Hat Gott Israel verstoßen?

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von Thomas Jettel, Krummenau, Ende 2023

Gott hat nicht „Israel verstoßen“. Gott hat sein Volk nicht verworfen: Röm 11,1ff.
(Siehe den Artikel „Auslegung zu Röm 11,23-27“.) 

Die Frage ist: Was ist Israel? Wer ist sein Volk? 

Im AT war Israel das Volk Gottes (sofern es sich nicht im Abfall von Gott völlig abgewandt hat und er jene Generation richten musste, z. B. Hes 23, wo es um Jerusalem geht, die Hure, die Gott zum Tode verurteilte und richtete.

Im NT gab es bis 66-70 n. Chr. das «Israel» als «Volk Gottes», aber der Teil des fleischlichen Israel, der den Messias verwarf, hat es sich damit das Todesurteil gesprochen, es sei denn, dass er sich zu Jesus, dem Gesalbten umwendet. Wer den Messias nicht annimmt, wird aus dem Volk ausgerottet: Apg 3,22-26. 

66-70 n. Chr. kam das Gericht. Es war das Ende des israelitischen, alttestamentlichen Tempelzeitalters und damit auch das Ende des alttestamentlichen fleischlichen „Israels“ als Nation, als Volkseinheit.
In dem gläubigen Überrest aber bleibt Israel bestehen, aufgestockt durch die Einpfropfung derer aus den Heiden. (Siehe dazu die Auslegung von Röm 11 vom selben Autor, auf jettel.ch.)

In der Endzeit Israels (30-70 n. Chr.) wurde das Evangelium überall im Römischen Reich verkündet, um allen Israeliten („Juden“) die Gelegenheit zur Umkehr zum Messias Jesus zu geben. Paulus spricht in Röm 11 davon, dass die abgeschnittenen Zweige vom „Ölbaum“ wieder eingepfropft werden, wenn sie in Buße und Glaube zum Messias Jesus kommen (Röm 11,16-25).
Durch die Wiedereinpfropfung der bußfertigen, gleichsam am Boden liegenden Zweige, die sich zum Messias wandten, und durch die Einpfropfung der neuen „fremden“ Ölzweige (Heiden, die sich bekehrten), existiert „Israel“ weiter.

Israel war nun erweitert durch den heidnischen Teil von Bekehrten. So bildete das Volk in dem Messias Jesus das neue, von den Propheten verheißene Israel. Auf diese Weise hat das Israel als Volk Gottes nie aufgehört, Volkes Gottes zu sein, sondern es wurde verwandelt von einem rein physischen Volk in ein himmlisches Volk, dessen Zukunft ein himmlischen Land («Erde») ist, eine himmlische Stadt, «Jerusalem», und ein himmlisches Tempelheiligtum.
Petrus spricht von dem neuen Eigentumsvolk in 1Petr 2,9.10: „Ihr seid ein erwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, eine Volksschar zu einem erworbenen Eigentum, auf dass ihr kund werden lassen sollt die lobenswerten Wesenszüge dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht rief, die ihr einst „Nicht-Volk“ wart, aber nun Gottes Volk seid, die ihr „nicht Barmherzigkeit“ {Hos 1,8.9} empfangen hattet, nun aber Barmherzigkeit empfingt.“

Nach dem Gericht (66-70 n. Chr.) gab es kein fleischliches Israel (als Nation, als Volkseinheit) mehr. Es gab auch kein Jerusalem mehr. (Das neue Dorf, das anstelle des alten Jerusalem gebaut wurde, hieß Aelia Capitolina; s. u.). Es gab kein verheißenes irdisches Land mehr und keinen irdischen Tempel mehr.
Es wird nie mehr ein von Gott anerkanntes fleischliches Jerusalem, Heiliges Land und irdischen Tempel geben, weil die Verheißungen nicht auf fleischlicher Ebene erfüllt werden.
Die später von Menschenhand eigenwillig geschaffenen Einrichtungen „Jerusalem“ (Umbenennung der Stadt Aelia Capitolina in „Jerusalem“) und „Israel“ (1948: eigenmächtige Etikettierung eines mit fleischlichen Mitteln gegründeten Staates) und „Tempel“ (vgl. das Projekt von orthodoxen Juden, einen fleischlich-irdischen Tempel zu bauen) sind und werden von Gott nicht anerkannt.
Mit dem Kommen des neuen Jerusalems ist das alte, fleischliche Jerusalem für immer Geschichte. Es gibt kein irdisches „Heiliges Land“ mehr.

