht, gab, in dem eure Väter wohnten. Und darin werden sie wohnen, sie und ihre Söhne und die Söhne ihrer Söhne, bis in Ewigkeit.“

Sie erhalten ein ewiges Erbteil. Land und Volk sind ewig. Die Nachkommen haben ewiglich weitere Nachkommen. Israel als Gottesvolk und sein König bestehen im Land Jakobs ewiglich fort. Ihre Stadt und ihr Land werden nie mehr zerstört (Jer 31,38-40). 

Das dem Volk Israel verheißene Erbe wird in der alttestamentlichen Prophetie mit irdischen Farben und als eine ewige Fortführung der irdischen Theokratie gezeichnet, in der eine Generation auf die andere folgt (vgl. den häufigen Ausdruck „von Generation zu Generation“ bzw. „von Geschlecht zu Geschlecht“) und sich das Volk beständig vermehrt. Jeder lebt in Wohlstand, Gesundheit und Friede. Das Volk ruht in Sicherheit. Jeder sitzt „unter seinem Weinstock und Feigenbaum“ (Mi 4,4; Sach 3,10). Die Menschen (mit Ausnahme der Sünder, s. u.) werden uralt und sterben lebenssatt. 

Jes 65,20-23: „Und es wird dort keinen Säugling von wenigen Tagen geben und keinen Greis, der seine Tage nicht erfüllen wird; … Und sie werden Häuser bauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und deren Früchte essen. Sie werden nicht bauen und ein anderer bewohnt, nicht pflanzen und ein anderer isst; denn wie die Tage des Baumes werden die Tage meines Volkes sein, und meine Erwählten werden das Erarbeitete ihrer Hände verbrauchen. Nicht vergeblich werden sie sich mühen, und nicht zur Bestürzung werden sie gebären, denn sie sind der Same der Gesegneten Jahwehs, und ihre Sprösslinge mit ihnen.“ 

5. Eine ewige Herrschaft des Fürsten 

Hes 37,26: „… Und David, mein leibeigener Knecht, wird ihnen Fürst sein auf ewig.“ 

In Verbindung mit der ewigen davidischen Herrschaft des Messias steht das neue Jerusalem (auch „Zion“ genannt), in dem der ewige Thron „Gottes und des Lammes“ aufgerichtet ist (Jes 60,1-22; 65,17-19; Jer 31,38-40; Off 22,1-5).

6. Ein ewiges Tempelheiligtum

Hes 37,26.27: „… Und mein Heiligtum werde ich in ihre Mitte geben auf ewig. Und meine Wohnung wird über ihnen sein. Und ich werde ihnen zum Gott sein, und sie werden mir zum Volk sein.“

Gott wohnt über ihnen. Sein Heiligtum wird für immer in ihrer Mitte sein. 

7. Die Heiden erkennen, dass Jahweh Israel heiligt 

Hes 37,28: „Und die Völker werden erkennen, dass ich Jahweh bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum in ihrer Mitte sein wird – auf ewig.“

Wenn Gottes Heiligtum für ewig in Israels Mitte ist, erkennen die Heiden: Jahweh ist der wahre uns einzige Gott, der Gott, der Israel heiligt. 

Die Lehre der Apostel und die Erfüllung der Weissagung 

Was lernen wir von der „Lehre der Apostel“ (Ag 2,42) über die Art und Weise der Erfüllung dieses ewigen israelitischen Heils und Königtums?

Alle Reichsverheißungen haben in Christus ihre Erfüllung (2Kr 1,20): „So viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, und in ihm ist das Amen, Gott zur Verherrlichung durch uns.“ 

Die Apostel (und ihr Herr, von dem sie ihre Lehre hatten) lehren, dass in das neue Land nur diejenigen kommen, die „in Christus“ sind. Er, der Gesalbte ist die neue Schöpfung, und alle, die in Christus sind, sind in ihm Teil neuen Schöpfung (2Kr 5,17): „Somit, wenn einer in Christus ist, ist er neue Schöpfung.“ Jesus Christus ist „der Erstgeborene aller Schöpfung“ (Kol 1,15), „der Anfang“ (Kol 1,18), „der Anfang der Schöpfung Gottes“ (Off 3,14). Solange Juden nicht in dem Gesalbten sind, können sie das ihnen Verheißene – die neue Schöpfung in Christus – nicht erben. 

Das NT zeigt, was dieses Erbe, dieses „Land“ für das Volk des Gesalbten ist: Der Herr bezieht sich in Mt 5,5 auf Psalm 37: 

Mt 5,5: „Selige sind die Sanftmütigen! – weil sie das Land erben werden.“ (Vgl. Ps 37,9.11.22.29.34.) Und im Anschluss zeigt, er wo dieses „Land“ sein wird: „Freut euch und frohlockt, weil euer Lohn groß ist in den Himmeln.“ (Mt 5,12)

Die verheißene Ruhe des Volkes im verheißenen „Land“ ist die Ruhe, in die Jesus Christus bereits eingegangen ist und in die er die Hebräerchristen nachziehen würde. 