Das Gericht (66-70 n. Chr.) kam über das ungläubige Volk und dessen Land und Stadt und Tempel. Aber das wahre Land, die wahre Stadt und der wahre Tempel leben in der Verheißungserfüllung weiter im himmlischen Land, im himmlischen Jerusalem, im himmlischgeistlichen Tempel. Joh 4,23ff.; Apg 7.

Die Offenbarung spricht davon, dass das alte Jerusalem und die dazugehörigen Menschen unwiederbringlich im Gericht verloren sind. Die Kapitel Off 11-19 zeigen, dass das alte Jerusalem und dessen Volk unwiederbringlich im Gericht verloren sind. (Siehe die Auslegung der Offenbarung auf jettel.ch, vom selben Autor.)

Lesen wir auch Mt 5,17.18 in Verbindung mit Lk 21,20-22 und 21,32.33.
In Lk 21,24 wird der Ausdruck „die Zeiten der Völker“ oft missverstanden, und zwar deshalb, weil man nicht erkennt, dass die „Völker“ (d. h., die Menschen), die Jerusalem niedertraten (unheilig betraten), nicht die Römer sind (die waren vor der Stadt, nicht in der Stadt), auch nicht spätere Generationen von Menschen. Der Ausdruck „Völker“ (Heiden, Ungläubige) wird im AT und NT oft auf einzelne Menschen (Heiden, Ungläubige) bezogen. Die Völker“ in Lk 21,24 waren die damals in Jerusalem lebenden Menschen, die die Stadt „zertraten“ (oder unheilig betraten). Gemeint sind die Ungläubigen innerhalb der Stadt (vor allem die Zeloten und die von den Zeloten hereingeholten Idumäer; vgl. Josephus Flavius, Der jüdische Krieg), die ungläubige Masse innerhalb der Stadt.] 

Anmerkung zu Aelia Capitolina: (Wikipedia)
Aelia Capitolina, vollständig colonia Aelia Capitolina (auch Helya CapitolinaaltgriechischΑἰλία Καπιτωλιάς Ailía Kapitōliás), war eine römische Kolonie an dem Ort der 70 n. Chr. durch Titus zerstörten Stadt Jerusalem. Die Kolonie wurde – wahrscheinlich 135 n. Chr. nach dem Bar-Kochba-Aufstand – unter dem römischen Kaiser Hadrian gegründet, der die Stätte 130 n. Chr. besucht hatte.
Der römische Name bestand offiziell bis zum Jahr 324, als unter Kaiser Konstantin dem Großen das Christentum aufgewertet und der Bestandteil Capitolina aus dem offiziellen Stadtnamen entfernt wurde.[2] Aelia blieb neben der nun (ab 324 n. Chr.) wieder einsetzenden Nutzung von Jerusalem und Hierosolyma als Name in Gebrauch und lebte nach der arabischen Eroberung der Stadt im Jahr 638 in der Form Iliya fort.
Jerusalem war am Ende des Jüdischen Kriegs im Jahre 70 n. Chr. vollständig zerstört: Flavius Josephus schreibt in seiner Geschichte des jüdischen Krieges, dass Jerusalem … von den Arbeitern so gründlich geschleift [wurde], dass kein Fremder mehr sich hätte an Ort und Stelle überzeugen können, ob irgend je hier Menschen gewohnt haben.[3]
Laut Eusebius von Caesarea,[4] erfolgte die Namensänderung erst nach der Unterdrückung des zweiten jüdischen Aufstands im Jahr 135.[5] Ein Datum für den Bau der beiden römischen Hauptverkehrsachsen (Cardo und Decumanus) wurde anhand der Funde ermittelt, die direkt unter den Pflastersteinen entdeckt wurden. Auf der Grundlage dieser Funde schlagen Archäologen nun vor, dass die römische Stadt in den ersten Jahren von Kaiser Hadrians Regierungszeit, etwa ein Jahrzehnt vor seinem Besuch im Osten (im Jahre 130), geplant und ihre Hauptverkehrsstraßen gepflastert wurden, also im Jahre 117.[6] 

Wo im AT wird die gänzliche Auslöschung des Volkes Israel vorausgesagt?

5Mose 28,49 bezieht sich auf Nebukadnezar: 605 v. Chr. 1. Deportation (Wegführung), 598 v. Chr. 2. Deportation, 587 v. Chr. 3. Deportation 
5Mo 28,58-63 bezieht sich ebenso auf Nebukadnezar.
5Mo 28,64 bezieht sich auf die Zerstreuung in alle Länder Babylons damals (ab 605/598/587 v. Chr.), ebenso 3Mo 26,33-39. 
5Mo 28,68 bezieht sich auf den Zug eines Teils des Volkes nach Ägypten, ca. 587/586 v. Chr., Jer 44,11ff. 

3Mo 26,40ff und 5Mo 30,2-10) bezieht sich darauf, dass Gott anlässlich der Buße des Volkes (538 v. Chr.) seines Bundes mit Abraham gedachte und mit der Rückführung des Volkes begann: 2Ch 30,9; Esr 9,6-9.
5Mo 30,2-10 sagt, die Bedingung zur Sammlung der Weggeführten ist deren Umkehr (Buße). Die Sammlung der Bußfertigen begann also unter Serubabel, 538 v. Chr., die Fortsetzung der Sammlung des bußfertigen (!) Volkes fand unter dem Messias statt, dem guten Hirten (Joh 10,16, 11,52) und unter der Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel an alle Juden im Römischen Reich. Davon spricht der Apostel Paulus in Röm 11. Das bußfertige Volk kommt „auf diese Weise“ („so“: Röm 11,26) unter den Neuen Bund, in Christus. (Zum Neuen Bund vgl. Heb 8,5-13.) 

Die Stellen 3Mo 26 und 5Mo 28 sprechen nicht von einer abermaligen Zerstreuung Israels (ab 70 n. Chr.), sondern von dem drohenden Gericht Gottes über das götzendienerische Volk.  
Der Herr, Jesus Christus, sprach von einer Gefangenführung des Restes der Jerusalemer Bevölkerung, also derjenigen Bevölkerung von Jerusalem, die im Krieg 66-70 n. Chr. nicht starb (Lk 21,24): „… sie werden gefangen geführt werden zu den Völkern allen“.
„Zu den Völkern allen“ ist kein Hinweis auf eine abermalige Zerstreuung des Volkes Israel in alle Welt. Die „Zerstreuung Israels in alle Welt“ ab 70 n. Chr. ist ein Mythos. Der Ausdruck „alle Völker“ ist ein aus dem AT bekannter Ausdruck, der sich dort auf die umliegenden heidnischen Völker bezieht (z. B. Joel 4,2.11.12; Sach 12,2.3; 14,2.16), nicht auf den gesamten Globus. (Siehe dazu die Auslegung zu Sacharja und zu Joel vom selben Autor, auf jettel.ch)

Die Rückkehr der unter Nebukadnezar ins Exil Weggeführten fand unter Serubabel (ab 538 v. Chr.) statt, weitere Rückführungen geschahen unter Esra und Nehemia. Durch das Kommen des Messias wurde das bußfertige alttestamentliche Volk Gottes unter den neuen Bund gebracht.
Von einer abermaligen Rückführung jener (nach 70 n. Chr.) in die Sklaverei geführten Jerusalemer Gefangenen spricht die Bibel nicht. Das NT lehrt keine (irdische) Rückführung von Juden in ein irdisches „Heiliges Land“ oder in eine irdische „Heilige Stadt“.
Die einzige Möglichkeit der Rettung von Juden nach 70 n. Chr.  besteht in der Bekehrung zu Jesus, dem Gesalbten. Durch Buße und Glaube werden sie (ebenso wie alle Heiden) in Christus Teil des neuen Volkes Gottes. Eph 2-3; Röm 9-11.