Heb 4,1.9-11: „Fürchten wir uns also, damit nicht etwa, während eine Verheißung, in seine Ruhe einzugehen, noch übrig gelassen ist, jemand von euch erscheint als einer, der zurückgeblieben ist, …“ V. 9-11: „Dann bleibt dem Volke Gottes eine Sabbatruhe übrig, denn der, der in seine Ruhe einging, auch er kam zur Ruhe von seinen Werken, gleichwie Gott von den eigenen. Seien wir also fleißig, einzugehen in jene Ruhe, damit nicht jemand nach demselben Beispiel des ungläubigen Ungehorsams falle“. Heb 6,11.12: „Wir begehren aber, dass jeder von euch denselben Fleiß beweise – hin zur vollen Gewissheit der Hoffnung, bis zum Ende, damit ihr nicht träge werdet, aber Nachahmer derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen erben.“ … V. 18-20: „… damit wir durch zwei unverrückbare Dinge, bei denen es Gott unmöglich war zu lügen, einen starken Trost hätten, die wir Zuflucht nahmen, um die vorgelegte Hoffnung zu ergreifen ‹und festzuhalten›, welche wir als einen Anker der Seele haben, einen sicheren und auch festen und der in das Innere, hinter den Vorhang, hineingeht, wo als Vorläufer für uns hineinging Jesus …“. 

Diese Ruhe ist die „himmlische Heimat, das himmlische Vaterland, das Abraham suchte (11,10-16): V. 10: „er erwartete die Stadt, die die Grundfesten hat, deren Architekt und Erbauer Gott ist. …“ V. 14 -16:  „… denn die, die solches sagen, machen offenbar, dass sie das Vaterland suchen. Und wenn sie dabei an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie Zeit ‹und Gelegenheit› gehabt umzukehren. Nun haben sie sich aber nach einem besseren ausgestreckt, das heißt, nach einem himmlischen, weshalb Gott sich ihrer nicht schämt, ihr Gott genannt zu werden, denn er bereitete ihnen eine Stadt.“

Diese Ruhe ist das „unerschütterliche Königreich“ (Heb 12,28) des Messias, die „zukünftige Stadt“ (13,14), die das irdische Jerusalem ersetzen sollte. 

Nach 1P 1,3-5 ist das ewiges Land ein himmlisches unvergängliches „Erbteil“. Nur die Wiedergeborenen können es erlangen. 

Das neue „Land“ Israel ist daher nicht irdischer Natur, wie auch das Königreich nicht irdischer Natur ist. (Vgl. Jh 18,36.37 in Verb. mit 2Tim 4,18.) Das neue Land, das verheißene „neue Jerusalem“ (Jes 65,17-19; Jer 31,38-40; Heb 12,22.28; 13,14; Gal 4,26) und das neue Tempelheiligtum (Hag 2,7-9) verschmelzen in dem Bild in Off 21,2.10-27 ineinander. Das Land wird gefüllt von der Stadt, die sich darauf niedersenkt. Und die Stadt entpuppt sich als ein sehr, sehr großes Tempelheiligtum. (Vgl. Off 21,16 mit 1Kg 6,20. Nb: „Land“ wird in den Bibeln oft auch mit „Erde“ übersetzt, z. B. Off 21,1: „neue Erde“; gemeint ist das ewige „neue Land“: das ewige Israel, von dem Hes 37 sprach!) 

Die Weissagung von Hes 37 fasst die verschiedenen Entwicklungsstufen der kommenden Heilszeit Israels zusammen. Die gesamte herrliche Zukunft wird in groben Zügen dargestellt. Dabei soll man nicht übersehen, dass die Weissagung zugleich auch eine direkte seelsorgerische Hilfe für die damaligen Leser (bzw. Hörer) darstellen soll, also die Generation der im Exil Befindlichen. Dementsprechend beschäftigt sich die Weissagung der Propheten (neben Hesekiel auch Jeremia) vor allem mit der nationalen Wiederherstellung (Rückführung, Tempelbau, Bau der Stadt Jerusalem, das wiederhergestellte Leben im Land) und daran anschließend mit der zukünftigen Herrlichkeit Israels durch das Kommen des Messias, ohne die Zeiten und den Gang der zeitliche Entwicklung speziell darzustellen. (Vgl. A. Küper, erwähnt bei Keil, Hes-Kommentar.)