An welchen konkreten Stellen im AT nun sprachen die Propheten von der gänzlichen Ausrottung (Verfluchung) des unbußfertigen Volkes?

Anders ausgedrückt: Auf welche Stelle im AT konkret bezieht sich der Herr Jesus in Lk 21,22 als er sagte, es würden „… Tage der Rache“ kommen „damit erfüllt werde alles, was geschrieben ist“?

  • Mal 3,24 E: “…, damit ich nicht komme und das Land schlage mit dem Bann (Fluch).“ Wir beachten das Wort „Gericht“ in Mal 3,5. Vgl. Mal 3,18-21.
  • Die zweite Stelle ist Ps 2,9 in Verbindung mit Ps 2,12. Das Weiden „mit eisernem Stab“ (d. h., mit dem Gerichtsstab) und das „Zerbrechen wie Töpfergeschirr“ geschah in dem Gericht, das der Messias dann über das unbußfertige Volk Israel kommen ließ: Off 19,15. Die feindlichen Juden, die Feinde des Evangeliums, die (in den Jahren 64ff. n. Chr.) gegen das Gottesvolk in den geistlichen Krieg zogen, werden in Off 19,15 „Völker“ („Heiden“), d. h. ungläubige Menschen, genannt. (Siehe die Auslegung der Offenbarung in jettel.ch) Ps 2,12 spricht vom „Umkommen auf dem Wege“. Der Zorn (Ps 2,12) des auf dem Zion gesalbten Königs (Ps 2,6) ist der „Zorn des Lammes“ von Off 6,17 (Lk 23,30). Die Stelle spricht vom Gericht des Messias über das unbußfertige Israel. (Vgl. Ps 110,5-7. Gemeint ist der „Tag des Zorns“.) 
  • Die dritte Stelle: 5Mose 32,35.36 (eigentlich der ganze Abschnitt 5M 32,22-36.41.42.43) 
  • Heb 10,30 zitiert diese zwei Verse (5Mo 32,35.36) und bezieht sie auf das damals nahe Gericht über das Volk Israel (66-70 n. Chr.). Beachten wir die Erwähnung des Wortes „Rache“ in 5Mo 32,35.41.43 und vergleichen wir es mit Lk 21,22 („Tage der Rache“). 

Hinzu kommen die Gerichtsstellen von 3Mo 26 und 5Mo 28. Sie sind allgemein gehalten. 
Es könnte sein, dass Gott in 3Mo 26 und 5Mo 28 beide Gerichtshandlungen (diejenige unter Nebukadnezar und die von 66-70 n. Chr.) im Auge hat. Vgl. den Ausdruck „…, bis du ausgelöscht bist“ (5Mo 28,24.45.48.51.61).
Die Rückkehr desjenigen Teils des Volkes, der Buße tut, bringt das Volk unter die Segnungen des Neuen Bundes, die Segnungen in Christus, im neuen „Land“, im neuen „Erbteil“ (1Petr 1,3-5). 

Somit haben wir immer zwei Teile: Ein Teil wird gänzlich ausgelöscht, und ein Teil wird durch Buße und Glaube in Christus gebracht und erhält in Christus den Segen des ewigen Erbteils im neuen Bund. 
Auf diese Weise wird das Volk Israel, dem Gott die Verheißungen gab, nie ausgelöscht. Ausgelöscht wird nur der unbußfertige Teil des Volkes. Das Volk Israel als Volk Gottes lebt im neuen Bund – in Christus – weiter, „bis in die Äonen“.
Ein irdisches Israel als „Volk Gottes“ gibt es nach 70 n. Chr. nicht mehr.