Keil schreibt: „In dem Bilde der Neubelebung der zerstreut umherliegenden sehr verdorrten Totengebeine zeigt Gott dem Propheten die Wiederbelebung des hoffnungslos danieder liegenden Volkes Israel. Die Wiederbelebung begann mit der vom Herrn angebahnten Rückkehr des unter die Heiden zerstreuten Restes des Volkes aus dem babylonischen Exil unter Serubbabel und Esra, durch den Wiederaufbau der zerstörten Städte Judas und des Tempels und durch die Herstellung einer staatlichen Ordnung. 

… obgleich Jahweh den Zurückgekehrten noch Propheten erweckte und den Bau seines Hauses förderte, zog doch in den neuerbauten Tempel seine Herrlichkeit nicht wieder ein, und das Volk gelangte nicht wieder (wenigstens nicht dauernd) zur Selbständigkeit, sondern blieb dem heidnischen Weltreich unterworfen. … Die volle Wiederherstellung Israels als Volk des Herrn begann erst mit der Gründung des neuen Gottesreiches, des ‚Königreiches der Himmel‘ durch die Erscheinung Christi auf Erden. …“ (Keil, Carl Friedrich: Biblischer Commentar über den Propheten Ezechiel, Leipzig 1882; dt. Schreibweise angeglichen, TJ)

Zusammenfassung

. Die Erfüllung der Hesekiel-Verheißung beginnt mit der Sammlung und Rückführung des Volkes ins Land. Gott macht sie zu einem einigen Volk unter dem einen König und Hirten „David“. 

. Dieser zweite „David“ kommt nach Israel, gibt sein Leben zum stellvertretenden Opfer für die Sünde des Volkes und jedes einzelnen Israeliten. Als auferstandener, aufgefahrener neuer ewiger König über das Volk setzt er sich auf den Thron Davids (Ag 2,30-36; 15,16).

. Als der gute Hirte und König setzt er  – vom Himmel aus – seine Sammlung des zerstreuten Volkes, die er in seinem Erdenleben begann, fort. Er ruft seine „Schafe“ zu sich (Jh 10). Die Schafe, die Treuen des Volkes, die wahrhaft Gottesfürchtigen, befinden sich zum Teil im Hof (in Israel) und zum Teil in der jüdischen Zerstreuung (Diaspora) im gesamten römischen Imperium und darüber hinaus (Joh 10,16; 11,52 [„Kinder“, vgl.  5M 32,5]; Ag 2,37). Aber nicht nur Israeliten zieht er zu sich (Jh 12,32), auch Heiden sind gerufen (Ag 15,17) und werden in das neue, ewige Israel einverleibt (Eph 2,11- 3,6; Gal 3, 7-9.22.26-29; 4,26-31; 6,14-16; Rm 3,21-31; 4,16-18; 9,6-13.22-33; 10,11-13; 11,17-22). 

. Die, die sich sammeln lassen, werden von Sünde gereinigt: Es gibt in dem gesammelten Volk des Messias keine Verunreinigung durch Götzendienst mehr (Sach 13,1). Die, die zum Messias umkehren, werden zum Eigentumsvolk Gottes und Gott wird ihr Gott (1P 2,9.10; Heb 8,10). Der größere „David“ wird über die, die ihn annehmen, zum König. Diese alle wandeln in den Ordnungen Gottes (Heb 8,10-12). Sie sind eine Herde und ein Hirte (Jh 10,16).

. Es kommt zu weiterer Vermehrung seines Volkes, und zwar bis in Ewigkeit. Sie wohnen ewiglich im Land. Der in dem Blut des Messias geschlossene neue, ewige Bund des Friedens (Lk 22,20) ist die Grundlage für das neue Verhältnis. 

. Da das Bild in irdischen Farben gezeichnet ist, ist es selbstverständlich, dass die Menschen in dem ewigen Königreich auch wieder „sterben“, wenn auch nach langer, langer Zeit; einige sterben eher (Jes 65,20-23): „Und es wird dort keinen Säugling von wenigen Tagen geben und keinen Greis, der seine Tage nicht erfüllen wird (d. h.: alle werden sehr alt werden, ehe sie sterben, aber es gibt Ausnahmen); denn ein junger Mann wird im Alter von hundert Jahren sterben, und der Sünder wird im Alter von hundert Jahren vom Fluch getroffen werden.“ Diese Aussage steht im Widerspruch zur Lehre Christi, der sagte, dass das neue Leben nicht stirbt (Jh 11,24.25). Die Auflösung des Widerspruchs besteht darin, dass man erkennt, dass die Propheten im AT in ihrer Darstellung der ewigen Dinge des Königreiches nur auf der irdisch-fleischlichen Ebene bleiben. Sie zeichnen das Neue in Bildern und Vorstellungen des Alten. Erst der Herr Jesus Christus und (durch ihn) die Apostel werfen durch ihre Lehre das rechte Licht auf alle diese Weissagungen. Daher kann man die alttestamentliche Prophetie nicht ohne das Licht des Neuen Testaments verstehen. 

Thomas Jettel, August 2020

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